Wein - ein rentabler Genuss

Wer in Luxusweine investiert, kann eine durchaus stabile Rendite erzielen. Immer beliebter werden nicht nur die edlen Tropfen an sich, sondern auch Weinaktien und der neueste Trend Wein-Tokens.
Autor: Jessica Hirthe, 03.01.2022 um 06:00 Uhr

Überirdischer Tropfen für eine Million Dollar: Das New Yorker Auktionshaus Christie’s bot im Frühsommer eine Flasche Rotwein vom Weingut Châteaux Pétrus bei Bordeaux mit einem Schätzpreis von einer Million Dollar an. Er wurde 14 Monate lang auf der Internationalen Raumstation ISS gelagert. Ob der galaktische Wein tatsächlich diesen Wert erzielte? Es handelte sich um eine private Versteigerung, bei der Käufer und Preis unter Verschluss bleiben. Sollte tatsächlich jemand diesen Preis gezahlt haben, hat dieser Wein den bisherigen Rekordhalter Romanee-Conti, Jahrgang 1945, der 2018 bei Sotheby’s für 558.000 Dollar den Besitzer wechselte, als teuersten Wein der Welt abgelöst.

Emotionaler Wert treibt Preise in die Höhe

„Solche Spitzenwerte haben mit dem Wein an sich gar nichts mehr zu tun, sondern haben einen emotionalen Wert. Von dem Romanee-Conti gab es nur 600 Flaschen. Es war der letzte Wein der damaligen Gemarkung, dann wurde der Weinberg gerodet. Die Story muss einfach stimmen“, erklärt der deutsche Wein­experte Valentin Brodbecker, Autor von „Wein als Investment“. Doch beim Fine-Wine-Investment dreht es sich nicht unbedingt um solche nahezu utopischen Summen, sondern man kann auch durchaus mit ein paar Tausend oder Zehntausend Euro ein gutes Geschäft machen. Ein Premier Cru aus dem Bordeaux verdoppelt im Schnitt in zehn Jahren seinen Preis, was einer jährlichen Rendite von 7 Prozent entspricht. Wein hat für viele als alternative Geldanlage einen enormen Reiz, weil es zwar ein extravagantes, aber durchaus stabiles Investment mit stetigem Aufwärtstrend ist. Allerdings: Investieren in Wein ist mindestens so komplex wie der Handel mit Rohstoffen und Derivaten. Für Laien ist es nicht leicht, sich ein eigenes Wein-Portfolio mit ­Renditenpotenzial aufzubauen. Deswegen rät Brodbecker: „Man sollte sich vorher schlau machen, was als Investment Sinn macht, und von Experten beraten lassen.“

Nur wenige Weine für Investment geeignet

Denn tatsächlich eignet sich nur weniger als 1 Prozent der weltweiten Weine, nämlich etwa 200, als Investment-Grade-Wines. Der mit Abstand größte Anteil kommt aus den französischen Regionen Bordeaux und Burgund, dazu kommen Raritäten aus Italien, Spanien, Amerika und Australien. Die seit 2004 etablierte Londoner Weinbörse Live-Ex erstellt jedes Jahr mit der „Power 100“ eine Liste der aktuell mächtigsten Weingüter und damit der auf dem internationalen Fine-Wine-Markt gesuchtesten und sammelwürdigsten Weine. Auf Platz eins der 2020er-Liste steht die Burgunder-Domain Leroy, auf Platz zwei mit der Domaine Leflaive ebenfalls ein Burgunder-Weingut. Mit Gaja, Sassicaia, Ornellaia und Masseto sind auch vier italienische Betriebe in den Top Ten vertreten. Aus dem deutschsprachigen Raum schaffte es einzig Klaus Peter Keller aus Rheinhessen mit seinem Riesling auf Platz 66 in die „Power 100“. „Österreichische Weine spielen auf dem Investmentmarkt kaum eine Rolle, weil zu wenige Flaschen davon produziert werden“, so Brodbecker.

Liv-Ex 100 ist die Benchmark der Branche

Natürlich war die Coronakrise auch bei der Weinbörse zu spüren, allerdings nur kurz: In der Total Exposure, der Summe aller Bids und Offers, brach das Jahr 2020 bei Liv-Ex alle Rekorde: Mit einer wöchentlichen Exposure von bis zu 80 Millionen Pfund Sterling lag die Total Exposure doppelt so hoch wie 2018 und achtmal so hoch wie 2011. Der oben genannte Liv-Ex 100, die Benchmark der Branche, legte einen Anstieg um 4,65 Prozent hin. Auf Fünf-Jahres-Sicht zog der Index insgesamt um 24 Prozent an.

