Die vier häufigsten Irrglauben über Tierheim-Hunde

Die Tierheime platzen aus allen Nähten, doch Klischees und Vorurteile halten die Österreicher davon ab, einen Vierbeiner zu adoptieren.
Autor: Conny Engl, 26.09.2022 um 14:50 Uhr

Land der Tierliebhaber!? Um die 840.000 Hunde und rund 1,9 Millionen Katzen leben in den österreichischen Haushalten. Zählt man Kleintiere dazu, gibt es in beinahe der Hälfte aller Haushalte tierische Mitbewohner. Neun von zehn Österreichern geben an, dass sie Tiere lieben.*) Dennoch landen jedes Jahr tausende Hunde, Katzen und andere Haustiere in Tierheimen. Die Corona-Pandemie hat das ganze noch einmal verschlimmert.

*)GfK Haustierpanel 2022

Hunde als Krisen-Verlierer

Viele Menschen haben sich in Zeiten von Lockdown und Home Office ein tierisches Familienmitglied geholt, es dann aber wieder abgegeben. Die Covid-Krise hat vor allem Hunde getroffen, wie Jonas von Einem von Tierschutz Austria bestätigt: „Die Abgabeanfragen haben sich in den beiden letzten Sommern teilweise vervierfacht. Der traurige Begriff 'Lockdown-Hunde' resultiert aus dieser Zeit.“

Nur einer von fünf adoptiert wirklich

Drei von fünf Hundeeltern in Österreich haben einmal in Erwägung gezogen, einen Hund aus dem Tierheim aufzunehmen. Aber nur einer von fünf hat das Vorhaben tatsächlich umgesetzt. So das Ergebnis einer Online-Umfrage von Mars Austria. Die Entscheidung gegen ein neues Familienmitglied aus dem Tierheim, basiert aber meist auf falschen Vorstellungen. Die vier größten Irrglauben im Realitäts-Check:

 

Irrglaube Nr. 1

„Tierheime beherbergen nur 'schwierige' Hunde mit problematischer Vorgeschichte.“

Der häufigste Grund, warum sich Österreicher gegen einen Hund aus dem Tierheim entschieden haben, ist die Sorge wegen der Herkunft und Vergangenheit des Vierbeiners. 43 Prozent der Umfrage-Teilnehmer haben deswegen Bedenken. Dass Tierheimhunde per se „schwierige“ Hunde sind, ist aber ein trauriges Klischee, sagt Jonas von Einem von Tierschutz Austria. Er klärt über die tatsächliche Situation im Tierschutzhaus in Vösendorf auf, das wie fast alle Tierheime in Österreich derzeit aus allen Nähten platzt.

Viele Hunde hätten zwar negative Erfahrungen mit Menschen gemacht, doch bei weitem nicht alle. Die Gründe, warum ein Hund im Tierheim landet, sind unterschiedlich: entweder weil die Bezugsperson verstorben ist oder Veränderungen der Lebenssituation – sprich Scheidung, Geburt, Umzug oder Jobverlust. „Auch aus Krisengebieten, wie zum Beispiel der Ukraine, haben wir Hunde zu uns genommen. Unsere Pfleger, Trainer und Paten arbeiten täglich mit den Hunden und schenken ihnen viel Liebe, damit sie sozial verträglicher werden und leichter in ein neues Zuhause integriert werden können“, erzählt von Einem.

Irrglaube Nr. 2

„In Tierheimen gibt es nur ältere Hunde.“

Insbesondere jüngere Menschen wünschen sich einen Welpen oder jungen Hund. Die (falsche) Annahme, dass es diese in Tierheimen nicht gibt, ist laut Mars-Umfrage der zweithäufigste (29 Prozent) Grund, keinen Hund zu adoptieren. Im Tierschutzhaus Vösendorf findet man jedoch – wie in vielen anderen Tierheimen auch – von Welpen über Junghunde bis zu Senioren jedes Hundealter. „Welpen werden allerdings erst vergeben, wenn sie alt genug sind und auch alle sonstigen Rahmenbedingungen dies zulassen“, betont Jonas von Einem und ergänzt: „Aufgrund der relativ hohen Fluktuation ist es schwierig, eine genaue Prozentzahl zu nennen, da jüngere Hunde auch in der Regel schneller wieder vergeben werden können.“

Irrglaube Nr. 3

„Es gibt keine Rassehunde in Tierheimen.“

27 Prozent der Befragten gaben an, dass sie keinen Hund aus dem Tierheim wollen, weil sie sich eine bestimmte Rasse wünschen. Allergien, besondere Bedürfniss oder frühere Erfahrungen führen dazu, dass sich einige potenzielle Tiereltern stattdessen direkt an den Züchter wenden. Auch wenn im Tierschutzhaus Vösendorf unterschiedlichste Hunde in puncto Rasse und Größe anzufinden sind, unterstreicht von Einem: „Ein Tierheim ist aber keine Tierhandlung. Ziel einer Vergabe ist es immer, die Wünsche und Bedürfnisse beider Seiten – Mensch und Tier – bestmöglich zu erfüllen. Unsere Trainer können hier sehr gut beraten udn auch die ein oder andere falsche Annahme potenzieller Tiereltern auflösen.“ Ziel sei es grundsätzlich, das perfekte Match zwischen Mensch und tier zu finden und ein möglichst guten Ankommen im neuen Zuhause sicherzustellen.

Irrtum Nr. 4

„Die Erziehung und Sozialisierung von Tierheim-Hunden ist schwieriger.“

Weitere 27 Prozent der Teilnehmer sorgen sich, dass ein Hund aus dem Tierheim besondere Probleme hat, möglicherweise überempfindlich ist und neu erzogen werden muss. „Natürlich kommt es darauf an, was die Tiere davor erlebt haben. Bei einigen Hunden kennen wir die Vorgeschichte sehr gut, bei anderen braucht es Zeit, sie näher kennenzulernen und sich in aktiven Trainingseinheiten ein Bild zu machen“, erklärt Jonas von Einem. Mit konstantem Training sei aber selbst ein erwachsener Hund bereit, neue Dinge zu lernen, denn: „Ein Hund lernt – wie der Mensch – sein ganzes Leben lang.“ Ein neuer Hund im Haus, ob aus dem Tierheim oder nicht, erfordert jedenfalls eine Anpassung von allen Beteiligten. „Wir bieten allen, die ein Tier von uns adoptieren, Hilfestellung an. Viele Adopotiveltern nehmen auch Privatstunden bei unseren Hundetrainern in Anspruch“, so von Einem.

Hauptgrund für eine Adoption

Drei Viertel aller Herrlis und Fraulis, die ein Familienmitglied aus dem Tierheim aufgenommen haben, nennen hingegen als Hauptmotivation für ihre Entscheidung, dass es „das Richtige ist, einen Hund zu adoptieren“.