Die neue Reinheit: Wie viel Hygiene ist genug?

Weekend: Abgesehen von Corona: Was empfehlen Sie als wohl wirksamsten Schutz gegen Bakterien und Viren? 
Cornelia Lass-Flörl: Eine der wirksamsten Maßnahmen zur Verhütung von Infektionen ist regelmäßiges Händewaschen. Studien zufolge ließen sich rund ein Viertel der Durchfallerkrankungen sowie jeder sechste Atemwegsinfekt durch optimierte Händehygiene vermeiden. Bakterien und Viren können über direkten Händekontakt oder durch kontaminierte Gegenstände übertragen werden.

Weekend: Wie hat die Corona- Krise diese allgemeingültige Maßnahme beeinflusst?
Cornelia Lass-Flörl: 
Die für die Corona-Pandemie verantwortliche Mikrobe, SARS-CoV-2, zeichnet sich durch eine leichte Mensch-zu-Mensch-Übertragbarkeit aus. Der Hauptübertragungsweg ist die respiratorische Aufnahme virushaltiger Partikel, die beim Atmen, Husten, Sprechen und Niesen entstehen. Auch eine Übertragung durch kontaminierte Oberflächen ist in unmittelbarer Umgebung infektiöser Personen nicht auszuschließen (Krankenhaus). Als wichtigste Hygienemaßnahmen gelten daher: Abstand halten, um sich vor freiwerdenden Tröpfchen zu schützen, Mund-Nasen-Schutz tragen, dort, wo es sinnvoll ist, die Nies-Hustenetikette einhalten und natürlich nach wie vor regelmäßiges Händewaschen.

Händewaschen

Weekend: Wie hat sich das Hygiene-Verhalten in der Bevölkerung seit Ausbruch der Corona-Pandemie geändert?
Cornelia Lass-Flörl: 
„Mikrobiologie und Hygiene“ haben eine besondere Stellung innerhalb der Gesellschaft bekommen. Allerdings sehe ich auch eine große Verunsicherung. Ein Grund dafür ist, dass auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse ungefiltert über die Medien verbreitet werden, wobei aber nicht zwischen Theorie und Praxis unterschieden wird. Auch werden Labordaten „als real“ gewertet, ohne weiterführende Untersuchungen zu machen. Ein Beispiel: Dass Aerosole in der Gondel seien wird derzeit als gegeben angenommen, wurde aber meines Wissens noch nie untersucht. Eine derartige Aussage hat aber weitreichende Folgen. Weiters sind viele wissenschaftliche Fragen noch nicht vollständig untersucht. Meinungen werden mit Ergebnissen vermischt. Das verunsichert und kann zu einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung führen. Fakt ist, dass die Medizin schon viele Antworten auf SARS-CoV-2 und COVID geben kann, aber eben noch nicht für alle Fragen eine richtige Lösung hat. 

Weekend: Beim Tragen von Mund-Nasen-Schutz gehen die Meinungen weit auseinandner. Wie stehen Sie dazu: Hilfreich oder sinnlos? 
Cornelia Lass-Flörl: 
Im Krankenhaus war das Tragen einer Maske immer schon wesentliches Element in der Infektionsverhütung. Im Alltag kann eine Maske sehr wohl bei engen räumlichen Verhältnissen vor Infektionen schützen. Als „sinnlos“ erachte ich das Tragen der Maske z. B. im Freien beim Spaziergang im Wald oder beim Fahrradfahren.

Weekend: Worauf muss man bei Masken achten? 
Cornelia Lass-Flörl:
 Stoffmasken sollte man bei 60 bis 90°C waschen, es gilt eine Tragedauer von drei bis vier Stunden. Bei Durchfeuchtung muss sie gewechselt werden, und man sollte die Außenseite nicht berühren, da diese infektiös sein kann. Zu selbstgemachten Masken: laut Studien sind diese besser als gar keine. Einige Studien belegen sogar, dass Baumwollstoffmasken nicht viel schlechter wirken als chirurgischer Mundschutz.

Weekend: Glauben Sie, dass wir nach Corona wieder zu einem normalen Hygiene-Verhalten zurückfinden?
Cornelia Lass-Flörl: 
Ich hoffe, dass die Welt wieder „normal“ wird. Wir müssen lernen mit dem Virus zu leben. Sachlichkeit, klare Information und Verhältnismäßigkeit sind oberstes Gebot, vor allem müssen überschießende Ängste genommen werden. Dabei muss man aber gleichzeitig das Infektionsgeschehen und die Krankenhäuser im Auge behalten!

Autor: Manuela Fritz, 27.10.2020