„Gewittervorhersage ist mein Spezialgebiet“

Weekend.at: Herr Ortner, die für alle Salzburger wohl wichtigste Frage vorab: Können wir uns im Sommer auf Badewetter und im Herbst auf einen Altweibersommer freuen?

Christian Ortner: Langzeitprognosen über mehrere Monate sind grundsätzlich schwierig, da die Atmosphäre speziell bei wechselhafter Witterung und in gebirgigen Regionen wie in Österreich schwer einzustufen ist. Aktuell fehlt für eine zuverlässige Vorschau eine stabile Wetterlage mit langfristigem Hoch. Wechseln sich Sonne, Fronten und Tiefs rasch ab, ist die Fehlerquote schlicht und ergreifend höher. Laut aktuellen Daten der ZAMG schaut es danach aus, dass der Sommer sehr warm ausfallen wird, Trends deuten auch auf einen Herbst mit hohen Temperaturen hin. Weitere Details zu nennen ist schwer und wäre auch unseriös.

Weekend.at: Für welchen Zeitraum können Meteorologen das bevorstehende Wetter relativ genau vorhersagen?

Christian Ortner: Befinden wir uns mitten in einem markanten Hochdruckgebiet, ist die Vorhersage für mehrere Tage sehr einfach. Ziehen aber ständig Tiefdruckgebiete mit wechselhaftem Wetter durch, ist eine genaue Prognose bereits für den nächsten Tag eine Herausforderung.

Weekend.at: Im Moment scheint das Wetter verrückt zu spielen, sogar Prognosen für den nächsten Tag sind des Öfteren völlig verkehrt. Woran liegt das?

Christian Ortner: So schlecht waren die Prognosen nun auch wieder nicht (grinst). Je mehr Daten aus Wetterstationen und -ballons, Satelliten sowie Flugzeugen vorhanden sind, desto genauer sind natürlich unsere Berechnungen. Der geringere Flugverkehr wirkt sich auf die Genauigkeit der Prognosen aus, da uns Informationen direkt aus der Luft fehlen. Mehrheitlich nutzen wir allerdings Infos aus Satelliten und Bodenstationen, gezielte Lokalmodelle sind etwas stärker von Flugzeugdaten anhängig. Eine grobe Verschlechterung gab es aber auch hier nicht, stellenweise wurden leichte Abweichungen registriert. Um das auszugleichen, schicken wir deutlich mehr Wetterballons in den Himmel als üblich.

Christian Ortner, Meteorologe ZAMG Salzburg

Weekend.at: Kratzt es an Ihrem Selbstbewusstsein, wenn Sie mal richtig danebenliegen?

Christian Ortner: Es kann schon mal vorkommen, dass ich heftige Gewitter voraussage und im Endeffekt sind es nur leichte Regenschauer. Manchmal ist man einfach machtlos, so ehrlich muss man sein. In so einem Fall analysiere ich die Wetterlage genau und versuche herauszufinden, was ich übersehen habe. Und manchmal freut man sich sogar, wenn zum Beispiel ein Landwirt erzählt, dass es doch noch bis zum Abend ausgehalten hat und die Heuernte noch möglich war (grinst).

Weekend.at: An welchen Parametern werden Wettervorhersagen getätigt?

Christian Ortner: An wirklich vielen! Ein Profi geht jedem kleinen Hinweis aus der Atmosphäre nach, auch wenn einen die Fülle an Informationen fast „erschlagen“ kann. Als Klassiker gelten Luftdruck und -feuchtigkeit, Temperatur, Wind und Sonneneinstrahlung. In weiterer Folge auch Niederschlag, der aber eigentlich das Ergebnis der vorher genannten Größen ist.

Weekend.at: Woran können Sie zum Beispiel erkennen, dass mit schweren Gewittern oder Hagel zu rechnen ist?

