Metapervers(e)? Abtauchen in die neue Virtual Reality

Mark Zuckerberg will eine wunderbare neue virtuelle Welt erschaffen – das Metaverse. Was steckt dahinter? Welche Chancen und Gefahren birgt es? Und was hat ein Roman von 1992 damit zu tun?
Autor: Jürgen Philipp, 30.03.2022 um 09:58 Uhr

Geht es nach Mark Zuckerberg werden wir schon bald eine bunte Welt namens „Metaverse“ mit unseren Avataren bevölkern. Dieses Metaverse gibt es bereits, und zwar in der Literatur. 1992 schrieb Neal Stephenson den Roman „Snow Crash“, ein dystopischer dunkler Roman samt Mafiastrukturen, Söldnerheeren, Sektenkult, Drogen und Todesstrafe bei unpünktlicher Pizzalieferung. In Stephensons Werk wurden die Nationalstaaten von Privatunternehmen abgeschafft. Um der beinharten Realität zu entfliehen, gehen die Protagonisten in das „Metaverse“, eine virtuelle Parallelgesellschaft, in der sie eine Verschwörung aufdecken. So viel zur Fiktion, doch wie ist es um die Realität bestellt? Kann der Meta-Konzern (Facebook, Instagram, WhatsApp …) unsere Gesellschaft beeinflussen, ja gar beherrschen – oder geht es nur ums Geld?

Auch virtuelle Welten sind real

Uli Meyer, Abteilungsleiter am Institut für Soziologie an der JKU, schickt voraus: „Technologie, mit Ausnahme der Militärtechnologie, ist nie per se böse oder gut. Es hängt davon ab, was man damit macht. Metaverse ist die Idee des Meta-Konzerns, der selbst gestaltet und kontrolliert, und das ist hochproblematisch. Solche Plattformen sind primär im Interesse der Unternehmen ausgestaltet.“ Meyer erinnert Metaverse frappierend an das bereits vor 15 Jahren entstandene „Second Life“, eine Art „zweite Lebenssimulation“. „Doch auch die Prognosen von Second Life haben sich nicht bewahrheitet.“ Trotzdem gibt Meyer Grundsätzliches zu bedenken: „Die Gegenüberstellung von Realität und virtueller Welt funktioniert nicht. Auch virtuelle Welten sind real. Im Gegenteil: Virtuelles wird oft als realer und relevanter angesehen, etwa die Zahl der Follower oder Likes.“ Der Professor glaubt deshalb nicht an einen Kontrast zwischen physischer und virtueller Welt, sondern an ein Verschmelzen.

Wir könnten uns eine ganz andere Form von Gesellschaft überlegen. Technisch ist es nicht notwendig eine kapitalistische Logik in eine virtuelle Welt zu übertragen.

Viele virtuelle Welten statt einem Metaverse

Die Frage, wie fast immer bei Technologiesprüngen, ist die Ausgestaltung. „Wenn wir eine volle virtuelle Welt hätten mit eigener Wirtschaft, Währung, Kunst und Kultur, die von einem Unternehmen geprägt ist, wäre das fatal. Wir könnten statt auf diese eine virtuelle Welt auf potenziell konstruktive Formen von virtuellen Welten setzen und tun das bereits. Wir können über große Distanzen im virtuellen Raum zusammenarbeiten, und in der Psychotherapie gibt es Ansätze, mit virtuellen Tools bestimmte problematische Teile der Welt auszublenden.“ Virtuelle Realitäten werden außerdem erfolgreich in der Schule und beim Lernen eingesetzt. „Es kommt also darauf an, was man daraus macht.“ Natürlich gibt es auch heute bereits Schattenseiten dieser virtuellen „Parallelwelt“. „Heute kauft man sich Skins in Computerspielen, um besser oder reicher auszusehen. Das gab es schon bei Stephenson.“ Auch im Metaverse könnte es laut Meyer zu hyperkapitalistischen Tendenzen kommen, Ungleichheit wird dort wohl ebenso wenig beseitigt wie in der physischen Welt, doch: „Wir könnten uns eine ganz andere Form von Gesellschaft überlegen. Technisch ist es nicht notwendig, eine kapitalistische Logik in eine virtuelle Welt zu übertragen.“

Sexuelle Belästigung in VR-Games

Und auch der Schein einer „sauberen virtuellen Welt“ wird sich laut Meyer nicht aufrechterhalten lassen: „Es gibt schon erste sexuelle Belästigungen in der virtuellen Welt, gerade von Minderjährigen, etwa bei VRChat oder Horizon Worlds. Da mussten bereits Mindestabstände bei den Avataren eingeführt werden. Wir nehmen also alles Positive und Negative mit hinüber.“ Positiv empfindet Meyer etwa die Möglichkeit, Identitäten zu tauschen: „Das könnte dazu führen, mehr Empathie zu entwickeln. Es kann aber auch das Gegenteil passieren.“ Facebook selbst ist ein solches Beispiel aus positiver und negativer Ausgestaltung technischer Möglichkeiten. „Im Arabischen Frühling wurde Facebook als demokratisches Instrument gefeiert. Ein paar Jahre später wird es für den Untergang der Demokratie verteufelt. Es stimmt beides. Es wird von allen genutzt, auch von Kriegspropaganda. Die Wahrheit stirbt immer als Erstes. Natürlich finden wir es sympathischer, wenn die Ukraine statt Russland die Wahrheit manipuliert, aber es ist das Gleiche.“ Die identische Verwendung der Technologie wird mit anderen Werten verbunden. Wohin die Reise geht, will Meyer nicht sagen: „Das ist unredlich“. Er gibt zu bedenken, dass es noch vor zwei Jahren unvorstellbar war, dass Atemschutzmasken von einem Teil der Bevölkerung als Symbol der Unterdrückung wahrgenommen werden, oder noch vor wenigen Wochen, dass es zu einem Krieg in Europa kommen könnte. Doch bei einem ist er sich sicher: „Wir werden immer mehr lokale, spezialisierte virtuelle Welten haben, in der Arbeit, Schule oder Freizeit. Diese Räume müssen wir gestalten und das ist die große Herausforderung der Gesellschaft. Wir brauchen daher eine aktive Diskussion und Akteure, die den Prozess verstehen und begleiten. Das ist wichtiger als Zukunftsprognosen.“