„Das ist Klima- Kommunismus“

Mit KTM-Chef Stefan Pierer wurde ein Unbequemer zum neuen Präsidenten der IV Oberösterreich gekürt. Für manche der Richtige zur rechten Zeit. Im Interview legt der Parade-Industrielle seine Sicht der Dinge dar zu Auswegen aus dem Arbeitskräftemangel, der Zukunft der Globalisierung und zur Klimapolitik der Europäischen Union.
Autor: Klaus Schobesberger, 14.07.2022 um 12:28 Uhr

Stefan Pierer (65) ist kein Leisetreter. Dennoch hielt sich der Chef des Motorradherstellers KTM und frisch gebackene Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ) im Gespräch mit CHEFINFO mit Kritik an der Bundesregierung auffallend zurück. Der akute Arbeitskräftemangel könne nur „mit geeinten Kräften gelöst werden“. Weniger Zurückhaltung legt sich Pierer gegenüber der EU Politik auf. Der Steirer zählt mit seiner Pierer-Mobility-Gruppe (2 Mrd. Euro Umsatz, 5.200 Beschäftigte) zu den erfolgreichsten Selfmade-Industriellen.

CHEFINFO: Herr Pierer, wie beurteilen Sie die Gemengelage aus vollen Auftragsbüchern, Inflation, Lieferkettenproblematik, Arbeitskräftemangel und Energiekrise?
Stefan Pierer: Diese Kombination habe ich noch nicht erlebt. Alles zusammen ein Supermix im negativen Sinne. Das Thema Lieferketten beschäftigt die Industrie seit mehr als einem Jahr und wird uns auch die nächsten Monate begleiten. In Europa bemerken wir eine Verschiebung von globalen zu kontinentalen Lieferketten. Die Energiekrise wurde durch die Sanktionen gegen Russland nicht unbedingt eingedämmt, die Energiepreise steigen weiter an. Unabhängig davon hat die Industrie den Auftrag, die Dekarbonisierung voranzutreiben. Dafür wird ein genauer Fahrplan und nicht bloß Überschriften benötigt.

Man könnte meinen, der Arbeitskräftemangel, den sie jetzt nicht erwähnt haben, bereitet Ihnen am wenigsten Kopfzerbrechen?
Pierer: Das Gegenteil ist der Fall. Der Arbeitskräftemangel ist das drängendste Problem. Ich gehe davon aus, dass Lieferketten wieder in Schwung kommen und Energiepreise aufgrund von Angebot und Nachfrage ein erträgliches Niveau erreichen werden. Das wird bei den fehlenden Arbeitskräften nicht der Fall sein. Hier wird sich die Lage weiter verschärfen. Der Arbeitskräftemangel war vor der Pandemie schon ein Problem. In manchen

Branchen fragen sich Unternehmer, wo all die Leute hin sind. Haben Sie eine Antwort?
Pierer: Nach der Finanzkrise wurde die qualifizierte Zuwanderung aus EU-Osteuropa möglich, was Entspannung am Arbeitsmarkt brachte. In der Pandemie sind diese Mitarbeiter zurück in ihre Heimatländer gereist – und sie werden auch nicht mehr zurückkommen. Obwohl die demografische Entwicklung für jeden glasklar ersichtlich ist, wurden die letzten beiden Jahre verschlafen. Die Lage ist dramatisch: Von 100 Erwerbstätigen, die sich in die Pension verabschieden, kommen aktuell nur 54 nach.

Es gibt einen reformierten Gesetzesentwurf der Rot-Weiß-Rot-Karte. Ein Schritt in die richtige Richtung?
Pierer: Das sehe ich sehr positiv, weil er ab Oktober schnellere Verfahren, mehr Flexibilität und leichtere Voraussetzungen für qualifizierte Zuwanderer aus Drittstaaten verspricht. Es hilft international tätigen Unternehmen, Mitarbeiter von anderen Standorten zu holen. Das ist bislang nicht möglich gewesen.

