„Prozesseffizienz ist in unserer DNA“

Hubert Zajicek, Mitglied des Vorstandes der voestalpine AG und Leiter der Steel Division mit Sitz in Linz, im Interview über die Transformation von Österreichs größtem CO2-Emittenten zur Klimaneutralität 2050, LD 2.0, wie der Konzern die Gaskrise löst und warum hochwertiger Stahl aus Linz für die Energiewende unabdingbar ist.
Autor: Klaus Schobesberger, 19.07.2022 um 07:36 Uhr

CHEFINFO: Die erste Frage drängt sich auf. Wie reagiert die voestalpine, als einer der größten Gasverbraucher Österreichs, auf die aktuelle Krise?
Hubert Zajicek: Wir haben schon frühzeitig mit der Vorsorge begonnen. Der gesetzliche Rahmen war allerdings bis April nicht ganz eindeutig – im schlimmsten Fall hätte die Republik unser gespeichertes Gas ohne Entschädigung einziehen können. Die Rahmenbedingungen haben sich nun geändert. Im Mai haben wir uns erstmals eigene Gasspeicher vertraglich gesichert. Die voestalpine wird bis 1,5 TWh an Gas u. a. in den RAG-Speichern Haag und Haidach einspeichern. Diese Menge ermöglicht drei Monate Vollbetrieb bzw. einen entsprechend längeren Teilbetrieb. Auch für den Fall einer möglichen Reduzierung bzw. eines gänzlichen Lieferstopps aus Russland haben wir uns bestmöglich vorbereitet.

Die voestalpine ist einer der größten CO2-Emittenten Österreichs. Wie will man einen CO2-intensiven Prozess sauber machen? Das klingt ja fast nach Alchemie.
Zajicek: Wir starten nicht bei null. Die voestalpine hat in den vergangenen Jahrzehnten Luftemissionen und Energieverbrauch auf das technologische Minimum reduziert und zählt damit zu den Benchmark-Unternehmen in ihrer Branche. Wir waren immer schon sehr konsequent und sind dabei in einem ständigen guten Dialog mit den Behörden und der Bevölkerung. Prozesseffizienz liegt in unserer DNA. Ich bin überzeugt davon, dass wir bei den Themen Energieeffizienz und Emission absoluter Benchmark sind. Das bestätigen auch die Statistiken. Wenn es um das Rennen für eine grüne Zukunft geht, sind wir in der ersten Startreihe. Doch das Erreichte, auf das wir stolz sind, genügt uns nicht. Wir sind – per Definition –einer der größten CO2-Emittenten in Österreich. Das Werk in Linz ist auch im europäischen Maßstab einer der größten Stahlstandorte Europas. Die Technologieumstellung hin zu einer grünen Produktion stellt die gesamte europäische Stahlindustrie vor große Herausforderungen. Die Transformation ist anspruchsvoll, fordernd und gleichzeitig motivierend.

Die voestalpine bietet bereits CO2-reduzierten Stahl an. Welche Pläne haben Sie, um den Fingerprint weiter zu reduzieren?
Zajicek: Wir haben mit greentec steel einen klaren Stufenplan, wie wir die CO2- Emissionen senken können. Wesentlich ist dabei für uns, dass unser grüner Stahl unsere hohen Qualitätsansprüche erfüllt. Die voestalpine steht für hochqualitative Stahlgüten, Elektroband und Spezialstähle. Wir können und wollen unsere Innovationsführerschaft beibehalten, deshalb kombinieren wir den Elektrolichtbogenofen mit unseren bewährten Aggregaten. Der nächste wesentliche Meilenstein ist die Errichtung je eines Elektrolichtbogenofens in Linz und in Donawitz. Die Vorarbeiten dafür haben bereits begonnen. Die beiden Elektrolichtbogenöfen werden bereits im Februar 2027 in Betrieb gehen und allein mit diesem Schritt werden wir ab 2027 die CO2-Emissionen in Linz und Donawitz um rund 30 Prozent reduzieren können. Mit dieser Maßnahme können wir in Linz einen Hochofen ablösen. Betrieben wird der neue Ofen mit grünem, nachhaltigem Strom. Der zweite Schritt kann Anfang der 2030er-Jahre mit der Errichtung eines weiteren Elektrolichtbogenofens erfolgen. Damit könnten wir in Linz die Hochöfen 5 und 6 außer Betrieb setzen. Den größten Hochofen, den Hochofen A, behalten wir noch. Langfristig, bis 2050, wollen wir CO2-neutral produzieren. Dazu forschen wir bereits intensiv an vielversprechenden Breakthrough-Technologien, wie zum Beispiel mit der Wasserstoffpilotanlage H2FUTURE an unserem Standort in Linz. Wasserstoff gilt für eine grüne Stahlproduktion als vielversprechende Option, aber es sind hier noch viele technologische Fragen offen. Ich denke, in den 2030er-Jahren wird sich entscheiden, was dafür die richtige Technologie ist. Wir meinen, dass wir mit unseren unterschiedlichen Forschungsprojekten gut aufgestellt sind. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass sowohl für die Umstellung auf die Hybridtechnologie sowie für die Stahlerzeugung auf Basis grünen Wasserstoffs ausreichend grüner Strom zu wirtschaftlichen Preisen vorhanden sein muss.

