Weg damit: Wieso Ausmisten wichtig für die Psyche ist

Viele Besitztümer – oder die richtigen – werden oft als Statussymbole wahrgenommen und geschätzt. Schätzungsweise 10.000 Dinge besitzt ein jeder von uns und wir neigen dazu, immer mehr und mehr Dinge anzuhäufen. Besonders im Alter zwischen 40 und 50 Jahren scheinen wir dem Shoppingwahn verfallen zu sein. Dabei ist es egal, ob wir sie wirklich brauchen oder nicht. Ohne zu überlegen füllen wir unsere Kleiderkästen mit immer neuen Pullis, die den aktuellen Trendfarben entsprechen, dekorieren unser Wohnzimmer mit klugen Sprüchen in Bilderrahmen und bestücken unsere Küche mit noch einer bunten Tasse – schließlich hat sie ein etwas anderes Muster als die anderen und war deswegen allemal den Kauf wert! So packen wir unsere Wohnungen und unser Leben täglich voller und voller. Bei manchen setzt jetzt erst ein Gefühl der Behaglichkeit ein, andere hingegen beginnen die Schwere dieses Besitzes zu spüren und verspüren den immer stärker werdenden Drang, sich von Dingen zu trennen und minimalistischer zu leben. Doch wieso fällt es dennoch so schwer, sich von Dingen zu trennen und was macht es mit unserer Psyche, wenn wir über unseren Schatten springen und endlich ausmisten?

Sich nicht trennen wollen

Es gibt verschiedene Gründe, wieso wir uns von bestimmten Sachen so schwer trennen können. An einigen davon hängen Erinnerungen. Betrachten wir diese Gegenstände, nehmen sie in die Hand, riechen ihren Duft, so fühlen wir uns in der Zeit zurückversetzt und all die Erlebnisse kommen wieder hoch. Wir besitzen aber auch Unmengen an Dingen, die eigentlich keinen ideellen Wert haben. Das sind zum Beispiel Fehlkäufe unsererseits sowie herrlich kitschige oder unnötige Geschenke. Beim Betrachten dieser kommt man dann zwar ins Schmunzeln, wirklich etwas bringen tun solche Gegenstände aber nicht. Im Gegenteil, irgendwann nehmen sie uns den Platz und den Blick für das wirklich Essentielle im Leben! Wieso wir uns dennoch so schwer mit dem Entrümpeln tun, erklärt ein psychologischer Effekt.

Der Endowment-Effekt

Der Endowment-Effekt wird im Deutschen Besitztumseffekt genannt. Laut dieser Theorie schätzen Menschen den Wert eines Gegenstands als höher ein, wenn sie ihn selbst besitzen. Vereinfacht gesagt: Die blau gemusterte Kaffeetasse der besten Freundin ist einem herzlich egal, wohingegen einem die eigene äußerst wertvoll ist. Dazu kommt noch verstärkend, dass Menschen stärker auf einen Verlust als auf einen Gewinn reagieren, im Gehirn wird dabei das gleiche Areal wie bei körperlichen Schmerzen aktiviert. Gegenstände, die erst einmal in unseren Besitz geraten sind, lassen wir also nicht so ohne Weiteres wieder los.

Belastender Besitz

Besitz ist nicht immer erstrebenswert. Häufen sich immer mehr unnütze Dinge (und die Betonung liegt auf unnütz!) an, verursacht das Stress. Wir fühlen uns nicht mehr wohl in den eigenen vier Wänden, finden keinen Platz, sind mit Aufräumen und nach Farben-Sortieren beschäftigt, anstatt uns um wirklich wichtige Dinge im Leben zu kümmern. Plötzlich besitzen nicht mehr wir die Dinge, die Dinge besitzen uns. Ob und an welchem Punkt jemanden der Drang zum Entrümpeln überkommt, ist individuell verschieden. Ebenso fühlt sich jeder von anderen Besitztümern belastet. Der eine liebt seine Büchersammlung und erfreut sich tagtäglich an den hunderten Buchrücken in den Regalen, knallt mit seinem Fuß aber ständig gegen die zwei unnötigen Couchtische, die in der Wohnung herumstehen. Der andere hingegen liest nie auch nur eine Seite, könnte dafür aber nie auf sein Auto verzichten. Los werden würde er eigentlich am liebsten dieses Fernsehgerät, da er sich eh nur jeden Tag über das schlechte Programm ärgert.

Weniger Sachen = mehr Zeit

Ein minimalistischeres Leben kann unseren Blick für die wirklich wichtigen Dinge öffnen. Wer weniger Sachen hat und auch weniger Zeit damit aufwendet, neue Sachen anzuhäufen, hat plötzlich viel mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Eine aufgeräumte, klar strukturierte Wohnung hat Einfluss auf unsere Gedankenwelt und fördert unsere Persönlichkeitsentwicklung. Man muss aber nicht innerhalb eines Tages die ganze Wohnung auf den Kopf stellen. Greifen Sie sich einfach jeden Tag einen Gegenstand und fragen Sie sich: "Brauche ich das noch?" Falls die Antwort "Nein" ist, wissen Sie, was zu tun ist …

Autor: Isabel Folie, 26.04.2021