Die Logistik ist am Limit

Die weltweite Logistik ist seit zwei Jahren im Notstands-Modus. Wie abhängig die gesamte Wirtschaft und damit unser aller Wohlstand von einem global funktionierenden Transportsystem ist, bekommen wir schon seit einiger Zeit deutlich zu spüren: Die Lieferzeiten werden immer länger, was wiederum die Industrie in Rückstand bringt, weil sie nicht im Plan produzieren kann.

Kein Stein auf dem anderen

Der Krieg in der Ukraine hat die Lieferketten weltweit durcheinandergewirbelt. Dabei hatte sich die globale Logistik noch gar nicht von den Folgen der Coronakrise erholt. Jetzt versuchen Luft- und Schifffahrt die Nervenbahnen des Welthandels neu zu knüpfen, um nach den Sanktionen gegen Russland ihre Kunden noch mit Waren versorgen zu können. Die Frachtkosten in der Hochseeschifffahrt sind bis um das Zehnfache gestiegen. Während es in einigen großen Häfen zu langen Staus und Wartezeiten bis zur Abladung kommt, stehen in russischen Häfen derweil Zehntausende leere Container ungenutzt herum, die sonst von den Schiffen auf der Rückfahrt mitgenommen werden. Die Container werden wegen der Engpässe andernorts dringend benötigt. 50.000 entfallen allein zum Beispiel auf die dänische Reederei Maersk. Die versucht nun, die Stahlboxen mit dem Zug aus Russland herauszuschaffen. Doch auf einen Zug passen je nach Länge 80 bis 100 Container, auf einem Schiff können es leicht 10.000 sein. Auch am Linzer Containerterminal als Binnenhafen, wo im vergangenen Jahr 200.000 Container umgeschlagen wurden, spürt man die Auswirkungen des Weltgeschehens. Leiter Enrico ­Tiringer beobachtet „eine gewisse Zurückhaltung aller im Transport wirkenden Beteiligten“: „Jedoch ist das mehrheitlich auf Lehren aus der Pandemie zurückzuführen.“

Die Logistik hat sich 2021 von einem Kostenfaktor zu einem ­entscheidenden Wettbewerbs­faktor  entwickelt. (Michael Rauhofer, Niederlassungsleiter Dachser Austria)

Ukrainische Fahrer fehlen

Egal ob Luft- oder Schifffahrt, Bahn oder Lkw-Speditionen – die gesamte Logistikbranche ist mit mehr als einem Problem konfrontiert. Der seit Jahren grassierende Lkw-Fahrermangel wurde durch den Krieg massiv verschärft, da viele Fahrer aus der Ukraine stammen. In Europa fallen nach Angaben des deutschen Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung über 100.000 ukrainische Lenker im internationalen Warenverkehr aus.

Zweithöchster Preisanstieg

Die gestiegenen Energiepreise bedeuten auch hohe Transportpreise. Österreich hat mit 50 Cent nach Deutschland (57 Cent) den zweithöchsten Preisanstieg in der EU bei Diesel, zeigt eine ­aktuelle VCÖ-Analyse auf Basis von Daten der EU-Kommission. Die Preisentwicklung geht an die Substanz der Unternehmen. „Wer die Preiserhöhung nicht weitergibt, wird nicht lange überleben“, so Wolfgang Schneckenreither, Obmann der Sparte Transport und Verkehr bei der Wirtschaftskammer Oberösterreich. Er glaubt nicht, dass Diesel und Erdöl in absehbarer Zeit wieder günstiger werden. Hinzu kommt: Ab Juli soll eigentlich die CO2-Bepreisung kommen. „Zum großen Teil haben wir mit unseren Partnern Diesel-Floater vereinbart, die eine Weitergabe der Mehrkosten erlauben. Auf der anderen Seite geben wir wiederum über den Diesel-Floater diese direkt an ­unsere Kunden weiter“, so ­Michael Rauhofer, Niederlassungsleiter des Linzer Logistikzentrums von Dachser Austria. „Die Logistik hat sich 2021 von einem Kostenfaktor, der mehr oder weniger geräuschlos zu funktionieren hat, zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor entwickelt.“

Umwege wegen Krieg

Höhere Transportpreise beschränken sich nicht auf die Straße. Schienentransport wird wegen Umfahrungen der Kriegsgebiete teurer. Umwege müssen auch Flugzeuge nehmen. „Die Flugrouten mussten angepasst werden, weil der russische Luftraum nicht mehr überflogen werden kann. Das hat längere Flugstrecken zur Folge“, schildert Alfred Wolfram, Obmann des Fachverbandes Spedition und Logistik in der Wirtschaftskammer Österreich. Zudem haben sich die Kapazitäten verringert: Wegen längerer Flugzeiten muss mehr getankt werden, dadurch sind ­geringere Ladungen möglich. Die Frachtraten sind derzeit bis zu zweieinhalb Mal so hoch wie 2019 – Tendenz steigend. Am Linzer Flughafen waren laut Sprecherin ­Romana Wagner bei den abgefertigten Tonnagen bisher keine Auswirkungen durch den Ukraine-Krieg zu spüren. Man rechne jedoch damit, sollten die Treibstoffpreise nicht sinken.

Da aktuell keine Entspannung der Situation abzusehen ist, brauchen wir eine Deckelung des Dieselpreises sowie generell eine Senkung der Energiepreise. (Wolfgang Schneckenreither, WKOÖ-Spartenobmann Transport und Verkehr)

Politik soll handeln

„Da aktuell keine Entspannung der Situation abzusehen ist, brauchen wir eine Deckelung des Dieselpreises sowie generell eine Senkung der Energiepreise“, fordert Wolfram. Zudem sieht der Fachverbandsobmann „jetzt den richtigen Zeitpunkt, um über Förderungen für alternative Antriebsarten nachzudenken“. Das fordert auch sein oö. ­Kollege Schneckenreither: „In vielen anderen Ländern wird hier längst gehandelt.“

Spezialisierte Transportmodi

Wird also mehr aufs Schiff und die Bahn verlagert werden? „Die Transportmodi sind so spezialisiert mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen, dass ein vermehrter Umstieg auf die Binnenschifffahrt nur sehr eingeschränkt und schwer möglich ist“, so Containerterminal-­Leiter Tiringer. „Es wird trotzdem weiterhin der passende Transportmodus für ein Produkt gewählt werden, nicht zuletzt da alle Transportarten derzeit einer Teuerung unterliegen.“

Autor: Jessica Hirthe, 25.04.2022