Damit Homeoffice nicht krank macht

Mails lesen schon beim Frühstück, nach Feierabend noch schnell ein wichtiges Telefonat führen, obwohl man mit den Kindern eigentlich gerade am Spielplatz ist, in der Nacht oder am ­Wochenende abarbeiten, was liegen geblieben ist – so sieht die Realität der meisten aus, die im Homeoffice arbeiten. Die Flexibilität, sich selbst einzuteilen, wann die Arbeit erledigt wird, hat kurzfristig für einen Anstieg der Produktivität in den meisten Unternehmen gesorgt. 57 Prozent der befragten Führungskräfte gaben bei der „Future of Work and Skill“-Studie der Unternehmensberatung PwC an, dass sie im vergangenen Jahr eine Verbesserung bei Mitarbeiterleistung und Erreichen von Produktivitätszielen wahrgenommen hätten. Drei Viertel ist jedoch auch bewusst: Die gegenwärtige Arbeitssituation ermöglicht den Mitarbeitern nur schwer eine gute Work-Life-Balance.

Vermehrt Burnout-Symptome

Somit ist Vorsicht geboten, denn die temporäre Leistungsspitze könnte schnell kippen. Bei einer Befragung der deutschen Krankenkasse AOK gaben 73,4 Prozent derjenigen, die häufig im Homeoffice arbeiten, an, dass sie sich in den vergangenen zwölf Monaten erschöpft fühlten. 44 Prozent empfanden laut der capterra-Studie bereits Burnout-Symptome wie Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Antriebslosigkeit. Hatten sich die psychisch bedingten Krankenstände in Österreich zwischen 2011 und 2018 abgeflacht, kam es 2019 und 2020 wieder zu Anstiegen um 8,5 Prozent. Denn mit der neu gewonnenen Flexibilität und Eigenverantwortlichkeit im Homeoffice oder bei hybriden Arbeitsformen kann nicht jeder gleich gut umgehen.

Microsoft Austria

Dauerbelastung für Psyche

Entgrenzung heißt der psychologische Fachbegriff. „Es gibt keine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Es vermischt sich alles. Damit geht die Problematik einher, dass sich unser Gehirn ständig mit diversen Fragestellungen beschäftigt“, erklärt Birgitt Espernberger, Leiterin der Arbeits- und Organisationspsychologie am Zentrum für Präven­tion in der Arbeitswelt ASZ in Linz. „Das Nicht-mehr-abschalten-Können kann zu einer enormen Dauerbelastung der Psyche führen.“ Zudem komme es durch den digitalen Stress zu einer Erhöhung der Cortisol-Ausschüttung. Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit sind programmiert.

Keine klaren Regeln

Mittlerweile haben sich in vielen Unternehmen hybride Arbeitsmodelle etabliert – was jedoch die psychische Belastung in vielen Fällen nicht minimiert hat. Die Eigenverantwortung bleibt. In vielen Fällen kommt Orientierungslosigkeit hinzu. Laut dem Work Trend Index, für den Microsoft 31.000 Menschen auf der ganzen Welt befragt, wissen 38 Prozent der Beschäftigten nicht, wann und warum sie ins Büro kommen sollen. Nur 29 Prozent der Entscheider haben Guidelines entwickelt, wie hybrides Arbeiten im Team umgesetzt werden kann. Darüber hinaus fühlen sich 43 Prozent der Beschäftigten, die aus der Ferne arbeiten, nicht in Meetings einbezogen. 

Birgitt Espernberger

Die Führungskräfte brauchen das entsprechende Mindset, nämlich den festen Glauben daran, dass hybride Arbeitsformen funktionieren. Weg von Kontrolle, hin zu Vertrauen. Zudem muss Führungsarbeit geleistet werden.

Wie unterstütze ich Mitarbeiter?

Zur nötigen Aufrüstung der technischen Ausstattung, damit Homeoffice und hybrides Arbeiten funktionieren, sind also in diesen Zeiten die Unternehmen auch mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert: Wie behalte ich einen guten Kontakt zu den Mitarbeitern? Wie kann ich sie aus der Ferne führen? Wie sorge ich für ihre psychische und physische Gesundheit, damit lange Krankenstände und Ausfälle vermieden werden können?

Zeitgeist-Leadership

„Es braucht jetzt wirklich gutes Leader­ship, soziale Kompetenzen werden bei Führungskräften immer wichtiger“, macht Birgitt Espernberger deutlich.  Hier haben viele Unternehmen Nachholbedarf. Nur wenige Leader sind gut genug in Soft Skills geschult. Neben der individuellen Unterstützung für die Mitarbeiter angepasst an ihre Bedürfnisse braucht es auch klare Rahmenbedingungen und Regeln, wie Präsenzzeiten im Büro, wie Videomeetings abzulaufen haben, Buddy-Systeme, Schulungs- und Trainingsangebote und eine transpa­rente, klare Kommunikation – im ­Grunde eine völlig neue Unternehmens- und Führungskultur.

Hybrid wird bleiben

„Die Bedürfnisse der Arbeitnehmer haben sich stark gewandelt, dahingehend müssen sich auch die ­Führungskräfte entsprechend anpassen“, weiß auch Anne Michels, COO Microsoft Österreich. „Kommunikation ist das A und O.“ Man habe für alle Besprechungen, vor allem wenn diese hybrid umgesetzt werden, klare Regeln aufgestellt. „Wir nutzen beispielsweise die Live-Reaktionen und Emojis, um unseren Kollegen in Teammeetings live Feedback zu geben. Mit der Funktion des Handhebens können wir vermeiden, dass wir uns gegenseitig ins Wort fallen. So wird sichergestellt, dass auch virtuelle Teilnehmer voll eingebunden sind.“ Microsoft hat auch seinen Standort in Wien umgestaltet, um ihn an das hybride Arbeiten anzupassen – und die Mitarbeiter überhaupt wieder ins Büro zu locken. „Mit unserem neuen Konzept haben wir einen Ort der Begegnung geschaffen, mit Flächen für den kreativen Austausch.“ Als Nächstes soll ein hybrider Besprechungsraum gebaut werden, in dem die virtuellen Teilnehmer in Lebensgröße dargestellt werden können. Denn eins ist klar: Hybrid ist gekommen, um zu bleiben. Das wünschen sich laut dem Work Trend Index auch 73 Prozent der Beschäftigten weltweit.

Beratungsscheck für KMU

Seminarangebote, wie man am besten mit den neuen Gegebenheiten zurechtkommt, gibt es viele – Anfragen auch, so Espernberger. Seit Anfang des Jahres gibt es zudem im Rahmen der Initiative „New Ways of Work“ des Landes Oberösterreich einen Beratungsscheck, der KMU beim Etablieren neuer Arbeitsformen unterstützt. Mögliche ­Inhalte sind neben digitalen Arbeitsplätzen auch Führung, Organisations- und Mitarbeiterentwicklung.

Autor: Jessica Hirthe, 28.04.2022