Trinkreifefenster und Bewertungen entscheidend

Es gibt noch weitere Kriterien, die dafür sorgen, ob ein Wein tatsächlich im Wert steigt oder nicht. Obwohl umstritten, sind die Bewertungen der bekannten Weinkritiker ein wichtiger Maßstab bei einer Investition. Weinpapst Robert Parker ist zwar mittlerweile in Ruhestand, aber mit seinem „The Wine Advocate“, das Neal Martin übernommen hat, immer noch der Einflussreichste. Untersuchungen haben ergeben, dass ein um einen Punkt höheres Parker-Rating die Rendite einer Weininvestition um bis zu 5,5 Prozent steigert. Neue Jahrgänge sind spekulativer als ältere. Denn bei Letzteren stehen die Bewertungen bereits fest.     Allerdings steigen die Preise älterer Jahrgänge langsamer und werden irgendwann ein ­Plateau erreichen, wenn sich das Trinkreifefenster zu schließen beginnt. Denn die Lebensdauer von Wein ist begrenzt. Spitzenrotweine können bis zu 50 Jahre genießbar sein und erreichen das optimale Trinkfenster oftmals erst nach zwei Jahrzehnten. Heißt: Wenn man sich so einen Wein jetzt kauft, erzielt man den besten Preis dafür in 20 Jahren.

Spekulation auf Weine, die noch an Rebe wachsen

Man kann auch in Weine investieren, die noch gar nicht auf dem Markt sind: „Wenn man in Futures investiert, kann man gut und gerne 20 Prozent erzielen. Allerdings ist das Spekulation, weil man nicht weiß, wie sich diese Weine entwickeln werden. Das sind Subskriptionen, das heißt, dass der Wein jetzt schon bestellt und bezahlt ist, er aber erst in einem Jahr ausgeliefert wird“, erklärt Experte Brodbecker. Die ersten Bewertungen der Weinpäpste sind dann ausschlaggebend für den tatsächlichen Preis. Weininvestoren, die tatsächlich damit Geld machen und die edlen Tropfen nicht selbst trinken wollen, haben noch etwas Entscheidendes zu beachten: Die Weinschätze müssen auch über längere Zeit richtig gelagert werden können. Dunkel, konstant 10 bis 15 Grad warm, 50 bis 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. Wer das zu Hause nicht hat, kann sich bei Spezialfirmen einmieten. Denn sonst ist schnell der Wert dahin, wenn sich der Füllgrad verringert, sprich der Wein verdunstet, was auch auf einen beschleunigten Alterungsprozess hindeutet. Das Füllniveau ist auf Auktionen das wichtigste Kriterium zur Beurteilung. Wer Wein lieber trinkt, als zu warten, bis er an Wert gewinnt, kann auch in Weinfonds, Aktien oder Direktbeteiligungen investieren. Die meisten Weinfonds sind in Großbritannien und den USA zu finden. In Österreich bietet die Raiffeisen Centrobank ein Wine Basket an. Tipp von Experte Brodbecker: „Auf den Liv-Ex spekulieren, da gibt es bei Bloomberg auch einen ETF.“ Wer den klassischen Aktienmarkt bevorzugt, kann Aktien börsennotierter Weinhändler kaufen. Zum Beispiel von Constellation Brands, der größte Weinproduzent der Welt, zu dessen Getränkeimperium übrigens das Bierlabel Corona gehört, aber auch die Weinmarke „Robert Mondavi“. Wein macht bei dem US-Konzert gut 30 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Weitere börsennotierte Weinkonzerne: der Champagnerproduzent Laurent-Perrier (Frankreich), der Rioja-Güter-Zusammenschluss Baron de Ley (Spanien), Concha y Toro (Chile) oder ­Treasury Wine Estates (Australien).

Oder gleich ein ganzes Weingut kaufen

Auch eine Möglichkeit: sich gleich ein ganzes Weingut zu kaufen. Angelina Jolie hat eins, Gerard Depardieu ebenfalls, genauso Günther Jauch und Didi Mateschitz. „Das kommt immer mehr“, weiß Valtentin Brodbecker, der selbst auch in der Nachfolgeberatung für Weingüter tätig ist. „Es gibt viele Interessierte, die nachhaltig investieren wollen oder eine romantische Vorstellung haben.“ Wer sich ein Weingut kaufe, dürfe allerdings keine Angst vor der Produktion haben: „Das muss man dann regeln.“ Zweite Möglichkeit: Teilhaber eines Weinguts werden. „Mittlere oder kleine Güter sind oft froh, weil sie Nachfolgeprobleme haben.“

Tokens im digitalen Weinkeller lagern

Auch im digitalen Investmentmarkt ist Wein bereits zu finden – vor allem auch interessant für Anleger mit einem kleineren Geldbörsel. Grundlage ist die Blockchain-Technologie, mit der sich Eigentumsrechte an Sachwerten in viele kleine Teile zerlegen lassen. So kann man Teilhaber einer wertvollen Flasche Wein werden, wenn man sie sich nicht ganz leisten kann oder will – allerdings natürlich ohne sie dann im eigenen Keller stehen zu haben oder sie jemals zu sehen. Die Wein-Tokens lassen sich nur im digitalen Depot aufbewahren. Brodbecker warnt: „Man muss wirklich darauf achten, dass die Tokens tatsächlich an ein physisches Produkt gebunden sind.“ Er bleibt Befürworter des „klassischen“ Weininvestments: „Wenn die Investition schiefgeht, kann ich die Flasche immer noch öffnen und den Wein zumindest trinken.“

Ein ausführliches Interview mit Wein-Experten Valentin Brodbecker lesen Sie in der aktuellen Print- oder Epaper-Ausgabe der CHEFINFO.