Bei den industriellen Überfliegern

Das Motto „vernetzen und voneinander lernen“ führte eine oberösterreichische Wirtschaftsdelegation ins industrielle Herz Italiens. Stärkefelder und Problemzonen verlaufen fast parallel.
Autor: Klaus Schobesberger, 03.11.2022 um 00:00 Uhr

Sie können mich gerne alles fragen, nur bitte nichts zur Politik“, sagt Francesco Barontini wenige Tage vor der Parlamentswahl in Italien. Dabei sind politische Kontakte sein tägliches Metier. Der Manager ist für das Auslandsgeschäft bei Leonardo Helicopters mitverantwortlich. Mit 4,2 Milliarden Euro Umsatz und 12.000 Mitarbeitern ist sie die wichtigste Sparte des teilstaatlichen Luft- und Raumfahrtunternehmens. Leonardo zählt zur traditionell starken exportorientierten Industrie Norditaliens, die eher trotz als wegen der Regierung Roms welt- weit Erfolge feiert. Mehr als 1.500 Kun- den zählt das Unternehmen weltweit aus dem staatlichen, militärischen und privaten Bereich. 4.500 Fluggeräte produzierte die Hightech-Schmiede bisher, jeden dritten Tag wird ein Helikopter ausgeliefert. Mit der Republik Österreich pflegt der zweitgrößte Rüstungskonzern Europas gute Beziehungen. 18 Mehrzweckhubschrauber des Typs Leonardo AW-169 wurden für das Bundesheer bestellt. Auftragswert: rund 300 Millionen Euro. Die ersten Maschinen werden Ende des Jahres geliefert.

Verzerrtes Italienbild hält sich hartnäckig

Trotz seiner Größe ist dieser Hidden Champion in Österreich kaum bekannt. Seine Wurzeln reichen zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert, als der Flugpionier Giovanni Agusta die ersten Flugzeuge baute und nach dem Krieg auch Motorräder (MV Agusta) produzierte. 2017 wurden alle Luftfahrt-, Raumfahrt- und Rüstungsaktivitäten unter dem Dach von Leonardo S.p.A. gebündelt. Auch die Aircraft Division feiert mit ihren Strahltrainern weltweit Erfolge. 83 Prozent der Umsätze kommen aus dem Ausland. Leonardo ist Teil jenes Erfolgsmodells Italiens, das in den Köpfen jenseits des Brenners wenig Platz findet. Die Mär von einem verschwenderischen, reform- unfähigen Land, das nur dank des Tourismus ökonomisch noch überleben kann, hält sich hartnäckig. Die Wahrheit ist: Italien ist nach Deutschland der zweitgrößte Industriestandort in der EU-weit vor Frankreich, Spanien oder Polen. Laut OECD-Daten hat die Industrie Italiens in den 1990er- und 2000er-Jahren zwar an Wettbewerbskraft verloren, entwickelt sich in puncto Industrieproduktion seit 2015 besser als die deutsche. Das industrielle Herz mit seinen Maschinenbauern, Autozulieferern, Hightech-Produkten und Forschungsnetzwerken liegt dabei in der Region Lombardei mit ihrer Hauptstadt Mailand.

Druck aus China nimmt zu

Ihr stattete eine oberösterreichische Delegation aus Politik und Industrie Mitte September einen Besuch ab. Motto: von den Besten lernen, Kontakte knüpfen und innovative Ansätze mit nach Hause nehmen. „Die Region ist wie Oberösterreich für mehr als ein Viertel aller Exporte seines Landes verantwortlich. Wir haben auch gemeinsame Schwer- punkte bei Kunststoff und Automotive sowie vergleichbare Forschungseinrichtungen und Technologiecluster“, sagt Markus Achleitner, Landesrat für Wirtschafts- und Standortpolitik. „Es ist ähnlich strukturiert wie in Oberösterreich, nur alles in einem größeren Maßstab“, sagt Thomas Bründl, Vizepräsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ). Der CEO von starlim-sterner, weltgrößter Verarbeiter von Flüssigsilikon, glaubt nicht an ein Ende der Globalisierung: „Wenn Lieferketten und Logistik wieder anlaufen, wird der Druck aus China auf Europa enorm zunehmen“, sagt Bründl gegenüber CHEFINFO. Ziel in Oberösterreich sei es, unter die führen- den zehn Industrieregionen zu kommen. Derzeit liegt das Bundesland laut dem Regional Competitiveness Index (RCI) auf Platz 34. „Wir sind auf dem richtigen Weg, dürfen uns aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen.“

Was Italien besser macht

Potenzial sehen Bründl und Achleitner bei den Themen Design, Vernetzung, Industrie 4.0 – und bei der Wertschöpfung. Bei Leonardo etwa findet Outsourcing praktisch nicht statt. „Wir kontrollieren alles, inklusive der Software“, erklärt Barontini. Einzige Ausnahme: Die Motoren für die Helikopter werden zur Gänze angeliefert. Die Vorteile des Insourcings liegen auf der Hand: Man reduziert das Lieferkettenrisiko, behält die Kompetenz in Key-Technologien und erhöht die Margen. „Wertschöpfung ist der Schlüssel für Wohlstand“, sagt auch Bründl. Zweites Beispiel: Design. Diesen Trumpf spielen die Italiener in gewohnter Brillanz selbst bei schnöden Bremssätteln für Automobile und Motorräder aus. Brembo lackiert sie in gewünschter Farbe und versieht sie mit dem Markennamen des Automobils. Das 1961 gegründete Unternehmen mit Sitz in Bergamo ist ein klassischer Nischenplayer und erzeugt sieben Millionen Bremsteile jährlich. Seine führende Stellung am Weltmarkt baut es durch vernetzte Forschung vor Ort am sogenannten „Kilometro Rosso“ aus. Der Wissenschaftspark ist direkt an den Unternehmenssitz von Brembo angeschlossen und beherbergt andere Betriebe, Forschungszentren, Laboratorien und Hightech-Produktionsaktivitäten. Obwohl Alu geschmolzen und verarbeitet wird, beträgt der Gasanteil bei der Energie nur 8 Prozent. Brembo lebt zudem Konnektivität: Alle 23 Produktionsstandorte sind weltweit miteinander vernetzt, die Produktionsabläufe auf Knopfdruck abrufbar. „Wachstum durch Innovation und nicht durch Quantität“, sagt Achleitner.

Energiepreisschock auf Italienisch

Aber auch die Probleme sind ähnlich wie in Österreich: „Junge Leute für technische Berufe zu begeistern ist eine Herausforderung“, sagt Roberto Vavassori, Unternehmenssprecher bei Brembo. Für Nervosität in der Wirtschaft sorgt der aktuelle Energiepreisschock. „Ein texanischer Geschäftspartner sagte mir: Wie wollt ihr wettbewerbsfähig sein, wenn ihr unser LNG-Gas kauft, mit viel Energie nach Europa transportiert, dann etwas damit produziert und die Produkte wie- der zurück in die USA verschifft?“, so Vavassori. Für Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der IV OÖ, ist die entscheidende Frage, ob es in den nächsten Jahren gelingen wird, die Industrie in Europa zu halten, oder ob sie in andere Wirtschaftsregionen mit niedrigeren Energiekosten abwandert. Eine Frage, die wohl eher in Brüssel als in Rom oder Wien entschieden werden wird.