Urban Exploring: Die Faszination des Vergänglichen

Achtung: Bevor Sie sich in ein Lost Places-Abenteuer stürzen, bedenken Sie bitte, dass bei Gebäuden, Ruinen, etc. akute Einsturz- und/oder Verletzungsgefahr bestehen könnte und/oder das Betreten der Location mitunter verboten ist und Sie in diesem Fall Besitzstörung begehen.

Verfallene Gebäude, vergessene Industrieanlagen und morbide Spurensuche – immer mehr Hobby-Fotografen entdecken die Lost Places-Fotografie für sich und setzen verlassene Orte aus dem richtigen Blickwinkel, mit entsprechender Beleuchtung und professioneller Fotobearbeitung gekonnt in Szene. Erst kürzlich sind wir über das Instagram-Profil „Urban Exploring Salzburg“ gestolpert und haben uns gefragt, wie man solche Orte findet und was eine wachsende Fangemeinde an diesen ambivalenten Fotografien fasziniert.

Lost Places in Salzburg

„Ich finde es spannend, wie sich die Natur, die einst von Menschen bewohnten und bewirtschafteten Orte zurückholt. Und vor allem, wie schnell das geht“, erzählt Roland Zwinz, der seit 2018 als Lost Places-Fotograf in Salzburg und ganz Österreich unterwegs ist. Der gelernte Koch kommt aus Wien, lebte zehn Jahre in Kärnten und zog vor drei Jahren der Lieben wegen nach Salzburg. Die Begeisterung für verlassene Orte begleitet ihn schon seit seiner Kindheit. „Ich habe immer schon gerne alte Häuser und Ruinen erkundet. Urban Exploring entdeckte ich durch einen Youtuber, der ausführlich über sein Hobby berichtete“, erzählt Zwinz. „Urban Exploring“ – so nennt man das, wenn Menschen („Urbexer“) ehemalige städtische Einrichtungen, Wohnhäuser und alte Industrieareale auf eigene Faust erkunden und auf Bildern festhalten. Vor einiger Zeit soll es laut Zwinz viele solcher Stätten in Salzburg gegeben haben, „allerdings wird momentan viel abgerissen oder renoviert, wodurch potenzielle Lost Places verloren gehen“, so der 33-Jährige. Zu seinen Lieblingsorten zählen eine verfallene Villa am Stadtrand Salzburgs, ein ausrangiertes Bauernhaus im Lungau sowie das schon lange unbenützte Kongresshaus in Gastein.

Wie findet man solche verlassenen Orte?

Wo sich die Locations genau befinden, ist unter Lost Places-Fotografen ein gut gehütetes Geheimnis – ansonsten würde die Sache schließlich auch schnell an Reiz und Nervenkitzel verlieren. Nichtsdestotrotz hat Wahl-Salzburger Roland Zwinz Tipps für Anfänger auf Lager. „Das Meiste findet sich, wenn man die Gegend erkundet und die Augen bewusst offenhält. Oftmals steckt aber auch eine lange Recherche über das Internet und anhand von Denkmalschutzlisten dahinter.“ Hilfreich kann es außerdem sein, mit Ortsansässigen zu sprechen – vor allem ältere Menschen wissen oft über alte Gebäude Bescheid. So erfährt man zusätzlich jede Menge über die Geschichte der Standorte. „Die Recherche, was an bestimmten Orten passiert ist, wann und warum Gebäude verlassen wurden – genau das ist das Spannende an diesem Hobby“, erzählt der „Urbexer“ begeistert. Sich mit anderen Urban Explorern zu vernetzen ist ebenfalls nützlich, online gibt es jede Menge Gruppen und Foren, in denen sich erfahrene Abenteurer untereinander austauschen.

Urbexer Roland Zwinz | Credit: urbex_photography_roli

Der Urbex-Ehrenkodex

„Natürlich kommt es vor, dass man unbeabsichtigt eine Besitzstörung begeht. Manchmal ist es schwer herauszufinden, wem ein verlassenes Haus gehört. Ab und an gibt es gar keinen Besitzer mehr. Generell versuchen wir das aber zu vermeiden und halten uns im Zweifelsfall nur kurz und sehr vorsichtig an besagten Orten auf“, erklärt Roland Zwinz. Um einen großen Ansturm, Vandalismus und Diebstahl zu vermeiden, haben sich die selbsternannten Urban Explorer zudem auf einen Ehrenkodex geeinigt, der von den meisten eingehalten wird. Roland Zwinz hat uns die wichtigsten Regeln in Form von „10 Ver- und Geboten“ zusammengefasst:

  1. Wir respektieren das Eigentum anderer.
  2. Wir nehmen nichts mit und lassen auch keine Gegenstände dort.
  3. Wir hinterlassen keinen Müll.
  4. Sprayen ist ein No-Go.
  5. An Locations wird nicht geraucht.
  6. Wir verhalten uns zu jeder Zeit vorsichtig.
  7. Wir ziehen niemals alleine los.
  8. Wir parken das Auto immer so, dass niemand auf unseren Besuch aufmerksam wird.
  9. Wir machen unsere Locations nicht öffentlich.
  10. Zum Schutze des Objektes verraten wir keine Adressen oder Koordinaten an unbekannte Personen.

Lost Places-Tourismus

Das sich Lost Places-Fotografie immer größere Beliebtheit erfreut, zeigt auch das Tourismusangebot: Ein 3-Tages-Trip in die Todeszone von Tschernobyl lässt sich mittlerweile als Pauschalreise buchen. „Ich persönlich war noch nicht dort, es steht aber ganz oben auf meiner To-Do-Liste“, so Roland Zwinz. In Berlin kann man gegen Gebühr an Lost Places-Fototouren mit „vergessenen Sanatorien, stillgelegten Fabrikhallen oder längst überwucherten Militäranlagen“ teilnehmen. Ebenso in London, Belgien und im US-amerikanischen Arizona.

Autor: Simone Reitmeier, 30.03.2021