Weg damit: Diese Stars wurden "gecancelt"

Ob Lisa Eckhart, Winnetou oder J. K. Rowling – wer oder was heutzutage in irgendeiner Weise als nicht korrekt gilt, wird aus der Öffentlichkeit verbannt. Den Ton gibt dabei die sogenannte Cancel Culture an.
Autor: Simone Reitmeier, 01.09.2022 um 07:30 Uhr

Der tapfere Indianer-Häuptling „Winnetou“ hat in seinen glorreichen Tagen viele Kämpfe gewonnen, gegen die „Cancel Culture“ hat aber selbst Karl Mays fiktive Kultfigur keine Chance. Der Vorwurf: ein romantisiertes Bild des indigenen Volkes, kulturelle Aneignung, Rassismus. Ob das zu weit geht oder gerechtfertigt ist, darüber lässt sich streiten. Fakt ist: Winnetou ist nicht der Einzige, der jüngst in die Falle der Cancel Culture tappte. Und er wird garantiert nicht der Letzte sein. Beispiele gibt es zur Genüge…

Whoopi Goldberg

Die 66-jährige Schauspielerin wurde aufgrund einer Holocaust-Aussage vom US-Sender ABC zwei Wochen lang aus der von ihr co-moderierten Talkshow „The View“ abberufen. Die Sister Act-Darstellerin meinte, bei den Nazi-Verbrechen ging es „nicht um Rasse“, sondern um „zwei Gruppen weißer Menschen“, um „Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber anderen Menschen“. Goldberg entschuldigte sich schließlich via Twitter.

Helen Mirren

In “Woman in Gold” spielt die preisgekrönte Schauspielerin Helen Mirren die Jüdin Golda Meir, eine israelische Ikone und die erste Premierministerin Israels. Geht es nach der britisch-jüdischen Schauspielerin Maureen Lipman, sei ihre Kollegin aber eine Fehlbesetzung: Sie ist keine Jüdin. Das brachte Mirren einen Shitstorm ein, die Rolle sei nicht authentisch besetzt, Mirren fehle angeblich die „Jewishness“. Ähnliche Vorwürfe kassierte der Film „Music“, das Regiedebüt von Sängerin Sia: Die Hauptrolle der Autistin wird von Maddie Ziegler und nicht von einer autistischen Schauspielerin verkörpert. 

Helen Mirren als Golda Meir in “Woman in Gold” . | Credit: Courtesy Everett Collection / Everett Collection / picturedesk.com

J. K. Rowling

Die Harry Potter-Autorin äußerte sich bereits mehrmals kritisch zu Transsexualität und Gender-Themen. Unter anderem über ein schottisches Gesetz, das Geschlechtsanpassung erleichtern soll. Rowling zufolge könnte das von gewalttätigen Männern ausgenutzt werden, um zum Beispiel als „Frau“ an Frauen in Gefängnissen ranzukommen. Transaktivisten werfen der Autorin vor, eine „TERF“ zu sein – eine Feministin, die transsexuelle Frauen nicht anerkennt. Twitter-User und Streamer riefen zum Boykott auf, ein Buchfestival strich den Potter-Bereich und einzelne Buchläden möchten Werke aus dem Programm nehmen.

J.K. Rowling auf Twitter in Anspielung auf das Wort „Women“ (Anm. d. Red..):

`Menschen, die menstruieren.' Ich bin mir sicher, dass es mal ein Wort für diese Leute gegeben hat. Helft mir mal auf die Sprünge. Wumben? Wimpund? Woomud? 

Shakespeare & Co.

Weltliteratur verschwindet zunehmend von den Leselisten und aus Bibliotheken. Die Holocaust-Graphic Novel „Maus“ von Art Spiegelman (Sohn von KZ-Überlebenden) wurde in Tennessee/USA von einem Lehrplan entfernt. Darin seien zu viel Nacktheit, obszöne Sprache und Darstellungen von Suizid zu finden. An britischen Unis werden hingegen Werke von Shakespeare, Strindberg oder Colson Whitehead „entfernt“ – zu "klassistisch", gewaltverherrlichend oder zu viel Sklaverei.

Die Ärzte

Die deutsche Punkrock-Band cancelt sich selbst und wird ihren Kultsong „Elke“ (1998) nicht mehr live spielen, wie Frontmann Farin Urlaub auf einem Konzert selbst erklärt haben soll. "Nee, Leute. ‚Elke‘ ist fatshaming und misogyn. So was spielen wir nicht mehr, das ist letztes Jahrtausend“, sollen seine Worte gewesen sein. Der Songtext enthält mehrere abwertende Passagen in Bezug auf eine dicke Frau. Fans reagierten auf die „Selbstzensur“ gemischt. Ein Twitter-Nutzer nennt die Band „Absolute Mainstreamnu****“, ein anderer antwortet mit „Punk is dead“. Andere wiederum feiern die Band für diese Entscheidung. 

Mario Parizek

Eigentlich sollte der österreichische Musiker in der Züricher Bar „Gleis“ auftreten. Doch dazu kam es erst gar nicht. Weil Mario Parizek weiß ist und Rastalocken trägt – das wird seit kurzem als „kulturelle Aneignung“ verachtet. Ähnlich ging es der Dreads tragenden Musikerin Ronja Maltzahn, die bei einer Fridays for Future-Veranstaltung auftreten sollte. Sie wurde kurzerhand ausgeladen, weil man dort ein „antikolonialistisches und antirassistisches Narrativ setzen“ wollte.

Eminem

In diesem Fall hat sich die TikTok-Gemeinde mit dem Falschen angelegt. User störten sich an dem 2011 veröffentlichen Song „Love the Way You Lie“, in dem Eminem gemeinsam mit Rihanna eigene Erfahrungen verarbeitet. Der Text würde häusliche Gewalt verherrlichen, mit „#canceleminem“ wurde das Battle eröffnet. Der Rap-Superstar antwortete allerdings nicht mit einer Entschuldigung, sondern mit dem Disstrack „Tone Deaf“, indem er Mangel an Sensibilität und stumpfe Gefühllosigkeit der Community anprangerte.

Eminem bei seinem Auftritt beim Superbowl 2022. | Credit: Ted S. Warren / AP / picturedesk.com

“Layla”

Party-Hit oder sexistischer Inhalt – die Ballermann-Nummer Layla von DJ Robin x Schürze sorgt nach wie vor für hitzige Diskussionen. Konkret geht es um folgende Textzeile: „Ich hab' 'nen Puff und meine Puffmama heißt Layla. Sie ist schöner, jünger, geiler.“ Um niemanden vor den Kopf zu stoßen, wurde der Song aus dem Radio und von vielen Festen verbannt – unter anderem auch vom Münchner Oktoberfest.

Lisa Eckhart

Die österreichische Kabarettistin sollte 2020 beim Harbour Front Literaturfestival aus ihrem Debütroman „Omama“ lesen, wurde aber wieder ausgeladen. Andere Autoren wollten nicht gemeinsam mit Eckhart auftreten und der Veranstalter fürchtete Proteste. Warum? Zwei Jahre zuvor witzelte die provokative Künstlerin in der WDR-Sendung „Mitternachtsspitzen“ über die MeToo-Debatte und Juden. Das wurde als antisemitisch ausgelegt. Ihre Antwort auf die Kritik: "Satire soll niemandem schmeicheln. Sie soll dem Publikum Schmerzen bereiten". 2021 legte Eckhart nochmals nach und äußerte erneut einen geschmacklosen Juden-Witz.

Lisa Eckhart | Credit: GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com