Köhlmeiers kolossale Kakophonie

Köhlmeier ist ein guter österreichischer Schriftsteller, der einige passable Romane geschrieben hat. Nicht mehr und nicht weniger. An Leute wie Arno Geiger oder Christoph Ransmayr kommt er nicht heran. Lichtjahre entfernt ist er von Größen wie Thomas Bernhard, Peter Handke oder Elfriede Jelinek. Nichts desto trotz hat sich der Vorarlberger in den letzten Jahren zu einer Art „Gewissen in Rot-Weiß-Rot“ entwickelt. So hat er unter anderem 2018 eine viel beachtete Rede im Parlament anlässlich des Gedenkens an den Nationalsozialismus gehalten.
Immer wieder trat Köhlmeier auch als Kritiker von Bundeskanzler Kurz auf den Plan. So auch dieser Tage – leider in Form einer dichterischen Offenbarung. Für alle, die es nicht gelesen haben hier ein kleiner Auszug:

Es sitzt ein Mann im Kanzleramt,
der hat ein Herz aus Stein,
Er möchte gern ein Großer sein
und ist erbärmlich klein.

Minister flüstern ihm ins Ohr,
dass er der Größte sei,
wenn er kein bisschen Mitleid zeigt,
denn Mitleid sei Geschrei.


Echt jetzt? Solche Zeilen veröffentlicht ein halbwegs angesehener Dichter? Das liest sich, als hätte ein 13-jähriger Asylwerber, der gerade mal drei Monate Deutsch gelernt hat, aus purer Fadesse ein paar Zeilen in die Klowand geritzt. Da sind ja die Texte von Andreas Gabalier tiefgründiger. Ich höre Marcel Reich-Ranicki förmlich im Grab rotieren und den Satz formulieren: „Dieses Gedicht von Köhleier ist slecht.“ Und mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.
Natürlich haben Zeitungen das lächerliche Pamphlet aufgegriffen und auch im Netz wird es von einigen „Intellektuellen“ mit großem Eifer verbreitet. Der Hass auf Kurz scheint nicht nur dem Dichter, sondern auch so manchem Zeitgenossen die Sicht verstellt zu haben. Da ist jedes noch so bemitleidenswerte Gedichtchen recht, um dem Bundeskanzler eine reinzuwürgen. Bitte nicht falsch verstehen: man kann und soll Kurz wegen seiner harten bis hartherzigen Haltung in der Moria-Katastrophe durchaus kritisieren. Man sollte dabei aber nicht jeden Niveau-Limbo mittanzen.
Zum Schluss kann ich es mir nicht vergreifen, auch ein wenig zu reimen:

Es sitzt ein Mann im Ländle,
der hat einen Hass auf Kurz,
er möchte gern ein Dichter sein,
heraus kam nur ein Furz.

Lieber Michael Köhlmeier, lassen Sie nächstes Mal vor einer Aussendung Ihre Zeilen von jemandem gegenlesen.

Autor: Robert Eichenauer, 03.01.2021