Wer dreht zuerst zu? Die Abhängigkeit Österreichs vom russischen Erdgas

Das flüssige Gold sichert Energie und ist Rohstoff für Düngemittel aber auch für viele lebenswichtige Medikamente.
Autor: Verena Schwarzinger, 11.03.2022 um 10:52 Uhr

Österreich verbraucht pro Jahr rund acht Milliarden Kubikmeter Gas. Zwischen 70 und 80 Prozent der österreichischen Gasimporte kommen aus Russland. Die wichtigste Pipeline ist die Nord Stream 1 über die Ostsee. 70 Prozent des Erdgases gehen an die oberösterreichischen Industriebetriebe, 30 Prozent sind Raumwärme. Würde Russlands Präsident Vladimir Putin oder die Österreichische Regierung unter Bundeskanzler Karl Nehammer den Gashahn zudrehen, steht die Versorgung der Privathaushalte an erster Stelle. Auswirkungen und Einschränkungen bekäme die Industrie zu spüren, sagen Experten.

Multitalent Erdgas

Erdgas wird in Österreich vor allem als Energieträger eingesetzt: rund ¼ aller Haushalte verwendet den Rohstoff zum Heizen oder für die Warmwasseraufbereitung. Aber auch für die Erzeugung von Strom und als Kraftstoff zum Beispiel im Verkehr wird Erdgas eingesetzt.

Erdgas ist vielfältig und wird auch für die Produktion von Düngemittel oder für lebenswichtige Medikamente verwendet. Ein Lieferstopp des russischen Erdgases aufgrund der Russischen Invation hätte daher drastische Konsequenzen für österreichische Chemieunternehmen. Die Branche hat einen Maßnahmenmix erarbeitet, mit dem die Versorgung der Industrie sowohl kurz- als auch längerfristig gewährleistet werden soll. „Der Fokus muss zuallererst auf einer raschen Auffüllung der Gasspeicher und einer Diversifizierung der Erdgas-Lieferanten gelegt werden. Das Zeitfenster dafür steht nicht ewig offen.“, mahnt Hubert Culik, Obmann des Fachverbands der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO), der eine sofortige Umsetzung, die Organisation von Transport- und Speicherkapazitäten sowie einen Schutz vor zu hohen Kosten fordert.

Kommt die Düngemittelkrise?

Einige Unternehmen vor allem in der Düngemittelerzeugung mussten bereits Produktionsstopps vermelden. Erdgas als zentraler Energieträger macht in der Produktion etwa 70 Prozent der Gesamtkosten aus. Die steigenden Preise führen aktuell zu Rekordpreisen bei Düngemitteln, sofern diese überhaupt am Markt verfügbar sind. Namhafte Düngemittelanbieter sind bereits vom Markt gegangen, womit der Agrarhandel aktuell keinen Dünger zukaufen kann.

Auch der geplante Verkauf der Düngemittelsparte der OMV-Tochter Borealis an den russisch-schweizer Konzern EuroChem wurde nun auf Eis gelegt. „Wir haben die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und den verhängten Sanktionen eingehend geprüft“, so Thomas Gangl, Vorstandsvorsitzender von Borealis und ergänzt: "Infolgedessen haben wir beschlossen, das Angebot von EuroChem für den Erwerb des Stickstoffgeschäfts von Borealis, welches Pflanzennährstoffe, Melamin und technische Stickstoffprodukte umfasst, abzulehnen.“