Klimarisiko ist Anlagerisiko

Grün wurde an der Wall Street lange nur mit dem „Greenback“ konnotiert, ein Jargon für Dollar, die es zu verdienen galt. Wie schmutzig und mies die Geschäfte auf Kosten der Umwelt oder der Mitarbeiter waren, spielte lange kaum eine Rolle, weil vieles im Dunkeln blieb. Doch das hat sich grundlegend geändert. Grüne Finanzen sind ein Megatrend. Spätestens seit Larry Fink (68), Chef des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock, zum mächtigsten Treiber für den Klima­schutz innerhalb der Investoren-Elite wurde, kommt niemand mehr in der Finanzwelt an diesem ­Thema vorbei. „Das Klimarisiko ist auch ein Anlagerisiko“, macht er in seinem jüngsten „Brief an die CEOs“ Unternehmen Druck. Und: „Wir sind überzeugt, dass nachhaltige und klima­bewusste Portfolios Anlegern bessere risikobereinigte Renditen bieten können.“ Die USA selbst will unter Joe Biden zum Vor­reiter punkto Klimaschutz werden. Kosten: zwei Billionen US-Dollar. Im Jänner hat auch die EU-Kommission den ersten Finanzierungsplan für ihren Green Deal präsentiert: eine Billion Euro für die nächsten zehn Jahre. Auf der Welt­klimakonferenz in Glasgow Ende des Jahres („COP 26“) sollen die wichtigsten Akteure der Finanzwelt eine neue grüne Weltordnung etablieren. Die Zielvorgaben wurden von den EU-Staaten und von rund hundert weiteren Regierungen bereits festgelegt: null Emissionen bis spätestens 2050. Grüne Geldströme sollen rund um den Globus für die Finanzierung sorgen.

Großes Potenzial

Diese seltene Allianz von Investoren und Politikern beeinflusst nicht nur das Verhalten von Unternehmen, die Klimaneutralität in Angriff zu nehmen, sondern auch das Börsengeschehen. Unternehmen, die im Bereich Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (ESG) eine solide Figur machen, werden von Anlegern belohnt. Nach Daten des Analyseunternehmens Morningstar könnten nach ESG-Kriterien verwaltete Vermögen mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 16 Prozent bis 2025 die Hälfte aller in den USA veranlagten Kundenvermögen ausmachen.

Zitat Christian Nemeth, CIO Zürcher Kantonalbank

Handelsplätze wie die New Yorker Börse legen Indizes und Derivate nach ESG-Kriterien auf, um Investoren anzulocken und deren Entscheidung zu vereinfachen. Banken und Versicherungen schließen sich an oder setzen auf eigene nachhaltige Fonds. Was genau als nachhaltig klassifiziert werden kann, gleicht in der Kommunikation oft einer „Blackbox“. Die EU will mehr Transparenz schaffen, auch um „Greenwashing“ zu verhindern – ein Begriff, der für Unternehmen verwendet wird, die sich einen grünen Anstrich verpassen, ohne wirklich verantwortungsbewusst zu agieren.

Mehr regulatorische Vorgaben

Die Offenlegungsverordnung SFDR (Sustainable Finance Disclosure Regulation) soll mehr Transparenz schaffen. Was bedeutet sie für Anleger? „Die Verordnung eröffnet dem Privatanleger einen ersten Überblick über die Berücksichtigung des Themas ‚Nachhaltigkeit‘ bei dem jeweiligen Finanzdienstleister. Da die Verordnung als ein erster Schritt zu verstehen ist – in den nächsten Monaten und Jahren sind weitere regulatorische Vorgaben rund um den Bereich Nachhaltigkeit geplant –, erhält der Anleger einen ersten Überblick, wie das Unternehmen mit den spezifischen Anforderungen umgeht“, sagt Christian Nemeth, CIO der Zürcher Kantonalbank Österreich. Die Gefahr des Greenwashings sei sicher gegeben, jedoch schätzt Nemeth das Risiko als nicht sehr groß ein. Die Bemühungen der Finanzmarktteil­nehmer gingen eindeutig in die Richtung, das Thema sehr ernst und gewissenhaft zu behandeln. Sowohl der regulatorische als auch der Druck in der Öffentlichkeit hätten hier in letzter Zeit zugenommen. „Da Greenwashing mit einem enormen Reputationsverlust verbunden wäre, wird sich der überwiegende Anteil der Anbieter sehr genau an die Vorgaben und Bedingungen halten. Problematisch ist, dass die Regelungen derzeit noch sehr abstrakt sind und die Erfahrungswerte teilweise fehlen“, sagt Nemeth. Fazit: Jeder mündige Anleger sollte sich weiterhin jeden Fonds genau anschauen und dann selbst entscheiden, ob er mit ihm grün werden kann.

Rekordniveau in Österreich

Laut aktuellen Umfragen ist Nachhaltigkeit den Menschen sehr wichtig. Eine IMAS-Umfrage im Auftrag der Hypo Oberösterreich zeigt auf, dass 95 Prozent der Oberösterreicher dem Thema eine zentrale Bedeutung beimessen. Die Bank reagiert darauf und will selbst nachhaltiger agieren und das eigene Anlage-­Portfolio stärker nach ökosozialen Kriterien ausrichten. Laut der Vereinigung Österreichischer Investmentgesellschaften (VÖIG) hat die Corona-Krise den Absatz nachhaltiger Fonds angekurbelt. Das heimische Fondsvolumen der nachhaltigen Investmentfonds erhöhte sich im ersten Quartal um rund 2,7 Mrd. Euro auf 20,1 Mrd. Euro. Das ist ein überdurchschnittliches Plus von 15,8   Prozent und auch eine neue Höchstmarke. Die Nettomittelzuflüsse der nachhaltigen Investmentfonds betrugen rund 1,8 Mrd. Euro. Die im Regierungsprogramm von ÖVP und Grünen vorgesehene Befreiung von der Kapitalertragsteuer könnte der Ökologisierung der Wirtschaft einen weiteren Finanzierungsschub geben.

Autor: Klaus Schobesberger, 09.06.2021