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Helga Rabl-Stadler
Salzburger Festspiele/Wildbild

Helga Rabl-Stadler: das Ende einer Ära

27.09.2021 um 14:57, Gert Damberger
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Die Intendanten kamen und gingen, Helga Rabl-Stadler blieb und steuerte das wichtigste Kulturfestival der Welt durch alle Höhen und Tiefen. 26 Jahre lang.

„Wir spielen“ hieß es vor dem schlimmen Corona-Sommer 2020 in Salzburg, als weltweit fast alle Kulturfestivals vorsichtshalber abgesagt wurden. „Wir spielen“ hieß es heuer im Frühjahr, als wiederum die Pfingstfestspiele auf der Kippe standen. Helga Rabl-Stadler hat mit der Parole „wir spielen“ hoch gepokert – und den Jackpot eingefahren. Alle drei Festspiele, Sommer 2020, Pfingsten und Sommer 2021 waren letztlich ein Riesenerfolg. Das Wagnis war groß, hätte es im Sommer vor einem Jahr einen Ansteckungsherd à la Ischgl gegeben, hätte die ganze Welt mit dem Finger auf Österreich gezeigt. Das eigens ausgearbeitete Sicherheitskonzept der Salzburger Festspiele hat sich aber 2020 wie auch 2021 bestens bewährt.

Enormer Kampfgeist

Dass HRST (mit diesem Kürzel zeichnet sie Ihre sms) Nerven wie Drahtseile hat und ein ausgezeichnetes Standing, hat sie schon oft unter Beweis gestellt. 1995 wurde sie zur Festspielpräsidentin ernannt, als erste Frau auf diesem Posten. Mehr als einmal geriet sie in den kommenden 26 Jahren zwischen die Fronten von Kunst, Politik und Geld. Zumal sie, die Ex-Journalistin, Ex-Geschäftsfrau und ÖVP-Politikerin, von Anfang gestalten wollte und sich nicht mit einer rein repräsentativen Rolle begnügte. Doch was ist die Funktion eines Festspielpräsidenten überhaupt? Weil die Festspiele zu 75 Prozent ihres Budgets selbst erwirtschaften müssen, ist es die Aufgabe des Präsidenten, dafür zu sorgen, dass diese Rechnung aufgeht. Sprich, er (oder sie) sollte Drittmittel auftreiben. Weil die Intendanten kommen und gehen, soll der überdauernde Präsident die für Sponsoren notwenige Kontinuität gewährleisten.  

Fünf Intendanten

Mindestens zwei der fünf Intendanten in Rabl-Stadlers Amtszeit haben diese Arbeitsteilung nicht goutiert. Gérard Mortier hasste Kommerz und ließ ihr ausrichten, sie sei eine „Dirndlverkäuferin aus der Getreidegasse“. Mit Mortier-Nachfolger Peter Ruzicka konnte HRST gut zusammenarbeiten, aber Ruzicka passte der Politik nicht und musste gehen. Mit Jürgen Flimm war der Beziehungsstatus schon wieder „kompliziert“, weil sein künstlerischer Anspruch mit wirtschaftlichen Überlegungen nicht kompatibel war. Alexander Pereira, der übernächste Intendant, war es gewohnt, selbst Sponsorengelder aufzutreiben.

Helga Rabl-Stadler

Mit dem aktuellen künstlerischen Leiter, dem Pianisten Markus Hinterhäuser, der seit 2017 im Amt ist, klappt es, wie es soll. Keiner mischt sich ins Ressort des anderen ein und die Politik hält sich endlich aus der Intendantenbestellung heraus (zwischen 2007 und 2017 war das leider anders). Rabl-Stadler hält Hinterhäuser finanziell den Rücken frei, damit dieser ein Programm machen kann, das sowohl die elitären Musikkritiker wie auch die konservativen Stammkunden erfreut und der Überalterung des Publikums entgegenwirkt.

150 Millionen lukriert

Wenn Rabl-Stadler Ende des Jahres ihren Schreibtisch räumt, übergibt sie einen Betrieb, der genau in dem vom Festspielgesetz definierten Rahmen funktioniert. Rund 50 Prozent der Einnahmen kommen durch Kartenerlöse herein, Sponsoren steuern 10 Prozent bei, mit TV-Rechten und ähnlichem werden 15 Prozent erzielt und die Zuschüsse der öffentlichen Hand beschränken sich auf die vereinbarten 25 Prozent. In 26 Jahren konnte Helga Rabl-Stadler insgesamt 150 Millionen Euro an Sponsorengeldern lukrieren. Eine wichtige Errungenschaft ihrer Amtszeit war der Umbau des „Kleinen Festspielhauses“, das als „Haus für Mozart“ 2006 wiedereröffnet wurde. Die für Konzerte und Opern genutzte Spielstätte zeichnet sich durch beste Akustik und optimale Sicht von allen Plätzen aus und ist praktischer zu bespielen als die beiden Riesenbühnen in Festspielhaus und Felsenreitschule.

Interims-Intendantin

Doch Helga Rabl-Stadler nur in ihrer Rolle als Geschäftsführerin eines Kulturfestivals zu sehen, greift zu kurz. Sie kann auch Kultur, um es salopp zu formulieren. 2015 und 2015 war sie sogar selbst Intendantin, denn nach dem Abgang von Alexander Pereira verantwortete sie zusammen mit dem Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf zwei Sommer lang die Festspielprogramme. Man sieht: die Fußstapfen, in die der Nachfolger oder die Nachfolgerin von HRST treten muss, sind nicht gerade unterdimensioniert.

 

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