Health Care Aktien: Booster fürs Depot

Mainz, wie es singt und lacht. Der Karneval in der bekannten Stadt am Rhein ist wegen Corona wohl gestrichen, zu feiern gibt es dennoch etwas. Mainz ist der Sitz des Impfstoffentwicklers Biontech, und dank dessen Erfolgen ist die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz bald schuldenfrei. Die von Biontech abgeführte Gewerbesteuer wird eine Milliarde Euro betragen. Das Unternehmen hat alleine im dritten Quartal einen Nettogewinn von 3,2 Milliarden Euro eingefahren. Vor einem Jahr stand noch ein Verlust von rund 210 Millionen Euro in der Bilanz. Covid-19 änderte alles. Mit der Entwicklung von Vakzinen gegen die heimtückische Viruskrankheit in Rekordgeschwindigkeit rückten innovative Impfhersteller die Leistungen der Healthcare-Branche ins Licht der Öffentlichkeit und machten Investoren auf sich aufmerksam. Die dritte Impfung ist auch ein Booster für den Aktienkurs von Biontech. Seit Anfang 2020 haben sich die Bewertungen von Biontech, Moderna & Co durchwegs mehr als verzehnfacht.

Wachstumsstarke Biotechnologie

Der Bereich Biotechnologie, in dem sowohl Biontech mit seinem Kooperationspartner Pfizer als auch Moderna tätig sind, zählt zu den wachstumsstärksten innerhalb des Gesundheitssektors. Beide Hersteller verwenden synthetische mRNA, eine Technik, die auch zur Bekämpfung von Krebs und Auto­immunkrankheiten eingesetzt wird. Sie passt die körpereigene RNA an, welche die Proteinproduktion in den Zellen steuert. Wenn der Impfstoff, der aus der mRNA und dem Spike-Protein des Virus zusammengesetzt ist, in den Körper injiziert wird, veranlasst er die Zellen zur Produktion von Antikörpern, um das Virus zu bekämpfen. Zu den großen Biotechunternehmen zählen Amgen (spezialisiert u. a. auf Onkologie), Biogen (Multiple Sklerose und neurologische Erkrankungen) sowie Gilead Sciences (HIV, Lebererkrankungen und Krebs).

Forschungserfolg = Börsenerfolg

Die Forschungserfolge machen sich auch an der Börse bemerkbar. Die Aktien von Amgen beispielsweise sind in den letzten 31 Jahren um das 170-Fache gestiegen. Anleger sollten aber die gesamte Bandbreite des Healthcare-Bereichs samt der Marktkapitalisierung der Unternehmen im Blick haben, sagt Helmut Nuspl, Direktor der Schoellerbank am Standort Linz. Neben den innovativen kleineren Small- und Mid-Cap-Unternehmen – oft auch Übernahmekandidaten von Branchenriesen – weisen die Platzhirsche eine hohe Expertise und die nötigen Geldmittel für Forschung und Vertrieb auf. „Dazu sollten Anleger wissen: In der Forschung kommen 90  Prozent der Präparate nicht über das Stadium der klinischen Versuche hinaus und die Entwicklungskosten betragen im Mittel rund eine Milliarde US-Dollar“, so Nuspl.

Gesundheitsausgaben steigen

Auch wenn einige große Pharmatitel im Vergleich dazu nur eine Aktienperformance mit bescheidenen Gewinnen aufweisen, sind sich Veranlagungsexperten dennoch einig: So wie sich die Welt entwickelt, werden medizinische Produkte immer mehr gefragt sein. „Der Gesundheitssektor ist ein Sektor mit großem Potenzial und Chancen, gestützt durch langfristige demografische Trends und Fundamentaldaten“, sagt Hans-Jörg Preining, Wertpapier-Chef der Hypo Oberösterreich. So prognostizierten die Vereinten Nationen, dass sich der Anteil der Personen von 65 Jahren oder älter bis 2050 nahezu verdoppeln wird. Bis 2030 werden die OECD-Länder im Schnitt voraussichtlich rund 10,2 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Gesundheitskosten aufwenden. Österreichs Gesundheitsausgaben im Jahr 2020 liegen mit 43,2 Milliarden Euro bzw. 11,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bereits über diesem Wert. Tendenz steigend. Weil die Bevölkerung in den Industrieländern immer älter wird, wird auch die Nachfrage nach Gesundheitsprodukten und -dienstleistungen steigen. Und in den Entwicklungsländern werden die Modernisierung der Gesundheitsinfrastruktur und die steigenden Ausgaben für die Gesundheitsversorgung dem Sektor in den kommenden Jahrzehnten Rückenwind geben.

Nicht alle Eier in einen Korb

„Defensive Gesundheitstitel sind insbesondere in Krisenzeiten ein wichtiger Baustein in jedem Portfolio“, sagt Nuspl. In den kommenden Jahren seien jedoch auch in diesem Bereich erhöhte Volatilitäten nicht auszuschließen. Bei der Auswahl einzelner Titel wird Privatanlegern zur Vorsicht geraten: „Medizinisches Expertenwissen für die Auswahl vielversprechender Titel und eine breite Streuung des veranlagten Vermögens sind unerlässlich, um am Gesundheitssektor erfolgreich zu partizipieren“, sagt Nuspl. Anlegern wird deshalb empfohlen, über einen von Experten gemanagten Dachfonds in den Healthcare-Markt zu investieren. Die Schoellerbank bietet hierzu den Schoellerbank Global Health Care an. Auch die Hypo Oberösterreich rät davon ab, „alle Eier in einen Korb zu legen“. Die Landesbank verfügt mit ihren Anlageberatern über großes Know-how und Fachwissen zu interessanten und breit gestreuten Investmentfonds. „Einzelne Aktien mögen mit großen Kurssprüngen verlockend wirken, aber mit großen Chancen geht auch großes Risiko einher. Vor allem Biotechnologietitel, die in sehr speziellen Bereichen forschen, können binäre Events aufweisen. Entweder das Medikament hat Erfolg und wird von der Gesundheitsbehörde zugelassen oder nicht. Tritt Zweiteres ein, besteht das Risiko eines Totalverlusts des investierten Kapitals“, warnt Preining.

Vergleich zeigt „weniger Risiko“

Wer den Vergleich zu anderen Wertpapiersegment sucht, wirft am besten einen Blick auf den MSCI World Health Care Index. Über die letzten fünf Jahre weist der Index (in USD) eine Performance von 15 Prozent annualisiert auf. Der Weltaktienindex MSCI World erzielt im gleichen Zeitraum eine jährliche Steigerung von 16 Prozent. Der wichtigste US-Aktienindex, der S&P 500, stieg im selben Zeitraum um knapp 19 Prozent. „Betrachtet man ausschließlich die Performance, so hat sich der Health Care Index etwas schlechter entwickelt als der breite Aktienindex. Schließt man aber noch ein Risikomaß, zum Beispiel maximalen Verlust, in die Betrachtung ein, so zeigt sich der defensive Charakter des Sektors“, analysiert Preining. Das Risiko, seinen Einsatz zu verlieren, ist also geringer. So betragen die Werte für den maximalen Drawdown in den letzten Jahren jeweils minus 34 Prozent beim MSCI World und S&P 500, aber nur minus 27 Prozent beim MSCI Health Care.

Autor: Klaus Schobesberger, 27.12.2021