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Interview: Wir schaffen das!

11.12.2020 um 09:28, Alexandra Nagiller
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Das Jahr 2020 war für uns alle nicht leicht. Wie also die Situation bis zur Impfung meistern? Petra Sansone von der Krisenintervention des Roten Kreuzes Innsbruck gibt Antworten.

Was macht den Menschen besonders zu schaffen?

Einerseits müssen wir derzeit viel Vertrautes aufgeben: sei es, Familie und Freunde spontan und sorglos zu treffen, seien es gewohnte Rituale wie eine Umarmung oder das schlichte Geben der Hand bei einer Begrüßung. Andererseits fällt viel an struktur- und damit haltgebenden Elementen weg: der Lockdown bedeutet den Verlust des schulischen Alltags für Kinder und Jugendliche, veränderte berufliche Abläufe oder gar Verlust des Arbeitsplatzes für viele Erwachsene.

Was können wir aus der Krisenintervention für unseren „Corona-Alltag“ lernen?

Ein Bedürfnis von Menschen ist das nach Sicherheit. Gerade wenn in unserem Leben viele Elemente ungewiss und unsicher sind, ist es wichtig, sich bewusst einen Ort zu überlegen, der vertraut ist und den man gerne aufsucht, einen Menschen zu finden, der Sicherheit gibt und sich eine Tätigkeit zu überlegen, die Freude macht und gut tut. Diese Anker kann man bewusst einsetzen.
Ein weiteres zentrales Element ist die Bedeutung der Verbundenheit: auch jetzt, wo der direkte Kontakt zu vertrauten Menschen nicht in gewohnter Form stattfinden kann, ist es gut, bewusste Zeichen der Verbundenheit zu setzen. Sei es ein kleiner täglicher Gruß als Nachricht, die man sendet, ein Foto, das verschickt wird, ein kurzer Anruf bei lieben Menschen.

Petra Sansone ist leitende Psychologin in der Krisenintervention des Roten Kreuzes in Innsbruck sowie Geschäftsführerin der Tiroler Kinder und Jugend GmbH…

Welche Lehren haben Sie bis dato aus diesem besonderen Jahr gezogen?

Die Arbeit in der Krisenintervention ist eine gute Schule dafür, Gegenwärtiges zu schätzen, im Hier und Jetzt zu leben und den Fokus auf Positives zu richten. Dennoch geht dieses Wissen im Alltag immer wieder verloren. Für mich hat sich im Laufe dieses Jahres der Blick auf das, was mir wichtig ist, wieder zurechtgerückt, es ist mir nochmals deutlicher geworden, welchen zentralen Stellenwert meine Familie und enge Freunde für mich haben. Ich habe auch erlebt, dass es mir gelingt, Krisen gut zu meistern und stabil zu bleiben. Die zentrale Lehre war bestimmt, nichts als selbstverständlich zu nehmen, sondern Menschen, die mir wichtig sind und die Möglichkeiten, die mir das Leben bietet, bewusster wertzuschätzen.

Wie haben wir das Jahr bis dato gemeistert? Wie sehr hat es uns verändert?

Ich finde, wir alle leisten aktuell als Gesellschaft sehr viel und schlagen uns sehr wacker, wenn man berücksichtigt, wie lange wir bereits mit dieser Situation zurecht kommen müssen.
Jeder und jede einzelne muss Einschränkungen hinnehmen, kann Bereiche des Lebens nicht selbst entscheiden, muss Vertrautes und Gewohntes aufgeben. Das hinterlässt Spuren. Ob und inwieweit es uns verändern wird, werden wir erst sehen, wenn wieder mehr des bislang normalen Lebens möglich sein wird.

Was raten Sie Menschen, die sich aktuell mit der Situation schwer tun?

Hilfreich kann beispielsweise sein, bewusst die Aufmerksamkeit auf positive Momente und Aspekte zu lenken. Wenn dieser Schritt aktuell undenkbar scheint, weil gar nichts Gutes gesehen werden kann, hilft, aktiv Kontakt aufnehmen zu vertrauten Menschen und oder Beratungsstellen. Auch Krisenhotlines können bei Überforderung und Einsamkeit eine wichtige erste Entlastung bieten.

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