Let's work together

Eine Hofübergabe in Gallneukirchen mag jetzt nicht sonderlich spektakulär klingen. Ungewöhnlicher schon, dass Michaela Neuhauser – wie in ihrer Familie seit Generation üblich – eine Frau den Hof übernahm. Doch am ungewöhnlichsten mag am „2kanter“ sein, dass keine Bioschafe mehr gezüchtet, sondern Geschäftsmodelle, Kooperationen und Startups kultiviert werden. Der „2kanter“ ist ein Co-Working-Space – pardon Co-Working-Hof –, in dem kleine Firmen, EPUs, aber auch Abteilungen von größeren Unternehmen gemeinsam an einem Ort arbeiten und kooperieren können. „Wir planen seit zweieinhalb Jahren an dem Projekt und haben überlegt, was man daraus machen kann bzw. was wir machen wollen“, schildert Gernot Neuhauser und ergänzt: „Es sollte etwas Geiles werden.“ Die  Landwirtschaft weiter zu betreiben, kam für das Ehepaar nicht in Frage, einzig das Brennrecht aus der Maria-Theresien-Zeit soll noch hin und wieder genutzt werden, doch dazu später.

Alles steht und fällt mit der Community

Die Neuhausers begannen sich, intensiv mit dem Thema „Co-Working-Space“ zu beschäftigen und suchten nach Best-Practice-Beispielen. Alle anderen Betreiber waren dabei stets kooperativ. „Es gab da keinen Konkurrenzgedanken.“ Besondern nützlich war der Besuch der PostWerkStatt in Ottensheim, die Stefan Parnreiter-Mathys 2018 gegründet hat. Parnreiter hatte bereits einige Erfahrung, schließlich nutzte er schon in seiner Zeit in Wien diese ­Büroformen. Als er in seine Heimat Ottensheim zurückkehrte, mietete sich der Unternehmensberater in der Tabakfabrik ein. „Es gab wenig Synergien und ich konnte nicht viel herausziehen, zudem lag sie verkehrstechnisch sehr ungünstig.“ Das Gasthaus zur Post kam da wie gerufen. Der Wirt suchte eine Nachnutzung für den ehemaligen Festsaal. Nachdem Parnreiter 2013 mit seinem Konzept erst einmal abblitzte, erhielt er fünf Jahre später den Zuschlag. Parnreiters Erfahrung in der Tabakfabrik war bereits ein erstes Learning, wenn es um Co-Working-Spaces geht: die Community.

Von Hackern und Hackfleisch

Diese steht auch beim 2kanter – der Kunstname entstand, weil vor 150 Jahren zwei „Kanten“ des ehemaligen Vierkanters abbrannten – im Vordergrund. „An erster Stelle bei Co-Working-Spaces steht die Community. Corona gab zusätzlichen Auftrieb, weil die Sozial­kontakte fehlten. Außerdem lenkt im Homeoffice der Blick auf das dreckige Geschirr von der Arbeit ab.“ Der 2kanter hat sich für ein Konzept mit elf geschlossenen Büros und insgesamt 25 Schreibtischen entschieden. Der Communityaufbau bzw. der Austausch wird durch Begegnungszonen unterstützt. Zudem soll ein buntes Programm, wie Expertentalks von IT-Security über Grill-Workshops bis zu Feng-Shui, geboten werden. „Netzwerke in Österreich haben meist eine gewisse Farbe. Wir wollen aber alle Farben haben und einen möglichst bunten Branchenmix.“ Ende 2021 soll es losgehen, die Interessentenliste ist lang. „Unser großer Pluspunkt ist die Lage am Speckgürtel von Linz. Linzer fahren gegen den Strom, sprich gegen den Stau. Man kommt aus der Stadt raus und ist dennoch in ihrer Nähe.“ Natur pur lautet die Devise. Der vor 600 Jahren erstmals urkundlich erwähnte Hof verfügt über zehn Hektar Wiesen und Wälder.

