Das Comeback des Wolfs: Gefahr oder Gewinn?

Von Juni 1913 bis März 1914 verbreitete eine mysteriöse Bestie in der Region zwischen der Stubalpe und der Koralpe Angst und Schrecken. Selbst internationale Medien überschlugen sich in reißerischen Sensationsreportagen über das „Bauernschreck“ getaufte Ungeheuer, das auf den Almen sein Unwesen trieb und dem binnen weniger Monate 94 Rinder und 217 Schafe zum Opfer fielen. Der Zorn der geschädigten Landwirte sowie die wachsende Panik unter der Bevölkerung, die sich vor allem um die Unversehrtheit der Kinder sorgte, zog schlussendlich sogar die Aufmerksamkeit Kaiser Franz Josephs auf die spektakulären Vorgänge. Um das Untier zur Strecke zu bringen, wurden nicht nur Krisenstäbe eingerichtet, sondern auch Jäger, Gendarmen und selbst Soldaten in die betroffene Region entsandt. Dem Spuk bereitete letztendlich der Jäger Paul Steinbauer ein Ende, der am 04. März 1914 einen Wolfsrüden anschoss, der tags darauf verendete und in weiterer Folge als „Bauernschreck“ identifiziert wurde.

Déjà-vu-Erlebnis

Verfolgt man die Diskussionen jüngeren Datums zu den Wolfsaktivitäten im Mölltal, Gailtal sowie in Oberdrauburg, stellt sich vor dem Hintergrund dieser historischen Begebenheiten ein Déjà-vu-Erlebnis ein: Landwirte führen auch heutzutage den durch gerissene Nutztiere entstandenen wirtschaftlichen Schaden ins Feld, während Eltern die Sicherheit ihrer im Wald spielenden Kinder beschwören, um einen Abschuss sogenannter Problemwölfe zu fordern. Tierschützer hingegen verweisen auf den außerordentlichen Schutzstatus, den Wölfe auf Basis des EU-Rechts genießen, und sehen in ihrer Rückkehr eine Bereicherung der Artenvielfalt, aus der sich positive Effekte für die Gesundheit des Wildbestandes ergeben, da Wölfe vor allem kranke und schwache Tiere jagen. Die in diesem Spannungsfeld agierende Politik reagiert auf die vorherrschenden Ängste und Sorgen mit temporären Abschuss-Genehmigungen für Tiere, die bereits Weidevieh getötet haben und sich regelmäßig von Menschen genutzten Gebäuden, Stallungen und Viehweiden nähern.

Wechselhafte Beziehung

Das Verhältnis zwischen Wolf und Mensch gestaltete sich jedoch nicht seit jeher dermaßen friktionsgeladen: Unsere nomadisierenden Vorfahren bewunderten die Ausdauer und das Geschick, die das Jagdverhalten der Wölfe prägen, und verehrten sie als Beschützer und übernatürliche Wesen, wovon Vornamen wie Wolf, Wolfgang oder Wolfhard zeugen. Mit der einsetzenden Sesshaftigkeit sowie der voranschreitenden Christianisierung kühlte die Beziehung zwischen Mensch und Wolf jedoch drastisch ab und nahm immer angsterfülltere Züge an. Dieser Stimmungsumschwung resultierte im Wesentlichen bereits damals aus der existenziellen Bedrohung, die sich für die immer häufiger von der Viehhaltung lebenden Menschen aus den Attacken der Wölfe auf ihre Rinder, Schafe, Schweine oder Pferde ergab. Ab dem Mittelalter wurden die in Ungnade Gefallenen daher zunehmend intensiver bejagt, was schlussendlich zu ihrer vollständigen Ausrottung mit Ende des 19. Jahrhunderts führte. Wölfe sind allerdings als äußerst hartnäckig bekannt und kehren nicht selten auch nach langer Abwesenheit in die von ihren Vorfahren besiedelten Gebiete zurück, weshalb sie sich mittlerweile auch regelmäßig nach Kärnten verirren.

Herdenschutz

Eine Möglichkeit, um in Zukunft eine friedliche Koexistenz von Wolf und Mensch zu gewährleisten, sehen Naturschutzorganisationen wie der WWF in der Umsetzung eines effizienten Herdenschutz-Konzeptes, wie es etwa in der Schweiz praktiziert wird. Konkret handelt es sich dabei um Maßnahmen wie die Errichtung stromversorgter Zäunungen, den Einsatz von Herdenschutzhunden sowie die Wiederbelebung des Hirtenwesens, für deren Finanzierung auch EU-Fördermittel in Anspruch genommen werden können. Wissenschaftliche Studien belegen, dass mithilfe des eidgenössischen Modells in 80 % der Fälle eine Reduktion der Nutztierschäden bewirkt werden konnte. Um etwaige Angriffe auf Menschen zu verhindern, sollte man zu Wölfen stets einen Respektabstand wahren, sie keinesfalls anfüttern und auch ihren Wurfhöhlen fernbleiben. Prinzipiell zeigen die scheuen, vorsichtigen Tiere allerdings wenig Interesse an einer Interaktion mit Menschen.

Wolfsmythen

  • In der germanischen Mythologie verschlingt der Fenriswolf im Zuge des Weltuntergangs zunächst den Mond und später auch den Göttervater Odin.
  • Die Gründer der Stadt Rom, Romulus und Remus, wurden der Sage nach von einer Wölfin gesäugt und aufgezogen.
  • In der japanischen Folklore fungieren Wölfe als Götterboten, die Bauern vor Schädlingen und Haushalte vor Feuer bewahren.
  • Laut dem nordamerikanischen Indianerstamm der Schoschonen haben Kojoten und Wölfe die Welt erschaffen und nur sie können der Seele eines Verstorbenen ein Weiterleben im Jenseits ermöglichen.

 

Autor: Stefan Kohlmaier, 11.05.2022