Fachkräftemangel: Kreative Wege gesucht

Die .mc Beratungsgruppe bringt mit ihrem Slogan schon alles auf den Punkt: „Ihr digitaler Steuerberater“. Wer nach den üblichen Aktenschränken, seitenweisen Bilanzunterlagen oder gar Rechnungsbelegen sucht, wird sie nicht finden. „Wir sind ein papierloses Unternehmen“, erzählt HR-Chef Hubert Lehenbauer. Auch in der Steuerberatungsbranche herrscht Mangel an qualifiziertem Personal. „Die Digitalisierung kann dem Fachkräftemangel ein wenig entgegenwirken. Alles, was standardisierbar ist, wird bei uns digitalisiert. Doch bei der Steuerberatung kommt es auf die Beratung an und da ist der Mangel nach wie vor eminent.“ Da viele Corona-Hilfspakete über Steuerberater abgewickelt wurden, mussten auch bei .mc Sonderschichten eingelegt werden. Der hohe Digitalisierungsgrad half aber, die Massen zu bewältigen. „Wir ­hatten einen guten Kundenzulauf, weil andere das oft nicht abwickeln konnten. Durch unsere digitale Strategie werden Kapazitäten entlastet.“

 

Papierlos gegenden Fachkräftemangel

Für die Beratungsgruppe ist das ein Schritt von vielen. „Der Einsatz von KI wird für uns das nächste große Thema.“ Lehenbauer räumt aber auch ein, dass die Kunden und Mitarbeiter zu einem digitalen Unternehmen passen müssen: „Bei uns arbeiten viele Studenten, die so ticken wie wir. Sie haben eine Art Start­up-Mentalität. Für sie ist es vollkommen klar, dass wir so arbeiten, und sie schätzen unsere flexiblen Arbeitszeiten.“ Lehenbauer schaut deshalb bereits bei der Personalauswahl, wer zum Unternehmen und zu seiner Kultur passt. „Die Digitalisierung hat natürlich ganz starke Auswirkung auf die Unternehmenskultur. Die Prozesse werden von Digitalisierung vorgegeben und ermöglichen viel mehr Freiheit. Wir haben deshalb schon vor der Pandemie Homeoffice gelebt. Das ist für uns normal.“


Digitalisierung verändert die Unternehmenskultur

Die Entscheidung zur digitalen Company zu werden, kam, als die Juniorchefin Daniela Hornaus ins Unternehmen eintrat. „Sie lebt die Digitalisierung. Das ist ihr Steckenpferd. Der Antrieb zur Digitalisierung kam daher von innen, deshalb sind wir Vorreiter.“ Sie holte ihren Bruder, der als IT-Chef bei einem Technikunternehmen beschäftigt war, ins Boot und engagierte Hubert Lehenbauer als „Kulturbeauftragten“. „Es ist Teil meines Jobs, diese Kultur zu verändern und voranzutreiben. In modernen Unternehmen spricht man heute deshalb nicht mehr vom HR-Leiter, sondern vom Chief Cultural Development Manager, weil der Personalist die Kultur prägt.“ Eine Kultur, die stets nach innovativen Tools sucht. „Wenn es eine neue App zum Telefonieren gibt, probieren wir die aus. Wir haben da keinerlei Berührungsängste.“ Doch nicht nur das: Das Unternehmen treibt digitale Tools als BMD-Entwicklungspartner, dem Marktführer für Steuerberatungssoftware aus Steyr, sogar voran. „Wir sprechen die gleiche Sprache, wie auch mit anderen Partnern, etwa einem digitalen Notariat. Das beschleunigt etwa Firmengründungen enorm.“ Dennoch räumt Lehenbauer ein, dass der persönliche Kontakt nach wie vor unersetzbar ist, vor allem, wenn es um Vertrauensangelegenheiten wie Bilanzen und Co. geht. Die digitale Transformation ist bei .mc im vollen Gang. „Den Anfang haben wir geschafft, aber bei der Digitalisierung gibt es kein Ende. Das ist ein stetiger Prozess, der sich immer wieder wandeln wird, und: Es gibt auch kein Zurück mehr.“ Das wünscht sich in der .mc Beratungsgruppe auch niemand, denn: „Manche Sachen kann man sich im Nachhinein gar nicht mehr vorstellen.“

 

 

Hubert Lehenbauer

 

