So erkennt der Chef, was man wirklich kann

Anna arbeitet in der Entwicklungsabteilung eines großen Softwareunternehmens. In ihrer Freizeit fotografiert sie leidenschaftlich gerne. Max arbeitet in der Marketingabteilung desselben Unternehmens und benötigt dringend einen Fotografen für ein wichtiges Firmenevent. Leider weiß er aber nichts von Annas Talent und so muss ein externer Dienstleister gebucht werden, der die Aufgabe übernimmt.    

Was kannst du eigentlich?
Das ist nur eines von vielen Beispielen, wie Fähigkeiten in Unternehmen tagtäglich ungenutzt bleiben. Denn Tatsache ist: Oft wissen die Firmen gar nicht, welche Skills bei ihren Mitarbeitern überhaupt vorhanden sind. Zwar werden die dringend benötigten Fähigkeiten für den eigenen Arbeitsbereich von der HR-Abteilung registriert, ansonsten gibt es aber nur wenige Möglichkeiten, zusätzliche Talente sichtbar zu machen. Das junge Grazer Start-up „Skilltree“ möchte das ändern und hat daher eine eigene Software entwickelt, die genau dieses Problem in Angriff nimmt.  

Spielend einfach
Die Idee dazu ist, den vier Informationsmanagement-Absolventen beim gemeinsamen Feierabendbier gekommen. „Wir haben selbst die Erfahrung gemacht, dass man sich oft auf einen bestimmten Arbeitsbereich spezialisiert. Alles, was man aber beispielsweise im Studium sonst noch gelernt hat, geht verloren“, erzählt Co-Founder Markus Skergeth. Die jungen Gründer haben daher eine Software entwickelt, die die Skill-Analyse mit Machine-Learning und künstlicher Intelligenz kombiniert. Dazu kommt ein spielerischer Ansatz: Jeder Mitarbeiter bekommt in der Web-Applikation seinen eigenen „Fähigkeitenbaum“, in den er seine Skills einträgt und den er selbst weiterentwickeln kann. „Das ist ähnlich wie bei einem Computerspiel“, so Skergeth. Soll nun beispielsweise ein Team zusammengestellt werden, schlägt das System automatisch passende Mitarbeiter dafür vor.  

Verstecktes Potenzial
Aber nicht nur bereits vorhandene Fähigkeiten sind im Programm registriert. Die Mitarbeiter können auch jene Skills eintragen, die sie künftig noch lernen oder verbessern möchten. So hat man als Unternehmer etwa einen Überblick, in welchen Bereichen Interesse für Weiterbildung besteht. Aktuell forscht man gemeinsam mit der FH Joanneum daran, wie sich auch individuelle Persönlichkeitsmerkmale in diesen Prozess einbinden lassen.   

Echt effizient
Doch welche Skills sind bei den Arbeitgebern überhaupt gefragt? „Gerade jetzt, wo viele Firmen auf Home Office umgestellt haben, ist die Nachfrage nach technischen Fähigkeiten groß“, so Skergeth. MS Teams einrichten, ein Set-up für das E-Mail-Programm durchführen oder Verbindungsprobleme beheben: Oft sind es nur Kleinigkeiten, für die es kein speziell geschultes Personal brauchen würde. Auch Sprachkenntnisse, Social-Media-Erfahrung oder Kenntnisse im Programmieren stehen bei den Unternehmen hoch im Kurs. Wichtig zu erwähnen: Dabei geht es keineswegs darum, dem Einzelnen noch mehr Arbeit „aufzuhalsen“, sondern bereits vorhandene Ressourcen effizienter zu nutzen.   

Werte-Wandel
Vor allem jüngeren Arbeitnehmern kommt das entgegen. Denn der Wunsch nach Selbstverwirklichung und einem abwechslungsreichen Arbeitsalltag wird laut Studien für sie immer wichtiger. Arbeit soll nicht nur Sinn, sondern im besten Fall auch Spaß machen. Wer seine Talente sinnvoll einbringen kann, fühlt sich außerdem eher wertgeschätzt und ist generell motivierter. Eigentlich eine Win-win-Situation für beide Seiten.   

Autor: Elisabeth Stolzer, 17.12.2020