Interview: Petra Erian über Österreichs traurige Rolle als EU-Spitzenreiter bei Femiziden

Wir unterhielten uns mit der stellvertretenden Leiterin des Frauenhauses Klagenfurt, Petra Erian, über die Ursachen für häusliche Gewalt, gesellschaftliche Strategien dagegen sowie die Unterstützung Betroffener durch ihre Einrichtung.
Autor: Stefan Kohlmaier, 20.05.2021 um 17:02 Uhr

Weekend: Worauf führen Sie die hohe Anzahl an Gewaltstraftaten gegenüber Frauen in Österreich zurück?
Petra Erian: Das Frauen- sowie das Familienbild aber auch die Definition von Männlichkeit ist hierzulande noch sehr traditionell geprägt. Je stärker solche engen Denkstrukturen in einer Gesellschaft verankert sind, desto anfälliger ist selbige für gegen Frauen gerichtete Gewalt. Das demokratische Österreich, in dem Frauen sehr wohl Rechte haben, ist für sie aufgrund dieser patriarchalen Strukturen eines der gefährlichsten Länder innerhalb der EU und momentan trauriger EU-Spitzenreiter bei Frauenmorden.

Weekend: Inwiefern spielt die Corona-Pandemie in diesem Zusammenhang eine Rolle?
Petra Erian: Die Auswirkungen der Corona-Krise werden sich erst in Zukunft in vollem Umfang bemerkbar machen. Wenn es zu Mietrückständen oder Jobverlust kommt und Familien somit in finanzielle Schieflage geraten, steht zu befürchten, dass sich die Situation zuspitzen und das Gefahrenpotenzial für Frauen zunehmen wird.

Weekend: Welche Schritte müssten gesetzt werden, um zu einer Verbesserung der Situation zu gelangen?
Petra Erian: Kinder müssten bereits im Kindergarten dazu animiert werden, klassische Rollenbilder zu hinterfragen sowie ihnen moderne Geschlechterkonzepte präsentiert werden. Beispielsweise indem man Klischees wie das der typischen Frauen- und Männerberufe aufbricht. Ferner sollte über Antigewalttrainings präventiv auf sie eingewirkt werden, damit sie nicht zuallererst ans Zuschlagen denken, wenn sie wütend sind.

Porträt von Petra Erian, die eine FFP2-Schutzmaske in Händen hält

Weekend: Wie unterstützt das Frauenhaus Klagenfurt betroffene Frauen?
Petra Erian: Unsere Einrichtung bietet ihnen und gegebenenfalls ihren Kindern Schutz und Sicherheit während der ersten Phase nach der Trennung von einem gewalttätigen Partner. Sie können sich in diesemZeitraum in einer der 12 Wohneinheiten in unserem Haus einquartieren und werden von uns bei Bedarf mit Kleidung, Hygieneartikeln und Lebensmitteln versorgt. In weiterer Folge stehen wir ihnen hilfreich auf ihrem Weg in ein gewaltfreies, selbstbestimmtes Leben zur Seite: Wir begleiten sie zum Beispiel zu Behördenterminen, entwickeln individuelle Sicherheitskonzepte für sie, sind ihnen bei der Arbeitssuche sowie etwaigen Weiterbildungen behilflich oder organisieren Therapien für sie. Unsere Mitarbeiterinnen sind dafür pädagogisch und psychologisch geschult. Zudem arbeiten wir intensiv mit der Polizei und dem Gewaltschutzzentrum zusammen.

Weekend: Wie wirkt sich ein gewaltbehaftetes Verhältnis eines Paares auf dessen Kinder aus?
Petra Erian: Auf die Kinder wird im öffentlichen Diskurs leider oftmals vergessen. Dabei tragen sie häufig schwerste Traumata davon, die sich in einer Vielzahl psychosomatischer Erkrankungen, wie etwa permanenten Kopf- und Bauchschmerzen oder Depressionen bis hin zu Suizidgedanken, äußern können. Außerdem leidet nicht selten ihr Selbstwertgefühl, kommt es zu einem drastischen Leistungsabfall in der Schule und es mangelt ihnen auch an einem aggressionsfreien Konfliktlösungspotenzial.