Finanzbetrug: Wenn Gier das Hirn frisst

Markus Braun ist der bekannteste U-Häftling Deutschlands. Und er tut dieser Tage vor allem eines: Jegliche Verantwortung weit von sich weisen. Gegen den 51-jährigen Ex-Wirecard-Boss, für den wie für alle anderen Beteiligten die Unschuldsvermutung gilt, wird spätestens im zweiten Halbjahr von der Staatsanwaltschaft München Anklage erhoben. Im Raum stehen Bilanzfälschung, Betrug, Marktmanipulation sowie Geldwäsche. In der Verantwortung sieht Braun aber nicht sich, sondern seinen früheren Vorstandskollegen Jan Marsalek. Doch der ist auf der Flucht und passt perfekt ins Bild als Oberschurke. Marsalek ist wie Braun gebürtiger Wiener, ebenso der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Klestil, Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten.

Völlig ahnungslos

Die Aufarbeitung des größten Wirtschaftsskandals der ­Nachkriegsgeschichte wird unangenehm. Nicht nur für Braun und seine ­ehemaligen Mitstreiter. Ein Untersuchungs­ausschuss im Bundestag soll auch die Rollen von Peter Altmaier (CDU), der als Wirtschaftsminister für die Wirtschaftsprüfer­aufsicht zuständig ist, und von Finanzminister Olaf Scholz (SPD), in dessen Zuständigkeit die Finanzaufsicht BaFin fällt, klären. Über Jahre sind niemandem die Luftbuchungen aufgefallen, Aufseher schauten weg und Politiker gaben Schützenhilfe. Geblieben ist der Schaden für den Standort und geprellte Aktionäre. 2018 hatte das Unternehmen einen Börsenwert von 24 Milliarden Euro, davon ist kaum noch etwas übrig, nachdem Wirecard Insolvenz anmelden musste. Hinzu kommen ausstehende Kredite in der Höhe von 3,2 Milliarden Euro, auf denen Banken großteils sitzen bleiben.

Dummes Geld

Auf die Frage, wie das passieren konnte, hat der Autor Felix Holtermann in seinem Wirecard-Buch „Geniale Betrüger“ zwei Antworten. Erstens: Das Unternehmen hat erfolgreich die Sehnsucht bespielt, etwas vom Geist des Silicon Valley ins Land der Old­-Economy mit ihren Autoherstellern und Schraubenhändlern zu bringen. Marcus Braun, stets wie Steve Jobs mit schwarzem Rollkragenpulli gekleidet, präsentierte das Unternehmen als Digitalkonzern, der kurz vor dem Sprung zur Weltgeltung stand. Dabei war das Geschäftsmodell so wenig prickelnd wie profitabel: ein Pay­Pal für Firmen, das digitales Geld von A nach B schickte. „Bilanzbetrug 2.0“ – das ist Holtermanns zweiter Punkt. Mit gefakten Umsätzen, Gewinnen und Vermögen (über gefälschte Bankbestätigungen auf Treuhandkonten in Asien) stellt Wirecard interne und externe Kritiker ruhig und befeuert seine Wachstumsstory. Ein einzigartiges Gaunerstück, das mit dem Doku-Thriller „Der große Fake. Die Wirecard-Story“ bereits verfilmt wurde.

Blut fließt im Silicon Valley

Vor Gericht im kalifornischen San José steht diesen Sommer auch Elizabeth Holmes. Die Gründerin des Startups Theranos narrte über Jahre die gesamte Welt. Im Zentrum des Geschehens stehen ein handliches Bluttestgerät und die Vision, mit nur einem Tropfen Blut die verschiedensten Krankheiten diagnostizieren zu können. Die revolutionäre Erfindung würde Bluttests einfacher, schneller und genauer machen. Doch das Wundergerät kam nie auf den Markt, weil es auf einer Lüge fußte. Auch hier stellt sich die Frage: Wie konnte Holmes so viele smarte Leute an der Nase herumführen? Für John Carreyrou, Autor von „Bad Blood. Die wahre Geschichte des größten Betrugs im Silicon Valley“ waren unkritische Medien und höchste politische Kreise als Helfer mitverantwortlich. Holmes pflegte freundschaftliche Beziehungen zu den Clintons und sie hatte mit David Boies einen der bekanntesten US-Anwälte als externen Rechtsberater an ihrer Seite, der für Glaubwürdigkeit sorgte. Aber Carreyrou nennt auch die Arroganz des Silicon Valley und seiner „Fake it till you make it“-Kultur, ohne die ein Skandal wie Theranos nicht möglich gewesen wäre.

Meister Madoff

Im Vergleich zu Bernie Madoff, der im April 82-jährig in einem US-Bundesgefängnis starb, sind alle anderen Finanz-Schurken Lehrlinge. Er hatte das größte Schneeballsystem der Wirtschaftsgeschichte orchestriert: Mit dem Geld der Neukunden wurde die Rendite der Altkunden ausbezahlt. Das ging lange gut, bis 2008 die Lehman-Pleite kam. Die Anleger wollten ihr Geld sehen. Der Betrug flog auf. Um 65 Milliarden Dollar soll Madoff seine Kunden betrogen haben. Darunter Stars wie Steven Spielberg oder Elie Wiesel. Der inzwischen verstor­bene Holocaust-Überlebende hatte sein Privatvermögen und das seiner wohlhabenden Stiftung an „Bernie“ übertragen – und nie wieder gesehen. „Wir dachten, Bernie sei Gott, dabei war er einer der größten Schurken, Diebe, Lügner und Kriminellen“, sagte er in einem Interview. Madoff war Börsenmakler mit Reputation, bis er Mitte der 1980er Jahre mit seinem Ponzi-Betrugsschema begann, das sich von allen anderen in einem Punkt unterschied: Er warb nie aggressiv um neue Anleger. Madoff baute eine Aura der Genialität und Exklusivität auf. Er wiegelte Neukunden sogar ab, bis er dann doch zusagte und ihnen das Gefühl vermittelte, in einem besonderen Club zu sein. So kann man sich täuschen, wenn man in Finanzfragen blind vertraut. Wie bei der burgenländischen Commerzialbank. Aber das ist eine andere Geschichte … 

Felix Holtermann
Autor: Klaus Schobesberger, 22.06.2021