Männliche Schönheit im Wandel der Zeit

Make-up, Frisur, Mode - alles Weiberkram? Von wegen! Auch Männer legen (hohen) Wert auf ihr Äußeres, nur darf es eben nicht so offensichtlich sein. Das bestätigt auch Sozialpsychologe Jacob Guggenheimer. "Männlichkeit soll etwas Natürliches sein. Männer hätten zwar auch gerne keine Achselhaare, es soll aber nicht danach aussehen als hätten sie sie rasiert. Männer hätten gerne einen gepflegten Bart, es darf aber nicht so aussehen als wären sie stundenlang mit der Pflege beschäftigt gewesen."

Fakten

Die Fakten aber sprechen für sich: Anti-Falten-Creme, Cell Booster-Serum, feuchtigkeitsspendene Körperlotion - das Angebot an Beauty-Produkten, die für den männlichen Körper maßgeschneidert sind, ist in den vergangenen Jahren weltweit um fast 70 Prozent gestiegen. Der Anteil der männlichen Patienten der Schönheits-Docs ist von sieben Prozent (in den 1990ern) auf heute knapp 20 Prozent gestiegen. Fett absaugen, Schlupflider anheben und Tränensäcke entfernen sind dabei die häufigsten Eingriffe. Der Kampf um Make-up, Rasierer und Co. ist also noch lange nicht beendet.

Körpersprache

Zwei Trends stehen derzeit im krassen Gegensatz: Anhänger der Richtung "Lumbersexual" sind erkennbar am Bart, längeren Haaren und einem lässigen Holzfäller-Auftreten wie das australische Brüderpaar Liam und Chris Hemsworth oder "Sons of Anarchy"-Beau Charlie Hunnam. Wallemähne und Rauschebart - aber mit Feinschliff und nicht wild wie von Mutter Natur vorgesehen. Tattoos sollen die "schmerzbefreite" Männlichkeit unterstreichen. Auf der anderen Seite stehen die Vertreter des noch relativ jungen Trends "Spornosexual" - glattrasierte Männer mit durchtrainierten Körpern und sanften Gesichtszügen. Berühmteste Vertreter dieses Stils sind Fußball-Gott Cristiano Ronaldo und Mädchenschwarm Zac Efron. Die Wortschöpfung "Sporno" basiert auf dem Ausdruck "when sport meets porn" und stellt den Sportler als Sexsymbole dar, sie wollen für ihren heißen Body und nicht für ihren Modestil begehrt werden. Sogar Puder, Kajal und gezupfte Augenbrauen sind salonfähig.

Trendsetter

Film- und Sport-Stars sind also Tonangeber Nummer eins, auch wenn es um das männliche Schönheitsideal geht. Sie lassen Frauenherzen schmelzen - da muss auch der "normale" Mann mithalten. Aber auch der Staat hat laut Guggenheimer - vor allem in Krisenzeiten - ein Wörtchen mitzureden: "Nationalstaaten waren und sind bestrebt, kriegerische Mannsbilder zu erzeugen. Männer dürfen im Alltag zwar nett und freundlich sein, wenn der Staat aber zu den Waffen ruft, müssen sie furchtlos sein." Kein Wunder also, dass derzeit überall große, stämmige, haarige Männer lauern - sie gelten als das Idealbild eines potenten Kriegers.

Im Gespräch

Weekend: Die 1990er waren gesprägt von Metrosexualität. Wieso?
Jacob Guggenheimer: Nach dem Ende des Kalten Krieges gab es ein Zeitfenster, in dem das Bild des harten Mannes nicht notwendig war. Modehersteller versuchten (vergeblich), den Rock und den Badeanzug für den Mann zu etablieren. Die berühmteste Modeerscheinung der damaligen Zeit war die Enthaarung des Mannes, vor allem dann in den späten 2000ern.

Weekend: Jetzt sprießen die Haare wieder?
Jacob Guggenheimer: Während man Ende des 20. Jahrhunderts und Anfang des 21. Jahrhunderts mit den Geschlechtergrenzen gespielt hat, geht es jetzt wieder zur klaren Zweigeschlechtlichkeit. Mit der Destabilisierung der Weltlage kommt eine klare Anforderung einher - Männer müssen wehrhaft, beschützend und bereit sein. Vor allem in Osteuropa gibt es ein Revival der starken Männerfigur wie Rambo oder Rocky. Wladimir Putin ist ein gutes Beispiel. Er hinkt beim Gehen, Boxer haben diese leichten Sportverletzungen kultiviert. Man trägt sie mit Stolz, ganz nach dem Motto: Ihr solltet mal den anderen sehen.

Autor: Mirela Nowak-Karijasevic, 26.04.2017