Viele Leute fragen sich: Warum mehr arbeiten, wenn am Ende Steuern und Sozialabgaben alles auffressen?
Pierer: Es braucht mehr Anreize über das Einkommen. Die Industrie schlägt deshalb vor, die ersten 20 Überstunden im Monat steuerfrei für Mitarbeiter auszuzahlen. Der nächste Vorschlag ist durchaus radikal: nämlich jungen Arbeitnehmern bis zum Alter von 30 Jahren bei Vollzeit einen Halbsteuersatz zu gewähren. Der dritte Punkt betrifft meine Generation: Arbeitnehmern nach Erreichen des Pensionsalters für zwei, drei Jahre die Möglichkeit einer Weiterbeschäftigung zu geben – ohne Lohnsteuer zu zahlen und den Pensionsbezug dafür dem Staat zu belassen. Das sind einfache Maßnahmen, die nichts kosten, viel bringen und auf Freiwilligkeit basieren. Da habe ich große Hoffnung, auch die Sozialpartner überzeugen zu können.

Das sind ungewohnte Töne. Sehen Sie sich als Präsident als verbindendes Element, als Lösungsanbieter?
Pierer: Wir können die Vielzahl an Herausforderungen in diesen Zeiten nur gemeinsam lösen. Der alte Klassenkampf hat sich mit dem Thema Arbeitskräftemangel erledigt.

Wie schlägt sich die Bundesregierung als Krisenmanager?
Pierer: Die Regierung wächst mit der Aufgabe. Die Abschaffung der kalten Progression oder die Zusammenlegung von Arbeits- und Wirtschaftsministerium waren wichtige und gute Entscheidungen. Wir haben mit Martin Kocher einen äußerst kundigen Minister.

Manche nennen ihn in Anlehnung an Wolfgang Clement „Superminister“.
Pierer: Clement war der Umsetzer der Agenda 2010 unter dem Kanzler Gerhard Schröder. Von dieser Reform des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarktes hat seine Nachfolgerin Angela Merkel 14 Jahre lang gezehrt. Menschen, die das große Ganze sehen und den Mut haben, notwenige Reformen umzusetzen, sind sehr unterstützenswert.

Wir haben jahrzehntelang von billigem russischem Gas profitiert. War die Industrie zu blauäugig?
Pierer: Ich bin in einer Generation aufgewachsen, die von dem Grundsatz „nie mehr Krieg“ und einer Friedensdividende durch Handelsbeziehung beseelt war. So haben wir das gelebt. Es hat 40 Jahre lang stabile Verbindungen gegeben. Die jetzige Situation ändert alles, was aber nicht bedeutet, dass das andere falsch war. Als Binnenland sind wir leitungsgebunden und abhängig von Lieferanten fossiler Brennstoffe. Derzeit wird fast ein Drittel des Gases verstromt. Wir sollten uns in Österreich daher auf unser größtes Asset konzentrieren: die Wasserkraft und den Bau von Pump-Speicherkraftwerken, die sich am besten zur Netzstabilisierung eignen.

Was sagen Sie zum Aus von Verbrennermotoren durch die EU ab 2035?
Pierer: Es würde für mich Sinn machen, wenn die Politik einen zu erreichenden CO2-Durchschnitt der Flotte festlegt. Aber warum werden bestimmte Antriebstechnologien bevorzugt und andere verboten?
Entschuldigung, aber das ist doch Klima-Kommunismus.

Ist die Globalisierung am Ende?
Pierer: Sie wird aufgrund der enorm hohen Logistikkosten angepasst. Ich sehe einen großen Move von Asien wieder zurück nach Europa. Wir sind als global tätiger Zweiradhersteller beispielsweise dabei, am Standort Bulgarien ein Fahrradzentrum mit einem Partner zu entwickeln. Das Thema wird auch durch die Nachhaltigkeitsdiskussion forciert. Es sind Megatrends am Horizont sichtbar, die uns näher zusammenrücken lassen.

Ist die Elektrifizierung in ihrer Branche ein Megatrend?
Pierer: In der Zweiradbranche auf alle Fälle. Die jetzige Batterietechnologie ist sinnvoll bei Strecken bis 200 km für kleinere Fahrzeuge. Eine 800-kg-Batterie in einem SUV ist ökologischer Unsinn. Bei dem

Streit um die Digital-Uni fragt man sich: Ist Spitzenforschung in Österreich überhaupt möglich?
Pierer: Wir sehen eine riesige Chance in dieser neuen Universität und ihrem generalistischen Zugang. Man darf das nicht unterschätzen: Der Standort Linz, Oberösterreich hat sich schon zum digitalen Zentrum entwickelt. Die Uni verschafft einen zusätzlichen Schub.