Mitarbeiterzahl in drei Jahren verdreifacht

Kaum vorstellbar war das Wachstum von Agilox aus Neukirchen bei Lambach. 2018 hatten die Spezialisten für intelligente Logistikroboter gerade einmal 30 Mitarbeiter, 2021 hat sich die Zahl verdreifacht, inklusive eines achtköpfigen Teams in der US-Niederlassung. „Wir sind hier südlich von Atlanta beheimatet, in direkter Nähe zur technischen Hochschule Caltech, wo wir eine Kooperation starten. Vor Kurzem haben wir dort einen Softwareengineer engagiert“, erzählt Dirk Erlacher, CEO und Co-Gründer Agilox. Kooperationen sind der Schlüssel zu neuen Fachkräften. Agilox ist an HTL und Fachhochschulen präsent und kann mit seinen knallgrünen Fahrzeugen durchaus punkten. „Mechanisch gibt es vergleichbare Fahrzeuge am Markt, bei der Software sind wir aber eindeutig vorne. Ein Agilox ist ein Unikum, dass es weltweit so nirgendwo gibt. Das macht das Produkt für Softwareengineers und Automatisierungstechniker auch so attraktiv.“ Im Gegensatz zu marktüblichen fahrerlosen Transportsystemen benötigt Agilox kein komplexes und starres Leitsystem, sondern setzt auf echte Schwarm­intelligenz. Die Fahrzeuge erkennen ihre Umgebung und navigieren selbstständig. Damit sind dynamische Routen möglich. „Wenn Leute daran Interesse finden, ist es nicht schwer, sie zu begeistern und sie ins Team zu holen.“

 

Es muss nicht immer Uni sein

Solch interessierte Menschen müssen nicht unbedingt ein Hochschulstudium mitbringen. „Es gibt Leute, die eine Begabung für Coding haben und es gar nicht wissen. Wir kategorisieren daher nicht, ob wir jetzt einen Mitarbeiter mit Lehrabschluss oder einen Akademiker brauchen, weil man junge Menschen entwickeln kann.“ Agilox investiert daher viel in die Ausbildung. „Wir haben innovative Ansätze, daher muss man altes Wissen bis zu einem gewissen Grad ein bisschen löschen, um das Denken auf unsere Gangart zu bringen. Solange jemand coden kann, sind wir bereit, in seine Entwicklung zu investieren.“ ­Formale Abschlüsse spielen keine große Rolle. „Natürlich wäre unser Ideal­kandidat ein Softwareentwickler mit Logistik-Hintergrund.“ Die wachsen aber bekanntlich nicht auf Bäumen, weshalb man je nach Disziplin bis zu sechs Monate in die Entwicklung der Mitarbeiter zur Erlangung der benötigten Software- und Mechanik-Kompetenz steckt. Der Antrieb liegt oft darin, dass das erworbene Wissen und jede einzelne Codingzeile sichtbar werden. „Man sieht sofort, wie sich ein Code auf das Fahrzeug auswirkt.“

 

Schwarmintelligenz in den Produkten und im Team

Auswirkungen auf weiteren Mitarbeiterzustrom soll auch ein Büro in Linz haben. „Damit haben wir ein Argument für Mitarbeiter aus dem Mühlviertel oder dem Zentralraum, die nicht bis Lambach pendeln wollen.“ In der täglichen Arbeit setzt Agilox daher auch auf eine Form von Schwarmintelligenz. „Alles, was mit Analytik zu tun hat, kann in der Cloud passieren, da sind wir flexibler. In manchen Bereichen der Software muss man aber vor Ort sein. Das Team muss sich matchen und seine Ideen austauschen. Das funktioniert nicht remote.“ Andere Bereiche wiederum aber auch über weite Distanzen, wie etwa die Inbetriebnahme der Fahrzeuge. „Das hat uns in der Pandemie sehr geholfen. Anstatt einen Mitarbeiter nach China zu schicken, was ohnehin kaum möglich war, können wir unserer Fahrzeuge aus der Ferne in Betrieb nehmen. Bei herkömmlichen Systemen dauert es oft Monate, bis sie laufen. Unsere Fahrzeuge sind deutlich schneller einsatzbereit.“ China ist neben Japan, Südkorea, den USA und der EU der wichtigste Markt von Agilox. Trotz vieler Remote-Services ist der Kontakt vor Ort aber unverzichtbar. „Vor allem unsere Großkunden brauchen lokale Ansprechpartner. Kundenbeziehungen müssen gepflegt werden. Das hat auch kulturelle Gründe.“ Der Ausbau der großen Märkte auf drei Kontinenten steht nun im Zentrum des Wachstumskurses der Lambacher, die mit ihren innovativen Produkten auch innovative Wege der Mitarbeiter-Akquise gehen.

Autor: Jürgen Philipp, 06.10.2021