„Extinction Internet“: Steht das World Wide Web vor dem Aus?

Der niederländische Medientheoretiker Geert Lovink prophezeit, dass das Internet, wie wir es kennen, schon bald verschwinden wird. Die Menschen werden sich abwenden, die Big Player im Tech-Business wissen das bereits.
Autor: Simone Reitmeier, 17.01.2023 um 15:17 Uhr

Online-Giganten wie Twitter und Amazon entlassen reihenweise Mitarbeiter, Mark Zuckerberg trennt sich freiwillig von seinen sozialen Netzwerken und Privatpersonen agieren fast nur mehr über Apps. Das World Wide Web, wie wir es kennen, liegt im Sterben und ist an einem „Point of no return“ angekommen. Davon ist Geert Lovink, Medienwissenschaftler und Netzkritiker aus den Niederlanden, fest überzeugt. Eine Reparatur oder Kehrtwendung sei nicht mehr möglich.

Tech-Konzerne beherrschen das Netz

Das dezentrale Wissensnetzwerk „Internet“ sei verloren gegangen, es wurde laut Lovink von großen Tech-Konzernen übernommen. Und die sind nicht an den Rechten und am Wohlbefinden der User interessiert, sondern an Macht und Geld. Konsum, Kommerz und weitgehend automatisch arbeitende Computerprogramme – sogenannte „Bots“ – regieren das Netz. „Seit über einem Jahrzehnt leben Abermilliarden in Plattformabhängigkeit von Google, Amazon, Apple, Microsoft, Facebook, Twitter und so weiter. Weil es so einfach und bequem ist, und dazu kostenfrei“, erläutert der Niederländer. „Mittlerweile gibt es keine freie Wahl mehr im Sinne von Marktfreiheit.“ Das sei der Hauptgrund, warum das Internet zum Scheitern verurteilt ist. Wann wird das Internet aufhören zu existieren? „Es ist längst dabei im Hintergrund zu verschwinden.“

User zahlen mit Abhängigkeit und verzerrtem Selbstbild

Sind die negativen Folgen des Internets inzwischen größer als die positiven? „Gute Frage. Kaum einer kann das beantworten, weil wir erreichbar sein müssen und es derzeit keine Alternativen gibt“, meint Lovink. Das Angebot im Netz ist zwar weitgehenden kostenlos, Überwachung und Kontrolle sowie Fake News und Verschwörungstheorien nehmen aber zu. User bezahlen mit Abhängigkeit, Zeitverschwendung, Narzissmus, Depression, Angststörungen und einem verzerrtem Selbstbild. „Das Internet ist keine Droge und die vielen Millionen Benutzer in Österreich sollten wir nicht als Patienten betrachten. Das Problem liegt nicht auf Konsumentenseite“, so Lovink, der Tech-Konzerne, Milliardäre und Algorithmen für das Internet-Sterben verantwortlich macht. Diese Unternehmen würden sich aber nicht von selbst zurückziehen, das könne nur von der EU reguliert werden.

Laptop auf Kopf eines Mannes, Gedanken werden von einer unsichtbaren Hand im Netz gelenkt. | Credit: iStock.com/SvetaZi

Alternativen werden gebraucht

Die Konsequenz aus diesen Entwicklungen: Menschen werden sich zunehmend von Technologie abwenden. Eine andere Kommunikationsarchitektur als über die gängigen Plattformen kann man sich gar nicht mehr vorstellen. „Ich bin sehr aktiv im Netz“, sagt Lovink – allerdings bei weitgehend unbekannten Anbietern. Zum Beispiel auf Mastodon statt Twitter, bei Signal und Telegram statt Whatsapp oder bei DuckDuckGo statt Google Search. „Die Liste ist mittlerweile lange und zeigt, das Alternativen nachhaltig und oft sogar besser sind. Bleibt nur noch die Frage: Warum stecken wir in der Plattformfalle?“ Lovink glaubt, dass „wir uns davon (dem Internet) entwöhnen können.“ Nichts spreche dagegen, dass andere Softwarelösungen entwickelt werden, die Datenschutz, Suchtpotenzial und Hass im Netz nicht aus den Augen verlieren.

Suchmaschine DuckDuckGo auf Smartphone. | Credit: DuckDuckGo

Geert Lovinks Essay „Extinction Internet“ („Untergang Internet“) kann man sich als Audiobook auf Englisch anhören. In wenigen Monaten soll auch eine Version in Deutsch erscheinen.