"Bio wird weiter wachsen“

Christian Stadler betreibt Biogemüseanbau in großem Stil und setzte zuletzt 17 Millionen Euro im Jahr um. Ihm sind die Preise für Biolebensmittel noch zu niedrig
Autor: Jessica Hirthe, 14.11.2022 um 00:00 Uhr

CHEFINFO: Nachhaltig ist derzeit ein Modewort: Was ist für Sie wirklich nachhaltige Landwirtschaft?
Christian Stadler: Dass auch die Generationen nach uns noch Landwirtschaft betreiben können, ohne dass sie auf die Trickkiste der Gentechnik und chemischen Industrie zurückgreifen müssen. Nachhaltige Landwirtschaft gibt dem Boden organische Substanz, Dünger und Futter zurück und der Boden lässt aus freien Stücken gute Früchte wachsen. Das ist ein Prozess, der auf einem hohen Kreislaufniveau stabilisiert und über Tausende von Jahren funktionieren kann. Dieser Teil der Agrarwissenschaft hat halt keine Lobby und macht deshalb nicht so große Fortschritte.

Welche neuen Antworten haben Sie, wie Lebensmittel in Zukunft produziert werden können?
Stadler: Eine klein strukturierte Landwirtschaft ist die beste Form. Derzeit sind in Europa nur noch wenige Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, in Österreich 2 Prozent. Es braucht jedoch eine Mindestanzahl von in der Landwirtschaft Beschäftigten, ansonsten stirbt die gute Form aus. Jede Menge der Probleme unserer Gesellschaft resultieren daraus, dass wir eine Landwirtschaft betreiben, die einseitig ihren Fokus auf Ertrag gesetzt hat. Das war das Züchtungsziel aller Pflanzen in den letzten 50 Jahren.

Wie ist es Ihrer Meinung nach in Österreich um die Wertschätzung für Lebensmittel bestellt?
Stadler: Die Österreicher messen den Lebensmitteln immerhin mehr Wert bei als die Deutschen, aber weniger als die Italiener. Die führenden Handelskonzerne machen einiges richtig, indem sie auf Bio und Regional setzen, sie haben aber auch alle ihre Sortimente im Preiseinstiegsbereich ausgeweitet. Man versucht halt, alle Wünsche zu befriedigen.

Ist Bio wirklich teurer oder bereits ein Markenwert, für den man automatisch mehr bezahlt?
Stadler: Heute gibt der Österreicher nur noch ein Drittel von dem für Lebensmittel aus, was er noch vor 50 Jahren zahlen musste. Also könnte man sagen: Lebensmittel haben an Wert verloren. Im Vergleich dazu haben Auto, Handy usw. an Wert gewonnen. Wenn ich sage, Lebensmittel sollen den Menschen gesund und leistungsfähig halten, dann haben sie auch verloren, denn es wurde noch nie so viel Geld für Nahrungsergänzungsmittel und Pharmazie ausgegeben. Somit haben Biolebensmittel ihren Wert und sind trotzdem immer noch zu billig. Ich sehe das auf Basis der Produzentenpreise, was nicht unbedingt damit zu tun hat, was es dann im Supermarkt kostet.

Derzeit liegt der Marktanteil von Bio bei etwas über 11 Prozent. Welche Steigerung ist da noch drinnen?
Stadler: Eine enorme. Die Frage ist jedoch, wie das wirtschaftliche Umfeld in nächsten Monaten und Jahren aussieht. Die konventionelle Landwirtschaft hängt mit Dünger und Pestiziden am Energiepreis stärker als der Biolandbau und ist in der Verarbeitung energieintensiver. Bio ist rohstofflastiger und hat weniger Arbeitsschritte. Deshalb denke ich, dass Bio auch in einem schlechteren Umfeld weiter wachsen wird.


Greenwashing, erfundene Gütesiegel – wie sehr sind das Bio-Image und das Vertrauen der Konsumenten bereits beschädigt?
Stadler: Greenwashing und Siegel gibt es, seit es Bio gibt. Gott sei Dank hat Bio seinen gesetzlich verankerten Status, kann sich ein wenig wehren. Ich sehe eher die Gefahr, dass Bio aufge weicht wird. Gewisse Technologien halten Einzug in die Biolandwirtschaft, die sehr kritisch zu hinterfragen sind, wie etwa elektromagnetische Felder der Handynetze, um Maschinen zu steuern. Alles, was einseitige Handarbeit über nimmt, ist willkommen. Aber bei den hochfrequenten elektromagnetischen Feldern muss man sich auch anschauen, was das mit den Insekten macht. Ihre Fühler sind Antennen. Das wird jedoch ganz wenig erforscht. Ich möchte im Bioland keine Technik haben, mit der ich dieses Leben schädige.

Ist das Supermarkt-Bio wirklich Bio nach Ihren Vorstellungen? 
Stadler: Da ist natürlich ein Unterschied. Supermarkt-Bio ist nicht das Ende der Fahnenstange. Wir Demeter Bauern sprechen auch von brüderlichem Wirtschaften. Wenn ich einen Handelskonzern auf der einen und auf der anderen Seite ein Grüppchen landwirtschaftlicher Betriebe habe, ist das Machtgefälle gigantisch, da brauche ich nicht von brüderlichem Wirtschaften reden. Wir wollen den Handel dazu bewegen, im Bereich Bio mehr zu machen. Es könnte schneller gehen. Bei unserem Projekt Streifenanbau haben wir auch einen Handelspartner dabei.

Was steckt hinter diesem Projekt?
Stadler: Man hat keine Monokulturen, sondern unterteilt das Feld in Streifen. In unserem Pilotprojekt, das auch wissenschaftlich betreut wird, wiederholen sich die Kulturen Kleegras, Mais, Weizen, Ackerbohne, Kartoffel in drei Meter breiten Streifen auf einer Fläche von 1,5 Hektar. Daneben sind diese fünf Kulturen jeweils als Monokulturen auf 2,5 Hektar angelegt. Wir schauen uns an, welche und wie viele Insekten dort sind. Selbst eine Erhöhung von 30 Prozent wäre ein klares Zeichen, was man machen muss. Wir hatten schon 100 Prozent mehr Insekten im ersten Jahr. Wir wollen langfristig den Streifenanbau in den Lebensmittelkodex bringen