MTB: Trend mit Tücken

Was gibt es schöneres, als mit dem Bike einen Berg zu erklimmen und sich auf der Alm zu stärken? Das vergangene Corona-Jahr hat viele davon überzeugt. Dementsprechend viel ist auch heuer auf Tirols Almwegen los. Aber nicht nur dort: auch in  den Spitälern mehren sich die Patienten nach einem Radunfall. 

Unfälle nehmen zu

Das bestätigt auch Rohit Arora, Direktor der Innsbrucker Uniklinik für Traumatologie und Orthopädie: In den ersten Wochen der heurigen Radsaison hatten wir bereits einige Fälle. Im Vorjahr wurden 1.859 Verletzte (60 Prozent Männer) bei uns behandelt. Das waren sechs Prozent mehr als 2019. Heuer gehe ich von mehr als 2.000 Verletzen aus.“ Dabei ist auffällig, dass neben jungen Downhillern vor allem E-Biker nach Freizeitunfällen in der Klinik landen: „Diese Unfälle sind meist schwerer – das hängt auch mit der Konstitution zusammen: diese Biker sind meist älter, etwas schwerer, haben nicht mehr so viel Kraft und Balance wie in jüngeren Jahren und kämpfen mit Muskelschwund und/oder nehmen Blutverdünnung. Die Reaktionszeit nimmt mit den Jahren ab und Knochenschwund begünstigt Knochenbrüche“, weiß der Experte. Denn das E-Bike ermöglicht jeder Altersgruppe auf die Alm zu kommen: „Wir haben durchaus auch 70- bis 80-jährige Patienten“, so Arora, der einen E-Bike-Führerschein für sinnvoll hält, ebenso wie ein Drosseln der Räder. Denn Einsicht bemerkt er bei seinen Patienten selbst nach einem Unfall keine: „Selbstüberschätzung wird nicht gesehen, meistens kommt nur die Frage: Wann kann ich wieder fahren?“. Der Unfallexperte hat übrigens selbst  auch schon ein E-Bike probiert:  „Es macht Spaß, nach der Arbeit, obwohl man müde ist, noch auf die Alm zu fahren. Aber der Schub ist nicht zu unterschätzen. Gut wäre z.B., den Motor an die Tretkraft anzupassen.“

Techniktipps

Hier sieht auch René Sendlhofer-Schag, Bikeexperte des Alpenvereins, einen wichtigen Ansatz: „Konditionell und fahrteschnisch sollte man immer seinem Können entsprechend die Strecken wählen – also zum Saisonstart nicht gleich Vollgas geben. Grundsätzlich gilt: üben, üben, üben. Balance und Dynamik sind die Grundvoraussetzungen für Spaß am Berg.“ Ein paar konkrete Tipps hat der Bikeprofi auch: „Wenn man drei bis vier Sekunden im Stillstand am Rad balancieren kann, ist das schon ein guter Schritt. Einen engen Achter zu fahren ist auch ein gutes Training. Am besten zudem Techniken ruhig auch in den Alltag einbauen, z.B. bei einer roten Ampel versuchen zu balancieren, den Randstein als Hindernis nutzen usw.“. Denn eine der Hauptunfallursachen sieht Sendlhofer-Schag in der Selbstüberschätzung: „Meist sind die Biker fahrtechnisch nicht gerüstet und zu schnell unterwegs. Viele glauben, sie haben die Kontrolle, wenn man aber nicht richtig bremsen kann und in der falschen Position fährt, dann ist das eine gefährliche Kombination.“

Pilotprojekt

Biken sollte vor allem aber Spaß machen. Daher ist nun in Innsbruck ein Pilotprojekt gestartet, das bei Erfolg nächstes Jahr auf ganz Tirol ausgerollt werden soll, wie Lebensraum Tirol-Chef Josef Margreiter verrät. Konkret gibt es beim Kauf eines elektrobetriebenen Fahrrades bei einem Innsbrucker Händler ab sofort ein Fahrtechniktraining kostenlos dazu. Das Projekt der Stadt Innsbruck, des Landes Tirol, der WK Tirol, der Tiroler Versicherung, der Tiroler Sparkasse und der Lebensraum Tirol Holding soll die Sicherheit erhöhen und Unfallzahlen senken. Durchgeführt werden die vierstündigen Trainings vom Verein zur Förderung von Bildung und Sport im Bikepark Muttereralm. Deren Chef Klaus Kranebitter verrät: „Im Kurs werden u.a. die Fahrwerksabstimmung, die Grundposition am Bike, effektives Bremsen, effizientes Bergauffahren, sicheres Bergabfahren, das Meistern mobiler Hindernisse, Verhaltensregeln auf Wegen und im Gelände sowie die Tourenplanung thematisiert.“ 

Am richtigen Weg

Apropos Tourenplanung: Mit der neu entwickelten radapp des Landes Tirol kann jeder die für ihn passende Route finden und sich sicher navigieren lassen. 6.400 Kilometer MTB-Routen, 330 Kilometer Singletrails und 1.100 Kilometer Radwanderwege warten darauf entdeckt zu werden. Die Anwendung der App wird im Rahmen des Trainings ebenfalls geschult. „Die radapp zeigt ausschließlich offiziell freigegebene MTB-Routen, die auch einheitlich nach Schwierigkeitsgraden klassifiziert und im Gelände beschildert sind“, erklärt Dieter Stöhr von Bergwelt Tirol – Miteinander Erleben. So steht einem unbeschwerten Bikesommer also nichts mehr im Weg.

 

Autor: Alexandra Nagiller, 22.06.2021