Lindinger Modellbau: Der Online-Pionier vor 23 Jahren

Den ersten Online-Shop launchte Pionier Fritz Lindinger bereits 1999. Der heutige Fokus auf E-Commerce verändert auch die Unternehmenskultur mit. Face-to-Face-Kontakt nimmt deutlich ab.
Autor: Jürgen Philipp, 24.03.2022 um 16:26 Uhr

Ein Meter Regal in der Papierwarenabteilung des Supermarktes seines Vaters war die Keimzelle eines der größten Modellbauhändler Europas. Friedrich Lindinger III. begründete mit diesem Regal den heutigen E-Commerce-Vorreiter. 1988 startete er mit einem Modellbau-Katalog in Eigenregie und mühevoller Handarbeit. Heute wird im vollautomatischen Lager in Inzersdorf im Kremstal jedes der mehr als 40.000 Produkte digital erfasst und in den Onlineshop integriert. Fritz Lindinger war dabei ein Pionier. „Den ersten Onlineshop launchte mein Schwiegervater bereits 1999. Er war immer schon technologieinteressiert und sah rasch die Vorteile der Automatisierung. Wir greifen heute noch schnell auf neue Technologien zu“, schildert Geschäftsführer Matt White. Aktuell werden rund 90 Prozent des Umsatzes online erwirtschaftet. Doch mit bloßer Technologie wird man nicht zum Branchenprimus. „Wir kombinieren das mit Beratungskompetenz. Wir beschäftigen viele Mitarbeiter, die selbst begeisterte Modellbauer sind und unsere Kunden verstehen. Ansonsten könnte jeder einen solchen Shop aufmachen.“ E-Commerce ist für Lindinger nicht bloß ein Distributionsmittel, sondern ein entscheidender Kanal, um mit Fachkompetenz zu punkten. Seit 2017 ist man auch im B2B-Geschäft tätig. Rund 300 Händler kaufen in Inzersdorf ein.

Ohne Beratungskompetenz geht online nichts

Neben Beratungskompetenz und technischem Know-how ist ein weiterer Knackpunkt erfolgreicher E-Commerce- Strategie die Logistik. „Wir hatten einen großen Vorteil, weil wir vom klassischen Versandhandel bereits ein eigenes Warenwirtschaftssystem hatten.“ Seit 2009, mit der Übersiedlung in die neue Zentrale, sorgt ein vollautomatisches Lagersystem für rapide Bearbeitung
und Versand der Ware in die ganze Welt. „In unserer Branche ist die Verfügbarkeit von Produkten entscheidend. Fehlt etwa ein Ersatzteil, so müssen wir das so rasch wie möglich liefern können.“

Technologie verändert die Kultur

Der Fokus auf E-Commerce verändert auch die Unternehmenskultur. „Wenn heute 70 Prozent der Belegschaft im Homeoffice wären, würde das kaum auffallen. Wir haben die passenden Systeme dazu. Der Face-to-Face-Kontakt nimmt bei einer Fokussierung auf E-Commerce natürlich deutlich ab.“ Das bringt auch Vorteile bei der Suche nach Fachkräften. „Leidenschaftliche Modellbauer mit großem Know-how sind bei uns gefragt. Die finde ich aber im Großraum Kirchdorf nicht. Ohne dieses Know-how würden wir als Fachhändler aber unsere Glaubwürdigkeit verlieren.“ Deshalb greift Lindinger auf Berater zurück, die etwa in Hamburg oder in der Steiermark sitzen und vom Homeoffice aus Kunden betreuen. Die Besonderheiten dieser Branche zeigen sich auch im Berufsbild: „Seit drei Jahren gibt es einen eigenen Lehrberuf E-Commerce-Kaufmann. Das zeigt, wie neu die Systeme noch sind“, schildert White, der im Bundesgremium für E-Commerce der WKO dieses Berufsbild mitgestaltet hat.

E-Commerce-Strategien sind hochdynamisch

Was ist nun der goldene Weg des E-Commerce? Gibt es ein Erfolgsrezept? „Nein“, meint White, die Strategie muss ständig angepasst werden. „Man muss wissen, was sich am Markt tut, in welche Richtung ich mit dem Kunden gehen will, welche Kanäle ich dafür brauche, welche Suchmaschinen ich nutze, welche Sprachen, welche Länder ich bedienen möchte. Ich muss Content- Strategien entwickeln, Social-Media- Kanäle bedienen, Übersetzungen und Betriebsanleitungen anbieten und vieles mehr. E-Commerce ist unheimlich dynamisch. Wenn man nur zwei Jahre nichts tut, kann man danach wieder von vorne beginnen. Ich habe daher jeden Monat eine neue E-Commerce-Strategie.“ Die richtige Strategie zu finden bedeutet damit Work in Progress. Als der gebürtige US-Amerikaner White 2009 nach Österreich kam, hatte er keinerlei Erfahrungen mit dem Onlinehandel, nun nennt er ihn „mein Baby“. Ein Baby mit dem er selbst mitwuchs. „Österreich ist in dem Bereich durchaus innovativ. Es gibt Startups und Unternehmen, die von Österreich oder Deutschland aus in die USA gehen.“ Die Stellung der USA in diesem Geschäftsfeld ist natürlich nach wie vor dominant, aber: „Österreich ist gar nicht so weit hinten. Es tut sich viel und es gibt immer mehr gute Ausbildungen.“

Wenn man nur zwei Jahre nichts tut, kann man danach wieder von vorne beginnen. Ich habe daher jeden Monat eine neue E-Commerce-Strategie.

DACH-Domäne mit Luft nach oben

Der Modellbau ist dabei eine typisch deutschsprachige Domäne und führt etwa in den USA ein Schattendasein. „Als ich hierherkam, wusste ich gar nicht, dass es Modellbausportvereine gibt. Hier hat fast jeder eine Verbindung zum Modellbau.“ Es ist also noch einiges an Potenzial zu heben. „Wir werden uns deshalb weiter internationalisieren.“ Die Konkurrenz zur virtuellen Welt sieht White nicht so dramatisch, im Gegenteil: „Viele steigen in die Modellbauwelt über Simulatoren ein. Irgendwann möchte man dann selbst ein Flugzeug steigen lassen und steuern. Am Simulator kann ich üben und meine Skills für die reale Welt verbessern. Da kann nichts kaputtgehen.“ Der Trend zu DIY-Bausätzen oder Spielzeugrobotern ergänzt den klassischen Modellbau. „Das ist wichtig, um mechanisch und elektronisch zu lernen.“