Wie wird an einem solch gigantischen Umbruch konkret geforscht?
Zajicek: Wir entwickeln die Prozesse im F&E-Maßstab und vergrößern sie Modul für Modul, also Schritt für Schritt. Unser Ziel ist, dass wir eine Technologie entwickeln, die einen ähnlichen Impact hat wie das LD-Verfahren vor 70 Jahren, das von Linz aus seinen Siegeszug um die Welt antrat. Wenn man die Innovationsführerschaft für sich in Anspruch nimmt, muss man natürlich Neuland betreten. Wir wählen dafür den modularen Zugang, sodass wir stets unsere qualitative Positionierung abschätzen können.

Nach wie vor herrscht ein traditionelles Bild der Stahlherstellung vor, man denkt etwa an den klassischen Hochofenarbeiter im Feuerfestgewand. Entspricht das noch der Realität?
Zajicek: Natürlich gibt es diese klassischen Berufsbilder noch, doch unser Arbeitsalltag hat sich dramatisch gewandelt. Unsere Anlagen laufen vollautomatisch, wir sind ein digitalisiertes Unternehmen. Vom Rohstoffzulauf bis zur Einlagerung unserer Produkte beim Kunden ist alles digitalisiert und bis zum kleinsten Sensor an der Anlage automatisiert. Wir können vom Brammenabguss bis zum Fertigprodukt – einem zwei Kilometer langen Band – bei einem Fehler auf den Zentimeter genau sagen, welches Prozessumfeld geherrscht hat. Einen solchen Digitalisierungsgrad wird man in unserer Branche kaum finden. Damit haben sich auch die Anforderungen an die Mitarbeiter geändert. Die schweren körperlichen Arbeiten werden von Maschinen übernommen, die Mitarbeiter übernehmen immer mehr steuernde und kontrollierende Aufgaben. Das geänderte Aufgabengebiet verlangt dementsprechende Weiterbildungen. Wir bieten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern daher laufende Aus- und Weiterbildung an. Bildung hat in der voestalpine einen hohen Stellenwert.

Springen wir noch einmal zurück zur Energiefrage. Die voestalpine ist der größte Verbraucher von elektrischer Energie des Landes. Sie betreiben am Standort auch die größte Wasserstoff-  Versuchsanlage Österreichs. Welche Rolle kann Wasserstoff als Energieträger spielen?
Zajicek: Wir sind nicht nur ein beträchtlicher Stromverbraucher, sondern auch ein großer Stromerzeuger. Die voestalpine produziert am Standort Linz 75 Prozent ihres Strombedarfs über anfallende Prozess- und Hüttengase selbst und wir betreiben unser eigenes Kraftwerk. Ein wesentliches Forschungsziel unserer H2FUTURE-Anlage ist es, immer dann, wenn es Energiespitzen durch erneuerbare Quellen wie Wind oder Sonne gibt, darauf reagieren zu können. Wenn also mehr Windenergie in Europa vorhanden ist, als benötigt, nehmen wir diese Energie ab und verwandeln sie in speicherbaren Wasserstoff. Unsere Anlage kann sehr dynamisch in einen Überlastbereich gehen und Situationen, die zu einer Überlastung der Netze führen könnten, abpuffern. Die H2FUTURE-Anlage ist übrigens die größte Wasserstoffanlage in der Stahlindustrie. Alle unsere diesbezüglichen Forschungsaktivitäten haben zum Ziel, dass wir uns bis 2050 komplett von fossilen Energieträgern trennen können. Erdgas wird bis dahin keine Rolle mehr spielen. Wir brauchen in etwa 33 TWh Energie, das ist ein Drittel des jährlichen Stromverbrauchs von ganz Österreich, und dazu braucht es Konzepte, woher diese Energie kommt. Daran arbeiten wir unter  Hochdruck. Abgesehen davon: Stahl spielt eine wesentliche Rolle bei der Energiewende. Ohne Stahl gäbe es kein Windrad und ohne Stahl gäbe es keine Wasserstoffturbine. Nicht ohne Grund sieht die Europäische Union die Stahlindustrie als strategische Industrie. Es braucht Stahl, um die Klimaziele zu erreichen.