Die exklusivsten Bahnreisen

Luxus im Waggon mit herrlicher Panoramaaussicht ist eine Reminiszenz an eine goldene Ära der Eisenbahnfahrt, die ihren Ursprung in den USA hat.
Autor: Verena Schwarzinger, 15.03.2022 um 13:02 Uhr

Wer heute mit dem Zug reist, tut dies nicht des gebotenen Luxus oder des lukullischen Angebots wegen. Es ist eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung oder ein Ticket, um sein Klimagewissen zu schonen. Dabei gab es eine Zeit um 1880 bis in die 1930er-Jahre, in der spezielle Zugfahrten als ein bis heute unerreichter Luxus galten. Selbst einige der hier präsentierten edel ausgestatteten Bahnlinien sind mit ihrer Pracht und ihrem Service eine Reminiszenz an die goldenen Tage des Reisens mit der Bahn, die uns vorwiegend aus Filmen wie Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ bekannt sind. Der Orient-Express, heute im Dienste des Reiseveranstalters Belmond als „Venice Simplon-Orient- Express“, machte vor 140 Jahren erst in Konstantinopel endgültig halt. Von hier aus winkten Beirut und Bagdad oder es wartete ein Schiff nach Ägypten oder Indien. Es war die schnellste und eleganteste Art, in den Nahen Osten zu gelangen.

Waggons aus Teakholz und Messing waren echte Möbel auf Rädern. Als Reisender passierte man Hauptstädte mit Charakter und Glamour wie München, Wien, Budapest und Bukarest. Bevor der Passagier Österreich erreichte, fuhr er durch drei verschiedene deutsche Länder: das Großherzogtum Baden und die Königreiche Württemberg und Bayern. Jedes dieser Länder stellte seine eigenen Lokomotiven zur Verfügung. Heute sind 17 unverfälscht renovierte Originalwaggons auf verschiedenen Routen in Europa unterwegs – ein persönlicher Stewart mit 24-Stunden-Service inklusive.

Ein Dampfer auf Schienen

Diese Art des Reisens war kein ursprünglich europäisches, sondern ein amerikanisches Phänomen. Während die Europäer lange dem Bild der Pferdekutsche auf Schienen nachhingen, nahmen sich Amerikaner die Flussdampfer, die als „schwimmende Paläste“ galten, zum Vorbild. George Mortimer Pullman ließ die Vision von den „fahrenden Palästen“ als Erster Wirklichkeit werden. Er gründete die Pullman Palace Car Company und baute von 1859 an luxuriös ausgestattete Waggons. Damals war der Pullmanwagen ein Statussymbol für Status und Geld. Der solcherart zusammengesetzte Eisenbahnzug erscheint wie ein „Dampfer auf Schienen“, schreibt Wolfgang Schivelbusch in „Geschichte der Eisenbahnreise“: „Badezimmer mit Wannen und Duschen, Frisiersalons, Maniküren, Zofen und Diener, Telegraphenbüros, Bibliotheken, die neuesten Zeitschriften sowie Hotel- und Eisenbahnverzeichnisse, Rauchsalons, und natürlich eine riesige Auswahl an Weinen und Spirituosen, all das war in den Luxuszügen der Epoche selbstverständlich.“

Büffelfilet per Telegramm

Der Gastrosoph und Eisenbahnhistoriker Lucius Beebe (1902–1966) berichtet, wie sich eine Reise in der Panama Limited der Illinois Central Railroad in ein epikureisches Vergnügen verwandelte. Wie der zufriedene Passagier nach dem „King’s Dinner“ sein Likörglas mit Cointreau beiseite schiebt, seine Finger in warmes, nach Zitrone duftendes Wasser in einer silbernen Fingerschale auf einem kerzenbeleuchteten Tisch taucht und sich dann eine Don-Diego-Zigarre anzündet, um im bequemen Reisefauteuil entspannt zu verdauen. Drei Jahrzehnte lang aßen die Amerikaner in den Zugwaggons besser als irgendwo sonst, ist Beebe überzeugt. Mark Twain berichtet von Passagieren, die bereits um acht Uhr morgens drei Manhattan- Cocktails serviert bekamen. Der Stewart zögerte bei manchen Fahrgästen nicht, frischen Hummer oder ein fünf Kilo schweres Büffelfilet per Telegramm anzufordern. Höhepunkt für Reisende war das Festessen am ersten Weihnachtsfeiertag, das nahezu alle Transportunternehmen kostenlos angeboten haben. Auf einer Strecke von „Eisenbahnkönig“ Cornelius Vanderbilt – der Jeff Bezos seiner Zeit – standen auf der Speisekarte neben den üblichen Austern im Eintopf unter anderem gebratener junger Bär, Schildkröteneintopf und frischer Gewächshausspargel mit gezogener Butter auf Toast. Übrigens: Rechnen musste sich dieser üppige Service nicht. „Die Vorstellung, mit ihren Speisewagen auch nur den Break-Even zu erreichen, geschweige denn einen Gewinn zu erzielen, hätte die damaligen Eisenbahnverwaltungen fast unsagbar schockiert“, berichtet Beebe. Speisewagen waren die schönsten und am meisten bewunderten Aushängeschilder der Eisenbahngesellschaften, die ihre Einnahmen aus dem Güterverkehr bezogen. Die Einstellung der Vanderbilts, dass nur jene Unternehmen, die in der Lage sind, ihre Gäste zu verwöhnen, gute Gütertransporteure sein können, ist leider verloren gegangen.