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Rotes Sackerl mit Lebensmitteln als Symbol für typisch österreichische Wörter und Austriazismen
Sackerl statt Tüte, Paradeiser statt Tomate: Typisch österreichische Wörter sind in heimischen Medien erstaunlich stabil geblieben.
Sackerl statt Tüte, Paradeiser statt Tomate: Typisch österreichische Wörter sind in heimischen Medien erstaunlich stabil geblieben.
KI-generiert / dall.e / Stefanie Hermann

Sagen wir bald Tüte statt Sackerl? So steht es wirklich um unser Österreichisch

21.08.2026 um 15:37, Stefanie Hermann
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Jänner, Sackerl und Paradeiser halten sich seit Jahrzehnten. Doch mit KI könnte sich das ändern. Wie sich Österreichisch entwickelt und was bleibt.

Jänner statt Januar, Sackerl statt Tüte und Matura statt Abitur: Typisch österreichische Wörter gehören weiterhin fest zur heimischen Sprache. Obwohl seit Jahren vor einem Verschwinden der Austriazismen gewarnt wird, zeigt die bislang größte Untersuchung österreichischer Medien ein überraschend stabiles Bild. Forschende der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien haben rund 51 Millionen Presseartikel aus 23 Jahren untersucht. Das Ergebnis: Die österreichischen Begriffe verschwinden nicht.

Größte Studie untersucht typisch österreichische Wörter

Für die Studie haben die Forschenden das österreichische Mediendeutsch von 2001 bis 2023 analysiert. Als Grundlage dient das Austrian Media Corpus mit rund 51 Millionen Presseartikeln und etwa zehn Milliarden Wörtern. Damit handelt es sich laut ÖAW um die bislang größte Untersuchung dieser Art.

Im Mittelpunkt stehen nicht nur einzelne Begriffe. Das Forschungsteam hat insgesamt 76 Wortgruppen analysiert, bei denen unterschiedliche Bezeichnungen miteinander konkurrieren. So trifft etwa „Jänner“ auf „Januar“, „Rauchfangkehrer“ auf „Schornsteinfeger“, „Kaminkehrer“ und „Kaminfeger", und „Haube“ auf „Mütze“ und „Kappe“.

Das zentrale Ergebnis widerspricht der häufig geäußerten Sorge, dass typisch österreichische Wörter zunehmend von bundesdeutschen Varianten verdrängt werden.

„Wir haben keine Variante gefunden, die verschwunden ist, sondern in der Regel eine Stabilität der Gebrauchsfrequenzen. Das ist sehr interessant, weil es vielen Erwartungen widerspricht“, erklärt Sprachwissenschafterin Alexandra N. Lenz von der Universität Wien und dem Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW.

Jänner, Matura und Sackerl bleiben bestehen

Besonders deutlich zeigt sich die Stabilität bei bekannten Begriffen wie Jänner, Matura, Sackerl, Jause und Trafik. Sie haben sich über den gesamten Untersuchungszeitraum im österreichischen Mediendeutsch gehalten.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Austriazismus gleich häufig vorkommt. Wörter, die bereits zu Beginn des Untersuchungszeitraums selten verwendet worden sind, bleiben auch später vergleichsweise selten. Entscheidend ist aber: Sie verschwinden nicht.

„Austriazismen, die schon Anfang des 21. Jahrhunderts mit niedrigen Frequenzen gestartet sind, haben heute noch niedrige Frequenzen“, sagt Lenz. „Aber sie sind nicht verloren gegangen.“

Gleichzeitig bleiben auch jene typisch österreichischen Wörter stabil, die bereits 2001 besonders häufig verwendet worden sind.

TYPISCH ÖSTERREICH
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ÖSTERREICHISCH
Sackerl
Tüte

 

15 typisch österreichische Wörter zum Durchklicken

Rauchfangkehrer schlägt Schornsteinfeger deutlich

Ein besonders anschauliches Beispiel liefert der Rauchfangkehrer. In großen Teilen Österreichs dominiert diese Bezeichnung das Mediendeutsch klar. Bereits 2001 entfallen in den untersuchten Zeitungstexten rund 95 Prozent der entsprechenden Fälle auf „Rauchfangkehrer/in“. Dieser hohe Anteil bleibt bis 2023 weitgehend stabil.

Im Westen Österreichs sieht die sprachliche Landschaft etwas anders aus. Dort kommt auch der Kaminkehrer deutlich häufiger vor und erreicht etwa 30 Prozent der Fälle. Auch dieses regionale Verhältnis bleibt über die Jahre bestehen.

Der in Deutschland verbreitete Schornsteinfeger schafft es dagegen bundeslandübergreifend nur auf niedrige Gebrauchsfrequenzen.

Paradeiser lebt weiter, obwohl die Tomate dominiert

Auch beim wohl bekanntesten sprachlichen Duell zwischen Österreich und Deutschland gibt es keinen Abschied vom Austriazismus. Zwar ist in den untersuchten österreichischen Medien insgesamt die Tomate häufiger vertreten, der Paradeiser hält sich aber weiterhin.

Dabei zeigt die Untersuchung, wie wichtig regionale Unterschiede sind. Der Paradeiser ist vor allem im Osten Österreichs verankert. Dass ein Begriff als typisch österreichisch wahrgenommen wird, bedeutet also nicht automatisch, dass er im gesamten Land gleich häufig verwendet wird.

