Die Dramen hinter den Bildern

Keine Epoche war für Maler, Zeichner und Bildhauer so fatal wie das Dritte Reich. Wer sich nicht der herrschenden Kunstdoktrin unterwarf, zog den Zorn des Regimes auf sich. Das konnte Berufs- und Arbeitsverbot oder Vernichtung des Werks bedeuten. Zahlreiche expressionistische oder kubistische Arbeiten wurden aus Museen entfernt und im Rahmen einer Wanderausstellung als „entartet“ diffamiert – die berüchtigte Schau gastierte übrigens 1938 auch in Salzburg.

Lost Generation

Die jüdischen Künstler wurden enteignet, zur Emigration gezwungen oder schließlich in die Vernichtungslager deportiert. Viele hunderte, wenn nicht tausende Kunstschaffende in Deutschland hatten zwischen 1933 und 1945 das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu leben.

„Zur falschen Zeit am falschen Ort“ nennt sich auch die Ausstellung im „Museum Kunst der verlorenen Generation“ in der Sigmund-Haffner-Gasse. Das Privatmuseum beherbergt seit 2017 eine wechselnde Auswahl der Sammlung von Heinz Böhme, eines ehemaligen Internisten und Universitätsprofessors aus München. Böhme verbringt den Ruhestand in Salzburg und wohnt in Anif.

Leidenschaft Sammeln

„Ich habe immer schon gesammelt, aber eher unspezifisch. Ich kaufte, was mir gefiel, vorzugsweise Landschaften und Porträts“, erzählt Böhme. „In den achtziger und neunziger Jahren war ich beruflich oft in Berlin und hatte abends Zeit für Besuche in Galerien.“ Eines Tages, erzählt Böhme, habe er in einem alten Katalog einer Ausstellung von Werken des Malers Ludwig Jonas zu lesen begonnen.

Ludwig Jonas (1887-1942) zählte in Berlin zu den bedeutendsten Impressionisten der 1920er Jahre und emigrierte nach der Machtergreifung der Nazis nach Frankreich und später nach Palästina. Die Biografie des Malers faszinierte Heinz Böhme. Auch deshalb, weil Jonas vor dem ersten Weltkrieg Medizin studiert hatte bevor er sich der Kunst widmete, aber vor allem deswegen, weil Jonas‘ Karriere 1933 ein abruptes Ende gefunden hatte und sich später kaum jemand mehr an ihn erinnerte.

400 Kunstwerke

Böhme konzentrierte sich von nun an auf Menschen wie Jonas, also auf Künstler, die während des Nationalsozialismus fliehen mussten oder sich in die innere Emigration zurückzogen.

Mittlerweile umfasst seine Sammlung rund 400 Gemälde, die er im Zeitraum von etwa 30 Jahren in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien zusammengetragen hat. Seine Sammelstrategie umschreibt er so:  „Ich vermeide bekannte Namen wie beispielsweise Max Beckmann, ich suche nach seinen Schülern, die kennt keiner mehr.“

Museum Kunst der Verlorenen Generation

Absolute Rarität

Böhme sucht auch gezielt nach den Malstilen, in denen die Künstlerjahrgänge zwischen 1890 und 1914 später gearbeitet haben.  „Das war ja sehr vielseitig, von Expressionismus über Kubismus bin hin zu Surrealismus und neue Sachlichkeit. Wenn es gelingt, die Biografie des Künstlers zu recherchieren und die Thematik Berufsverbot oder Verfolgung vorkommt, dann kauf’ ich das Werk. Fehlt diese Thematik, lass’ ich das.“ Einer der Höhepunkte der Sammlung ist ein Ölgemälde von Felka Platek, der in Warschau geborenen Lebensgefährtin und späteren Frau von Felix Nussbaum. Das Paar wurde 1944 in Brüssel an die Gestapo verraten und in Auschwitz ermordet. Felix Nussbaum hatte im belgischen Exil eindrückliche Bilder zu den Themen Emigration und Verfolgung geschaffen, die gerettet werden konnten und nun in einem Museum in Osnabrück zu sehen sind. Von seiner Frau Felka, die vorwiegend als Porträtistin arbeitete, sind nur ganze drei Gemälde erhalten - eines davon befindet sich jetzt dank Heinz Böhme in Salzburg.
Museum Kunst der Verlorenen Generation
Sigmund-Haffner-Gasse 12

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag
11-17 Uhr

Autor: Gert Damberger , 29.09.2020