MISSION Tierwohl

Erschütternde Bilder von Tiertransporten über Tausende Kilometer, Schweine in Kastenstandhaltung oder auf Vollspaltböden ohne einen einzigen Strohhalm, männliche Küken, die kurz nach dem Schlüpfen „entsorgt“ werden, sind in den vergangenen Monaten immer wieder durch die Medien gegeistert und haben uns – die Konsumenten – wachgerüttelt. Jetzt scheint es, als käme Bewegung in diese wichtige Angelegenheit, wie nicht zuletzt der große Erfolg des Tierschutzvolksbegehrens beweist. Bei unseren deutschen Nachbarn hat unlängst der Handelsriese ALDI mit der Ankündigung für Aufmerksamkeit gesorgt, in den kommenden Jahren ausschließlich auf die gehobenen Haltungsformen Klasse 3 und 4 zu setzen.

Idealisten und Pioniere.

Im kleinen Österreich haben wir den Startvorteil, dass es Massentierhaltung in ihrer schlimmsten Form, wie sie beispielsweise in Deutschland, den Niederlanden und Belgien anzutreffen ist, nur selten gibt. Nein, Österreich ist sogar europaweiter Vorreiter im Bio-Bereich mit einem Anteil von immerhin 22 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe, ein Faktor, der sich naturgemäß auch im Tierwohl bemerkbar macht. Darüber hinaus gibt es hierzulande einige Idealisten und Pioniere, die von sich aus mehr für das Wohl ihrer Tiere tun wollen. Die Wege dorthin sind vielfältig, eines haben sie aber gemeinsam: den Respekt vor dem Lebewesen Nutztier.

Rinder streicheln

Ein Herz für (S)tiere.

Manfred Huber hat in Unterweißenbach den größten Bio-Schlachthof Österreichs errichtet – für Bio, das nicht bei der Stalltür aufhört, wie er sagt. Er ist ein Visionär, ein Pionier und, ja, vielleicht auch ein bisschen ein Querulant. Kompromisslos setzt er sich für das Wohl von Tier und Umwelt ein. Und der Erfolg gibt ihm recht: Sonnberg hat in der Corona- Krise nicht zu den Verlierern gehört. Vor allem im Einzelhandel sind seine Bio- Produkte überaus gefragt. Sein neuester Coup ist das Qualitätsprogramm „Ich bleib am Hof“. „Die Problematik fängt damit an, dass auf der einen Seite sehr viele Kälber exportiert werden, aber auf der anderen Seite wieder sehr viel Kalbfleisch importiert wird. Warum? Weil das, was importiert wird, eine Qualität ist, die zwar optisch schön ausschaut, aber mit Tierwohl überhaupt nichts zu tun hat“, erklärt Huber. „Damit ein Kalbfleisch optisch schön ausschaut, hat es teilweise Mangelernährung erlitten und Lichtverhältnisse, die weißes Fleisch fördern. Im Bio ist das genau umgekehrt. Unsere Kälber dürfen vom ersten Tag an hinaus, können auch jederzeit zum Raufutter und werden natürlich mit Vollmilch ernährt. Und dadurch, dass wir diese Haltungsweise haben, gibt es nicht das schneeweiße Fleisch, sondern es hat eher einen Rosaton. Im Bio ist es nicht erlaubt, das Kalb mit Milchaustauscher zu füttern, sondern es muss Bio-Milch sein. Aber die Bio-Milch kostet natürlich Geld und jetzt haben wir das Problem, dass die Kälber sehr früh abgegeben werden, damit sie nicht so lange mit der teuren Milch gefüttert werden müssen. Und diese vornehmlich männlichen Kälber – das ist aber nicht nur im Bio so, sondern auch im konventionellen Bereich – gehen in den Export als ganz kleine Kälber. Wir haben gesagt, wir zahlen dem Bauern die ganze Milch, damit er das Kalb bis zu einem ordentlichen Alter von vier Monaten füttern kann und trotzdem nicht draufzahlt. Da bekommt der Bauer, gegenüber konventionellen Kälbern, fast das doppelte Geld. Unser Kalb ist also das bestbezahlte Kalb. Die einzige Aufgabe, die der Landwirt hat, wenn er bei dem Projekt mitmacht, ist, dass er das Kalb ordentlich mit der Milch füttert, und dass er sagt, von meinem Hof geht kein Tier in den Export. Damit das Tier wirklich in Österreich bleibt und hier unter tierschutzrechtlichen, ordentlichen Bedingungen geschlachtet wird und nicht irgendwo, wo Tierschutz eine untergeordnete Rolle spielt.“

Sonnberg

Vorzeigeprojekt.