Christian Ortner: Gewittervorhersage ist mein Spezialgebiet! Bereits am Morgen beobachte ich den Himmel, gibt es bereits höher reichende, kräftige Cumuluswolken und ist es im weiteren Tagesverlauf schwül? Ein besonders wichtiger Faktor ist die Luftfeuchtigkeit in Bodennähe – dadurch kann ich die ungefähre Stärke eines Gewitters bestimmen. Hagelpotenzial analysiere ich anhand der Temperaturschichtung in mittleren Höhen, diese Daten hole ich mir zum Beispiel aus Wetterballons. Zusätzlich schaue ich mir an, ob es markante Windveränderungen in der Höhe gibt und wie stark die Sonneneinstrahlung und Bewölkung ist. Daraus erfolgt eine Abschätzung und dann heißt es nur noch eines: beobachten!

Weekend.at: Bei welchen Wettererscheinungen bekommen Sie es mit der Angst zu tun? Oder fürchtet sich ein Meteorologe nie vor dem Wetter?

Christian Ortner: Als Kind hatte ich Angst vor Blitz und Donner, mittlerweile bin ich fasziniert davon – einen gewissen Respekt habe ich aber immer noch. Früher war ich auch gelegentlich „Stormchasen“, also auf der Jagd nach außergewöhnlichen Wetterphänomenen – auch in Österreich gibt es eine aktive Sturmjäger-Community. Angst ist generell ein schlechter Ratgeber, allerdings sollte man gefährliche Wettersituationen – zum Bespiel Gewitter in den Bergen – meiden und Touren dementsprechend planen. Den Respekt vor Naturgewalten darf man nie verlieren, denn dagegen sind wir alle machtlos – das gilt auch für uns Wetterfrösche.

Superzelle über Salzburg

Weekend.at: Wie oft werden Sie privat gefragt, wie denn das Wetter nun in den nächsten Tagen wird? Und nervt Sie das manchmal?

Christian Ortner: Sehr oft, vor allem von meiner Familie und Freunden. Meine Prognosen für diverse Grillfeste oder Gartenarbeiten dürften nicht so schlecht gewesen sein, sonst wären die Anfragen spärlicher (lacht). Das nervt mich nicht, auch wenn ich manchmal weniger Zeit habe und die Antworten etwas knapper sind. Man hilft ja gerne und es erkundigen sich auch einige befreundete Landwirte – dabei geht es um mehr als nur ein Fest!

Weekend.at: Haben Sie auch bei sich zu Hause eine kleine Wetterstation?

Christian Ortner: Als Kind zeichnete ich viele Jahre Niederschlag und Temperatur auf, ganz klassisch mit Thermometer und Baumarktkübel. Momentan bin ich „stationslos“, eine professionelle Wetteranalyseanlage wäre aber schon lässig.

Weekend.at: Was halten Sie von „Wetterhexen“, die das Wetter ohne technische Hilfsmittel nur anhand der Natur vorhersagen? Glauben Sie beispielsweise an Bauernregeln?

Christian Ortner: So manch ein Scharlatan ist schon dabei, inklusive krasser Fehlprognosen. Allerdings gibt es auch Menschen, die aufopfernd die Zeichen der Natur festhalten. Natürlich sind diesen Beobachtungen Grenzen gesetzt, über die Jahre sind sie aber goldwert und sollten auf keinen Fall aufgegeben werden. Ich selbst habe sämtliche Technik zur Verfügung, bei gewitterträchtigen Lagen beobachte aber auch ich mit bloßem Auge oder über Webcams den Himmel. Bauernregeln sind hingegen für Wettervorhersagen nicht ideal, manche sind statistisch nicht haltbar. Aber auch hier gibt es einige Prognosen, die oft verblüffend passen – zum Beispiel die Eisheiligen. Zu dieser Jahreszeit kommt es tatsächlich häufig zu Kaltluftausbrüchen, das wurde über viele Generationen so beobachtet.

 

Zur Person: Christian Ortner (1981) ist Meteorologe bei der ZAMG, bis 2009 beobachtete er den Himmel über Wien, seit 2011 ist er in Salzburg dafür zuständig, schnellstmöglich über das Wetter zu informieren. Der gebürtige Oberösterreicher studierte Meteorologie an der Universität Wien und ist in seiner Freizeit in den Bergen, beim Skifahren oder – wie könnte es auch anders sein – bei Gewitterbeobachtungen anzutreffen.

Informationen:

Wetter für Salzburg: www.zamg.at 

Österreichs Sturmjäger: www.skywarn.at

Autor: Simone Reitmeier , 20.07.2020