Community findet sich (fast) von selbst

Die PostWerkStatt liegt zwar nicht im Grünen, sondern inmitten des Ottensheimer Ortszentrums, mit dem Anti-Stau-Argument wollte man dennoch punkten. „Dort arbeiten, wo der Stau anfängt“, schildert Parnreiter die Anfänge des Brandings, aber das Konzept zog nicht. „Das hat mich gewundert, weil ich 2019 Vater wurde und mir damals dachte, jede Sekunde mit meinem Kind ist wertvoll. Da ist tote Zeit im Stau kontraproduktiv.“ Aber niemand – weder EPUs, Angestellte, Personalisten oder Geschäftsführer größerer Unternehmen – sind auf den Zug aufgesprungen. Bis vor Kurzem, als ein großer Konzern anrief: „Der brauchte auf der Stelle 40 Arbeitsplätze. Das war mir aber zu groß.“ Denn auch in der PostWertStatt steht die Community im Vordergrund samt gegenseitigem Austausch. „Als Systemtheoretiker sage ich, dass sich die Community fast von selbst findet. Ein bisschen managen sollte man aber doch. Ursprünglich hatte ich die Vision, einen Beraterspace einzurichten. Das hat nicht funktioniert – egal: Jetzt ist es noch bunter, und damit auch viel spannender.“ Damit ein Miteinander funktioniert, wurden klare Spielregeln und eine relativ strenge Policy beim Thema „Lärm“ etabliert. „Wir gehen zum Telefonieren raus oder nutzen die Telefonkabine. Nach dem ersten Lockdown habe ich baulich nachgeschärft und erstmals ein Single Office eingebaut. Man legt wieder mehr Wert auf die Privatsphäre. Vor allem der Datenschutz ist ein Thema.“ Dennoch steht das Miteinander im Vordergrund: „Wir sind in einem Gasthaus untergebracht, da ergeben sich gemeinsame Mittagessen oder ein Abend-Bier von selbst.“ Im 2kanter wird der Community-Aufbau ebenso angeregt. „Jeden Donnerstag ist ein Business-Bier geplant, jeden Montag ein gemeinsames Frühstück. Das konterkariert die Ego-Gesellschaft. Ein Co-Working-Space lebt vom offenen Austausch, von einer ehrlichen Community, mit der man gemeinsam an Ideen tüfteln kann. Oft sind es vermeintliche Mitbewerber, die Potenzial bieten. Dazu muss man sich öffnen, über den Tellerrand blicken und die Ellenbogen-Mentalität ablegen“, so Neuhauser.

Workation – auf Urlaub und trotzdem in der Arbeit

Dass die Zukunft des Arbeitens in kooperativen Strukturen funktionieren wird, steht für beide fest. „Co-Working wird die Art, wie wir arbeiten, definitiv verändern“, ist sich Neuhauser sicher. Unternehmen benötigen immer mehr Input von außen. In starren Konzernstrukturen bleibt man aber meist unter sich. Auch digitale Nomaden, welche die Welt bereisen und flexibel und für einen kürzeren Zeitraum ein Büro samt Infrastruktur benötigen, hat der 2kanter im Fokus. „Wir haben Flexdesks, die man online buchen kann, und sogar eine Wohnung im Erdgeschoß, die man für Workation nutzen kann.“ Workation kombiniert Arbeiten mit Urlaub. „Man nimmt sich eine Auszeit, um neue Ideen auszubrüten.“ Im 2kanter wird es daher auch Stellplätze für Wohnmobile geben. „Sind digitale Nomaden auf der Durchreise, stehen ihnen eine Dusche und WC im Nebengebäude zur Verfügung. Sie haben Strom und können unsere Infrastruktur nutzen.“

Bevor einem die Decke im Homeoffice auf den Kopf fällt

Digitale Nomaden stehen in der PostWerkStatt weniger im Fokus: „Die Hälfte meiner Mieter sind junge Mütter, die arbeiten, wenn die Kinder im Kindergarten sind. Für EPUs, denen im Home­office die Decke auf den Kopf fällt, ist unser Co-Working-Space ein Fluchtpunkt“, so Parnreiter. Auch Neuhauser kann Ähnliches berichten: „Frauen sind mutiger und offener. Unsere ersten acht Interessenten waren alle Frauen.“

Yoga im Seminarraum

Betreiber von Co-Working-Spaces müssen flexibel sein. „Ich habe nie im Entferntesten daran gedacht, dass in unserem 48 m2 großen Seminarraum je etwas anderes passieren könnte als Seminare. Auf einmal standen da ein halbes Dutzend Yogagruppen vor der Tür und nutzten ihn. Man kann also keine Blaupause planen, sondern muss immer situativ reagieren.“ So wie die Anschaffung eines Großformatdruckers, den der ­Betreiber der PostWerkStatt ursprünglich als zusätzliches Zuckerl für seine Mieter vorsah. „Mittlerweile machen wir damit ein Drittel unseres Umsatzes. Auflagen, die für normale Druckereien zu klein sind, werden nun inhouse gedruckt.“ Auch die Neuhausers sind stets auf der Suche nach neuen Kooperationen, von einer E-Carsharing-Plattform bis zur Integration ins Kepler Valley, als Schnittstelle zwischen JKU und der FH Hagenberg. „Da gibt es eine riesige Aufbruchstimmung. Wir sind daher mit sehr viel Herzblut und Idealismus an der Sache, denn reich wird man mit einem Co-Working-Space nicht.“ Und sollte selbst das nicht klappen: „Haben wir einen Plan B – unseren Schnaps“, schmunzelt Neuhauser.

Autor: Jürgen Philipp, 10.11.2021