Ein in Europa einzigartiges Tierwohl-Projekt hat das Fleisch verarbeitende Unternehmen Hütthaler initiiert: die Hütthaler Hofkultur. Während Florian Hütthaler den Familienbetrieb leitet, führt Bruder Philipp Hütthaler den Musterhof. Der Musterhof im Hausruck gilt als Herzstück der Vision Hofkultur. Gemeinsam mit seiner Frau Daniela arbeitet der junge Landwirt an dem Zukunftsbild, die Standards in der Tierhaltung stetig und konsequent zu heben, um so zu erstklassiger und verantwortungsbewusster Qualität zu kommen. Auf dem wunderschönen Hof wohnen Duroc-Schweine, Hochlandrinder, Kalbinnen, Schafe, Ziegen, Hasen, Wachteln und Hühner. Hier fühlen sich übrigens nicht nur die Tiere wohl! Auch Menschen sind herzlich eingeladen, in den schönen Veranstaltungsräumen und in dem kleinen Hofladen zu verweilen …

Philipp Hütthaler von Hütthalers Musterhof:

Das Wohl der Tiere liegt uns am Herzen, weil wir der Meinung sind, dass man die Tiere für die Lebensmittelproduktion auch in der heutigen Zeit ethisch korrekt heranwachsen lassen und begleiten kann. Unser Credo lautet deshalb: Qualität statt Quantität.

Schafe

Hähnchen im Korb.

Schon lange ist es traurige Praxis, dass männliche Küken von Legehennen kurz nach dem Schlüpfen getötet werden, da sie keinen Nutzen für die Produzenten haben. Von den Konsumenten wird dies zunehmend kritisch hinterfragt. Nun hat sich der Linzer Schmankerlfleischer Klaus Köttstorfer dazu entschlossen, neue, nachhaltige Wege zu gehen: Gemeinsam mit dem Geflügelproduzenten Die Eiermacher und dem Gewürzehersteller Almi wurde das Bruderhahn-Sortiment entwickelt, verschiedene Schinken- und Wurstsorten vom Hähnchen, die nicht nur gut schmecken, sondern auch besonders nahrhaft sind. Die Junghähne wachsen dafür in Bio-Stallungen mit Grünauslauf auf und genießen dieselben Privilegien wie ihre „Schwestern“.

Schmankerlfleischer Klaus Köttstorfer:

Tierwohl geht mit Regionalität und Nachhaltigkeit Hand in Hand und ist für uns sehr wichtig. Dies war für uns auch für die Entwicklung unserer Bruderhahn-Wurst ausschlaggebend. Somit können wir Tierleid verhindern und die Junghähne können mit ihren Schwestern glücklich aufwachsen. Durch den hohen Eiweißgehalt und niedrigen Fettgehalt ist diese Wurst auch ein perfekter Genuss für Menschen, die sich gesund und ohne Verzicht ernähren wollen.

Junghähne

Kälberleid.

Für Anton Riepl und seine Fleischmanufaktur in Gallneukirchen sind Schlagwörter wie Tierwohl und Regionalität eine Selbstverständlichkeit. Er bezieht seine Tiere seit jeher von Landwirten aus der Umgebung. Ein Thema, das ihm allerdings besonders am Herzen liegt, sind die Kälber. In diesem Bereich sieht er viele Missstände, die die Entwicklungen in den vergangenen Jahren mit sich gebracht haben. Sein Fazit: „Viele Bauern haben aufgehört, Kälber großzuziehen. Vieles ist der Effizienz untergeordnet worden. Verbleibende Bauern sind spezialisiert auf die Mast oder die Zucht. Weibliche Kälber werden aufgefüttert für die Milchproduktion, männliche Kälber werden für die Mast aufgezogen – fast keiner hält sich mehr Kälber zur Schlachtung.“ Auch er sieht zu einem großen Teil den Konsumenten in der Verantwortung. „Welchen CO2-Abdruck hinterlässt der Konsum jedes einzelnen Tieres oder Produktes durch Transportwege? Hier muss die Antwort immer in der Region liegen: Kauft beim regionalen Fleischer, nicht im Supermarkt! Der regionale Fleischer hat den direkten Kontakt zu den Bauern, im besten Fall kennt er jedes Tier“, appelliert Riepl.

Anton Riepl:

Heute gibt es leider keine „kleinen“ Bauern mehr und auch keine sogenannten „Kleinhäusler“, die mit sehr viel Liebe und Zuneigung die Kälber mit Vollmilch und morgens auch noch mit einem Ei füttern. Zudem hat der EU-Beitritt dazu beigetragen, dass die traditionellen Schlachtweisen nicht mehr erlaubt sind. Bei den Kälbern war es üblich, diese im Fell auskühlen zu lassen. Die geschlachteten Kälber hingen über Nacht oder einige Tage bis zum Verbrauch im Fell. Das brachte längere Haltbarkeit und das Fleisch wurde dadurch noch schöner und heller. Heute werden die Kälber wie Rinder behandelt und schlachtwarm enthäutet. Dies hat zur Folge, dass die Fleischfarbe dunkler wird. Die durch den EU-Beitritt geforderten Hygienevorschriften und Auflagen haben sicher vieles verbessert, leider wurde nicht auf regionale Besonderheiten und Traditionen Rücksicht genommen.

