Kein Kinderspiel: Alleinerziehende Mütter in Österreich

Von 270.000 Alleinerziehenden sind mehr als achtzig Prozent Frauen. Fast die Hälfte lebt an der Armutsgrenze – durch die Energiekrise und die Teuerungen spitzt sich ihre Lage zu.
Autor: Cornelia Scheucher, 04.11.2022 um 09:12 Uhr

Sie ist Krankenschwester, Lehrerin, Spielkameradin, Putzfee, beste Freundin und immer zur Stelle, bei Tag und Nacht. Doch wir müssen nichts schönreden: Das Leben als alleinerziehende Mutter ist quasi ein nie endender Job ohne Entlohnung. Und genau das ist das Problem. Die meisten Mütter schaffen es neben Kind und Kegel höchstens Teilzeit zu arbeiten. Die Fixkosten für Miete, Strom, Auto, Verpflegung und Co. bleiben jedoch dieselben und steigen durch die derzeitige Energiekrise noch um ein Vielfaches an. Für Alleinerziehende fast untragbar.

Zu wenig Unterstützung für Single-Moms

Das bekommt auch Bettina* zu spüren. Sie ist eine von circa 22.000 Alleinerziehenden in der Steiermark. 90 Prozent davon sind übrigens Frauen. Ihr Sohn ist 3,5 Jahre alt, seit er vier Monate alt ist, zieht sie in alleine groß. Aufgrund einer sehr schwierigen Beziehungssituation kam es zur Trennung vom Kindesvater. Das geteilte Sorgerecht, auch Obsorge genannt, bekam er erst in diesem Jahr. Ob sie oft das Gefühl habe, auch ein Papa-Ersatz sein zu müssen? „Ja, weil man wirklich alles alleine regeln muss. Die Papatreffen finden nur alle 14 Tage von Freitag bis Sonntag statt. Ansonsten muss sich der Kindesvater um gar nichts kümmern“, antwortet Bettina. Nach einer zweijährigen Karenz arbeitete sie für mehr als ein Jahr Vollzeit. Nachdem sich Nachwuchs und Job jedoch schwer vereinbaren ließen, wechselte sie vor kurzem den Arbeitgeber und auf Teilzeit. Das könnte sich bald wieder ändern: „Derzeit habe ich zeitlich alles gut im Griff, finanziell wird es aber eng. Da Mietpreis und Co. angestiegen sind, der Lohn jedoch nicht.“ Die Energiekrise und Teuerungen machen ihr zu schaffen. „Ich würde auf jeden Fall mehr Unterstützung benötigen, als ich bekomme“, erklärt sie.

Verzweifelte Single-Mom mit Baby im Arm. | Credit: iStock.com/Jelena Stanojkovic

Herausforderungen: Kinderbetreuung

Die Kinderbetreuung weist in Österreich große Lücken auf. Wenn es um das Angebot geht, schneidet die Steiermark im Bundesländer-Vergleich am schlechtesten ab. Gründe dafür sind unter anderem fehlendes Personal sowie geschlossene Einrichtungen. Bettina hat Glück: Ihr Sohn hat einen Platz ergattert. Das führt jedoch leider zu einem neuen Problem: Seitdem der Kleine die Kinderkrippe besucht, wird er häufiger krank. Und Krankheitsfälle, sowohl beim Nachwuchs als auch bei ihr, stellen für Bettina die größte Herausforderung dar. „Bei meinem letzten Dienstgeber war das sehr problematisch, weil ich schon meinen ganzen Pflegeurlaub aufbrauchen musste“, so die Steirerin. Manchmal kann jemand aus der Familie oder eine sogenannte „Notfallmama“ aus dem Verein „KiB children care“ einspringen. Es kann allerdings passieren, dass keine „Mama“ mehr verfügbar ist. Nachdem sie sich nun das Sorgerecht mit ihrem Ex teilt, versucht Bettina, im Notfall auch öfters auf den Vater zurückzugreifen: „Bis jetzt hat das schon zwei Mal gut funktioniert.“

