Startups: Traditionell untraditionell

Startups als junge technologie­affine Unternehmen können per se über keine Tradition verfügen und dennoch verknüpfen immer mehr von ihnen einen traditionellen Unternehmensgegenstand mit modernster Technologie. Beispiel gefällig? Antonio Giacomo Stradivari (1648 – 1737) gilt bis heute als bester Geigenbauer der Welt. Wer eine seiner Bratschen besitzen will, muss bis zu 45 Millionen US-Dollar hinblättern, Geigen aus seiner meisterlichen Hand gibt’s schon ab wohlfeile 2,7 Millionen. Maker Harris Matzaridis von ViolinoDigitale fehlte dieses „Kleingeld“, also baute er sie nach, zum einen mit traditionellem Handwerk, zum anderem mit Teilen aus dem 3D-Drucker. Der Korpus besteht aus Holzfilament aus dem Drucker, Steg, Griffbrett und Zierteile aus traditionellem Holz. Der Klang ähnelt tatsächlich dem ­Original. Stradivaris Klang könnte mit Matzaridis Technologie und seinem Know-how für alle Ewigkeiten konserviert werden.

Friedwald statt Friedhof

Der Ewigkeit hat sich auch das Startup Evertree verschrieben. Sie haben eines geschafft, was vor ihnen bisher noch keinem Startup bei der VOX-Startup-Show „Höhle des Löwen“ gelang, nämlich den hartgesottenen und vermeintlich so coolen Investoren allesamt Tränen herauszulocken. Ein Schicksalsschlag – der Tod des Vaters der Geschwister Helena und Andreas Hohnke – war trauriger Ausgangspunkt einer Startup-Idee. Sie wollen das jahrhundertealte traditionelle Konzept des Friedhofs durch die des Friedwaldes ersetzen. Aus der Asche eines Verstorbenen produziert Evertree eine Urne, aus der ein Baum erwachsen kann. Basierend auf einem Bio-Kunststoff aus Kokosfasern wird das nun möglich und damit eine jahrhundertealte – im wahrsten Sinn des Wortes –, in Stein gemeißelte Tradition neu erfunden.

Combeenation

Design it yourself

Allein diese beiden Beispiele zeigen auf, dass Startups Traditionen aufbrechen und gleichzeitig konservieren können. ViolinoDigitale beweist, dass traditionelles Handwerk und Digitalisierung keine Gegensätze sind, sondern sich ganz im Gegenteil perfekt ergänzen können. Evertree ist ein Exempel dafür, dass selbst im Falle des Todes der Wunsch nach Individualität und Individualisierung – in diesem Fall eines Baumes, den es nur einmal auf der Welt gibt – immer stärker wird. Individualisierung ist seit langem schon ein Trend in der Startup-Welt. Produkte werden so nach den Wünschen der Kunden gefertigt. Möglich wird das erst, seitdem es Online-Konfiguratoren gibt, wie sie das Mühlviertler Startup Combeenation programmiert. Das ermöglicht maßgefertigte Produkte, die in ihrem ursprünglichen Wesen ganz traditionell sein können.

Lederhose vom „Webdesigner“?

Beispiel gefällig? Das norddeutsche Start­up Sternpuschen etwa begann mit „Puschen“, also Patschen für Kinder, die individuell online designt werden können. Das Sortiment wurde nach und nach ausgebaut und mittlerweile gibt es sogar Kinder-Lederhosen zum Selbstdesignen in allen erdenklichen Farben. Eine rosarote „Hello Kitty“-Lederhose mag Puristen zwar verschrecken, ist aber möglich, dank der Technologie und des Handwerks – schließlich werden alle Produkte nach wie vor per Hand genäht. Ein Beispiel für viele in der Modebranche. In Europa hat den Trend dazu Spreadshirt losgetreten. Das mittlerweile als Spread Group börsennotierte Unternehmen löste 2002, damals als studentisches Startup gegründet, eine wahre Welle an heutigen „Web-Printshops“ aus. Über Spreadshirt werden nicht nur individuelle Shirts designt, man kann seine Kreationen auch über den eigenen virtuellen Subshop zum Verkauf anbieten.

Unverschwendet 

Leg mal eine andere Platte auf

Mehr als ein solcher Printshop ist Dr. Dub aus Fieberbrunn. Die Tiroler sprangen auf den Vinyl-Trend auf, denn die traditionelle klassische Schallplatte ist wieder stark im Kommen. Dr. Dub ermöglicht seinen Kunden die Produktion von völlig individualisierbaren Platten in verschiedenen Farben mit einem selbst gestalteten Cover bereits ab einer Auflage von einem Stück. Bisher mussten bei vergleichbaren Shops 100 und mehr Longplayer bestellt werden. Bleiben wir bei der Musik: Die ältesten Musikschulen der Welt gehen auf die Jesuiten zurück. Die älteste offizielle Musikschule in Österreich wurde 1837 in St. Pölten gegründet. Der Besuch einer Musikschule kostet Geld, aber vor allem Zeit – leidgeplagte Eltern wissen das zu gut. Die Linzer Florian Lettner und Wolfgang Damm wollten das ändern. Sie gründeten mit Fretello die Gitarrenschule per App. Die App führt durch den Unterricht, hört zu und gibt Tipps zur Verbesserung des eigenen Spiels. Ähnliches kann tonestro aus Wartberg an der Aist, nur mit Blasmusikinstrumenten. Österreich ist also nicht nur das Land mit den besten Musikschulen weltweit, sondern auch beim virtuellen Musikunterricht ganz vorn mit dabei.

Mit KI gegen die Verschwendung

Doch nirgendwo sind Startups so umtriebig wie in der Lebensmittelbranche. Dank modernster Technologien werden Lebensmittel vor der Vernichtung gerettet, um dann ganz traditionell „eingekocht“ zu werden. So ent­stehen bei dem 2015 gegründeten Startup „Unverschwendet“ Ketchup, Saucen, Chutneys oder Marmeladen aus „geretteten“ Früchten bzw. Gemüse. Man bedient sich dabei einem programmierten Überschussmanagement. Anhand dieser Algorithmen weiß Unverschwendet, wann welche Obst- und Gemüsesorten im Überfluss am Markt sind und vor einem wahrscheinlichen Ende in der Mülltonne stehen. Die KI verfügt etwa über eine „Tomaten Überschuss Prognose“. In Kooperation mit dem Lebensmittelhandel und der Gastronomie rettet das Startup so Tonnen von Lebensmitteln. Die aus Steyr stammende Gründerin und gelernte Köchin Cornelia Diesenreiter liefert ihre Produkte mittlerweile nicht nur in die Spitzengastronomie, sondern an große Ketten wie Rewe oder Metro. Und wenn Sie nun die zündende Startup-Idee hatten, dass zu all diesen kulinarischen Genüssen nur noch das konfigurierbare eigene gebraute Bier fehlt – Pech gehabt. In Japan, den USA und mittlerweile auch in Deutschland ist das schon möglich.

Autor: Jürgen Philipp, 23.07.2021