Kälbchen

Die Macht der Konsumenten.

Angefangen bei Haltung und Aufzucht über den Transport bis hin zur Schlachtung gibt es viele Faktoren, bei denen Menschen über das Wohlergehen von Tieren entscheiden können. Auch den Konsumenten wird das immer mehr bewusst und sie wählen gerne ein „Mehr“ an Tierwohl. Allerdings ist das manchmal leichter gesagt als getan, denn in Österreich sind die Regeln hinsichtlich der Kennzeichnung von Fleisch immer noch höchst unbefriedigend. Man hat mitunter sogar das Gefühl, der Konsument würde absichtlich im Dunkeln gelassen. Seit der BSE-Krise muss zwar verpacktes Rindfleisch besonders deutlich gekennzeichnet werden. Für andere Fleischsorten gilt das aber nicht unbedingt– so gibt es jede Menge Sonderregelungen und Schlupflöcher für Herstellerbetriebe. Verarbeitetes Fleisch ist beispielsweise von der Kennzeichnung überhaupt ausgenommen. So wird die viel zitierte „Macht des Konsumenten“ bewusst kleingehalten. Der Verdacht drängt sich auf, die Politik würde sich hier aus der Verantwortung stehlen. Doch genau auf dieser Ebene müssen die Entscheidungen zugunsten des Wohls der Tiere getroffen, müssen Weichen für die Zukunft gestellt werden.

Biofleisch

Im Dschungel der Gütesiegel.

Um den Konsumenten bei ihrer Kaufentscheidung zu helfen, sind in den vergangenen Jahren Gütesiegel wie die sprichwörtlichen „Schwammerl“ aus dem Boden geschossen. Kritik kam in diesem Zusammenhang gerade erst von Greenpeace, denn einige der Gütesiegel halten ganz und gar nicht, was sie versprechen, sondern sorgen für eine Verschlechterung der Situation, indem sie dem Konsumenten falsche Tatsachen vorspiegeln. Ein Siegel, auf das sich der österreichische Konsument jedenfalls weitgehend verlassen kann, ist das Prädikat „Bio“. Denn Bio bedeutet nicht nur den Verzicht auf Pestizide beim Anbau von Obst, Gemüse und Getreide. Auch in der Tierhaltung werden hohe Maßstäbe angelegt, die auch streng kontrolliert werden: So müssen die Tiere zum größten Teil mit hofeigenen Bio-Futtermitteln gefüttert werden. Sie müssen ausreichend Bewegungsmöglichkeiten und reichlich Einstreu im Stall mit bequemen Liegeflächen, Auslauf ins Freie und Kontakt zu Artgenossen haben – um nur die Eckpfeiler der Bio-Tierhaltung zu nennen. Allerdings stammen zurzeit nur ca. 5,5 Prozent des konsumierten Fleisches aus Bio-Produktionen, ein Anteil, der gesteigert werden könnte und auch sollte. Dabei darf die Aufmerksamkeit nicht nur auf den Einzelhandel gerichtet werden. Auch die öffentliche Beschaffung spielt hier eine große Rolle. Vorreiter innerhalb von Österreich ist übrigens das Burgenland. Die burgenländische Landesregierung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, die Bio- Produktionsquote bis 2027 auf 50 Prozent zu steigern. Die Versorgung von Kindergärten und Landesschulen soll bis 2024 zu 100 Prozent auf Bio umgestellt werden. Ein ehrgeiziges Ziel, das hoffentlich Vorbildwirkung hat.

Konsumentin beim Einkauf

Kritischer Fleischkonsum.

Österreich ist ein Land der Fleischtiger. Jährlich verzehren Herr und Frau Österreicher durchschnittlich an die 63 kg Fleisch. Innerhalb der EU liegen wir damit in puncto Fleischkonsum auf Platz 3, weltweit immerhin auf Platz 15 (GLOBAL 2000). Gerade deshalb sollte die Fleischproduktion zwar kritisch betrachtet, aber nicht unbedingt verdammt werden. Wichtig ist, dass Fleisch wieder als etwas Wertvolles angesehen wird, und dass die Würde unserer Nutztiere in allen Lebensphasen gewahrt bleibt.

Autor: Sarah Estermann, 25.08.2021