Wissen ist Macht

Wird keine Vereinbarung abgeschlossen, ist die Mutter ab der Geburt des Kindes obsorgeberechtigt. Der Vater kann jedoch einen Antrag stellen, der dann in einem Verfahren geprüft wird. „Unsere Rechtsordnung möchte, dass beide Eltern an der Obsorge beteiligt sind. Die Mutter wird jedoch mit all ihren Bedenken, Ängsten und Sorgen gehört“, erläutert Barbara- Cecil Prasthofer-Wagner. Die Grazer Rechtsanwältin und Mediatorin berät viele alleinerziehende Mütter. Ihr Tipp? Sich gut über die Rechtslage zu informieren, im besten Fall bei einem Anwalt. „Viele alleinerziehende Mütter fühlen sich erstmal vor den Kopf gestoßen, wenn der Kindesvater einen Antrag stellt. Aus meiner Erfahrung heraus wollen jedoch viele Väter ihren Teil bei der Erziehung des Kindes beitragen. Und dazu haben sie nun mal das Recht“, sagt die Expertin. Wichtig ist es, zwischen Paar- und Eltern-Ebene unterscheiden zu können. „Das Elternsein ist etwas Unauslöschliches für Mutter wie auch Vater. Für ein Kleinkind ist und bleibt die Mutter jedoch die Hauptbezugsperson. Der Vater als ‚Hauptbezugsperson‘ ist bei uns quasi erst im Entstehen“, so die Expertin.

Familie aus Papier und Hammer | Credit: iStock.com/Davizro

Geteiltes Sorgerecht 90/10

In den wenigsten Fällen bedeutet ein geteiltes Sorgerecht auch eine echte Entlastung für die Mutter. Denn statt 50/50 lautet die Realität eher 90/10. Das zeigt sich insbesondere bei den Finanzen. In Österreich sind Eltern gegenüber ihren Kindern unterhaltspflichtig. Die Person, die nach einer Trennung vorwiegend für die Betreuung zuständig ist und mit dem Nachwuchs im selben Haushalt lebt – meist die Mutter – leistet einen Naturalunterhalt. Der andere Elternteil muss einen Geldunterhalt gewähren. Der Betrag hängt einerseits von den finanziellen Verhältnissen des Unterhaltsschuldners und andererseits vom tatsächlichen Bedarf des Kindes ab. Eine im Jahre 2021 durchgeführte Unterhaltsbefragung der Statistik Austria zeigt, dass nur in 38 Prozent der Fälle das Thema zwischen den Elternteilen geregelt wird. In 36 Prozent der Fälle braucht es eine gerichtliche Einigung. Bei etwa 16.000 Kindern kommen die Väter ihren finanziellen Verpflichtungen nicht oder nicht ausreichend nach. Mehr als jedes dritte Kind muss sogar gänzlich ohne Unterhaltszahlungen oder Ersatzleistungen auskommen. Insgesamt betrifft das 59.000 Kinder. Um das in den Kontext zu stellen: In Österreich gibt es circa 270.000 Alleinerziehende. Mehr als acht von zehn sind Frauen.

Leben an der Grenze

Rund 46 Prozent aller österreichischen Einelternteilhaushalte leben an der Armutsgrenze und sind auch von sozialer Ausgrenzung betroffen. Leistungen wie die Familienbeihilfe oder der Familienbonus können zwar unterstützen, decken jedoch nicht ansatzweise die anfallenden Kosten. Laut der Caritas liegt die Differenz zwischen dem, was ausbezahlt und dem, was gebraucht wird, bei 1.029 Euro im Monat. Geldsorgen sind ein ständiger Begleiter im Alltag von Alleinerziehenden.

Mutter und Sohne an Armutsgrenze. | Credit: iStock.com/Halfpoint

Doppelbelastung erleichtern

Laut Experten wird es spätestens jetzt Zeit, zu reagieren. Nicht nur auf staatlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. „Alleinerziehende müssen in den Fokus gerückt und wahrgenommen werden. Wir brauchen mehr Akzeptanz und Toleranz“, appelliert Petra Ruzsics-Hoitsch, Leiterin des Projektes Alleinerziehende der Katholischen Aktion Steiermark. Denn nach wie vor sind es Frauen, die fast die gesamte unbezahlte Arbeit – von der Kindererziehung bis zur Pflege kranker Familienmitglieder – verrichten. Die Doppelbelastung nagt an ihnen. Was sich Bettina für die Zukunft wünschen würde? „Mehr Unterstützung in der Kinderbetreuung, vor allem bei Krankheitsfällen, sowie flexiblere Arbeitszeiten, um alles mit weniger Stress bewältigen zu können.“

* Name von Redaktion geändert