Beim Jänner ist es beinahe umgekehrt. Das Wort ist in allen Bundesländern verbreitet, wird von vielen Menschen aber gar nicht unmittelbar als Besonderheit des österreichischen Deutsch wahrgenommen.

Was überhaupt als Austriazismus gilt

Austriazismen sind Wörter und sprachliche Formen, die mit dem österreichischen Deutsch verbunden oder als typisch österreichisch wahrgenommen werden. Dabei geht es um weit mehr als die bekannten Klassiker aus Küche und Supermarkt.

„Wir gehen davon aus, dass es je nach Definition etwa 7.000 bis 8.000 Austriazismen gibt“, erklärt Lenz.

Ob ein Ausdruck tatsächlich als Austriazismus eingestuft wird, lässt sich auf unterschiedliche Weise bestimmen. Ein Hinweis kann sein, dass Wörterbücher einen Begriff ausdrücklich als österreichisch kennzeichnen. Entscheidend sein kann aber auch, wie häufig ein Ausdruck tatsächlich in Österreich verwendet wird oder ob ihn Sprecherinnen und Sprecher selbst als typisch österreichisch wahrnehmen.

Diese Ebenen stimmen nicht immer überein. Gerade Jänner und Paradeiser zeigen das deutlich.

Erdapfel und Karfiol haben sogar EU-Geschichte geschrieben

Besonders bekannt sind Austriazismen aus dem kulinarischen Bereich. Erdapfel, Karfiol und andere österreichische Lebensmittelbezeichnungen haben dabei sogar eine rechtliche beziehungsweise politische Besonderheit.

Beim EU-Beitritt Österreichs im Jahr 1995 sind 23 österreichische Lebensmittelbezeichnungen im Beitrittsvertrag festgehalten worden. Das österreichische Deutsch beschränkt sich allerdings keineswegs auf Küche und Lebensmittel. Austriazismen kommen in zahlreichen Bereichen des Wortschatzes vork. Österreichische Besonderheiten gibt es zudem nicht nur bei einzelnen Wörtern, sondern ebenso in der Grammatik und auf der Lautebene.

Warum österreichische Wörter nicht überall gleich klingen

Die Studie zeigt außerdem, dass es nicht das eine einheitliche österreichische Deutsch gibt. Ein Ausdruck, der in Wien oder Niederösterreich selbstverständlich klingt, kann in Tirol, Kärnten oder Vorarlberg wesentlich seltener sein.

Das zeigt sich etwa bei Wortwahl für Kopfbedeckungen – Haube, Mütze und Kappe. In Kärnten und der Steiermark ist „Haube“ in den untersuchten Pressetexten besonders stark vertreten. Gleichzeitig kommen Mütze und Kappe weiterhin vor.

Die regionalen Unterschiede bleiben über die Jahre erstaunlich stabil. Die Untersuchung betrachtet deshalb nicht nur die Entwicklung über die Zeit, sondern auch die geografische Verteilung innerhalb Österreichs.

Österreichische Medien könnten Austriazismen schützen

Für die Forschenden liefert die Medienlandschaft einen möglichen Schlüssel dafür, warum sich typisch österreichische Wörter so hartnäckig halten.

„Die Presselandschaft scheint etwas für die Stabilität der Austriazismen zu tun“, sagt Lenz. Und sie formuliert auch einen einfachen Rat für alle, die österreichische Begriffe erhalten wollen: „Wer möchte, dass bestimmte Wörter erhalten bleiben, kann vor allem eines tun: sie gebrauchen.“

Damit bekommen Zeitungen und andere Medien eine besondere Bedeutung. Wenn Redaktionen bewusst oder selbstverständlich österreichische Varianten verwenden, bleiben diese Begriffe öffentlich sichtbar und werden immer wieder gelesen.

Austriazismen sind auch eine Frage der Identität

Sprache ist eng mit Identität, Herkunft und gesellschaftlicher Zugehörigkeit verbunden.

Das könnte auch erklären, warum Diskussionen über vermeintlich kleine sprachliche Unterschiede regelmäßig emotional geführt werden. Sackerl, Paradeiser oder Rauchfangkehrer sind nicht nur unterschiedliche Bezeichnungen für Gegenstände oder Personen. Sie können gleichzeitig ausdrücken, wo sich jemand sprachlich und kulturell verortet.

Wird KI zur Gefahr für typisch österreichische Wörter?

Während die vergangenen 23 Jahre eine bemerkenswerte Stabilität zeigen, wartet bereits die nächste große Herausforderung auf die Sprachforschung: Künstliche Intelligenz und große Sprachmodelle.

Noch ist offen, welchen Einfluss KI-generierte Texte auf das österreichische Deutsch haben. Eine Befürchtung lautet, dass automatisch erzeugte Texte sprachlich homogener ausfallen und regionale Varianten dadurch seltener werden könnten.

Genau diese Frage will das Forschungsteam in den kommenden Jahren genauer untersuchen. Dabei geht es nicht nur darum, ob einzelne Wörter verschwinden. Entscheidend ist, ob sich die bislang stabilen Verhältnisse zwischen unterschiedlichen sprachlichen Varianten verändern.

Lenz plädiert ausdrücklich für den Erhalt dieser Vielfalt: „Ich bin sehr für Variation und für das Aufrechterhalten von Variation, weil damit auch Identitäten sichtbar und wichtige soziale Funktionen von Sprache aufrechterhalten werden.“

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