Magenta-CEO Andreas Bierwirth warnt im Weekend Interview vor zersetzenden Verschwörungstheorien und dem „überbordenden Datenschutz“ in Europa.
Autor: Andrea Schröder, 29.11.2021 um 11:46 Uhr

"Oh, Ihr Puls ist aber hoch", sagt er mit einem Blick auf sein Handy. Kurze Überraschung  bei der Besucherin in der Magenta Zentrale  – das kann doch nicht sein? "Das mach ich in meiner Freizeit", scherzt er. Und fügt hinzu (Achtung, Ironie): "Warum arbeitet man in der Telekommunikation? Um seinen Voyeurismus an den Daten anderer Menschen zu befriedigen."

Stichwort Datenschutz: In Europa ist er streng reglementiert. Leben aber Google, WhatsApp und Co. nicht gerade von den Daten ihrer Kunden? 

Anders gefragt: Wie kann ein Unternehmen hoch profitabel sein, wenn Sie nicht für die Leistung zahlen? Andere zahlen viel Geld dafür, nämlich die Werbetreibenden. Diese Unternehmen analysieren Sie derart durch, dass alle Ihre Neigungen in Werbung übersetzt werden. Man zahlt mit seiner Gläsernheit, zieht sich gegenüber einem Unternehmen wie facebook nackt aus. Das ist die Währung. Offenbar sind die Menschen bereit, sich auf der einen Seite in Sachen Datenschutz brutal und in aller Härte aufzustellen und dies auch bei uns, den Unternehmen, einzufordern. Auf der anderen Seite, wenn WhatsApp mal kurz fragt, akzeptieren Sie die allgemeinen Geschäftsbedingungen, sagt man einfach ja und weiter geht die Reise.

Grafik, eine Hand hält Handy, darüber in Neonschrift 5G und ein Handymast

In Verschwörungstheorien spielt die Telekommunikation eine große Rolle. Wie geht Magenta Telekom damit um – ignorieren, aufklären...?

Da bin ich wieder beim gläsernenen Kunden, beim „Ausziehen“. Genau das ermöglicht  auch die Intensivierung der eigenen Meinung, das Hochkochen der Empörung unter Gleichgesinnten. Wir waren mit 5G von Verschwörungstheorien betroffen, da sind ja quasi die Vögel vom Himmel gefallen – erfundener Unsinn. Selbst bei den Strahlungsfrequenzen nutzen wird die gleichen wie bei 4G, es ist an Strahlung nichts dazugekommen. Man merkt halt, wenn dieses bestimmte Grätzel in seinen Sorgen bestärkt wird, sagt es irgendwann: Ich glaub dir nicht. Das merke ich auch in Bürgerversammlungen. Da höre ich danach, der Bierwirth ist in Ordnung, aber am Ende ist er Teil des Business und da muss ich noch überlegen, ob ich ihm glaube. Am Ende eher nicht.

Dieser Moment des Nicht-mehr-Glaubens an Experten oder an Journalisten finde ich total gefährlich, weil es einen zersetzenden Effekt auf die Gesellschaft hat. Lasst uns aufpassen, dass wir durch solche Tendenzen nicht ein riesiges gesellschaftliches Problem bekommen.

Wie schützen Sie sich selbst vor Falschinformation?

Privat halte ich es mit „Management by expectation“. Wenn ich in Österreich ein bestimmtes Medium lese, kann ich es einschätzen – dieses ist eher ein wenig links, jenes konservativer, und so kann ich mir ein ziemlich zuverlässiges Bild machen. Das funktioniert aber heute global nicht mehr, die Washington Times sieht aus wie die Washington Post, ist aber was ganz anderes. Es hilft zum Beispiel, wenn man unbekannte Quellen mal in Wikipedia eingibt. Da sieht man plötzlich: unterstützt von Partei A, unterstützt von russischen Investoren und so weiter. Wenn dahinter nationale Parteien oder gar Länder stehen, ist das Ziel nicht, die Wahrheit zu vermitteln, sondern die Gesellschaft zu zersetzen. Es ist ja heute aberwitzig, Krieg zu führen, da sorge ich lieber dafür, dass Länder auf diese Weise ihre Stärke verlieren.

Der Konzernchef vor dunklem Hintergrund, trägt Jackett

Bierwirth, selbst Vater von vier Söhnen, sieht in den Geschäftsmodellen der Social Media-Giganten nicht nur Wettbewerbsnachteile am globalen Marktplatz – er hält sie auch für  gefährlich. Die Jungen, so hofft er, verstehen die Spielregeln. Der Magenta-CEO macht sich mehr Sorgen um die mittlere und ältere Generation.

Fake News, Daten sammeln bei Facebook und Co.: Was ist daran so besorgniserregend?

Das ist moderne Kriegsführung, und die funktioniert so: Die Nutzer sind  gläsern. Als Washington Times kann ich mir die Daten kaufen. Auf Basis dieser Daten kann ich die Bevölkerung radikalisieren. Unsere Zeit ist herausragend geeignet, um eine Gesellschaft medial zu zersetzen. Ich hoffe, dass junge Leute das in der Schule lernen, um mit dem Phänomen viel besser klarzukommen als unsere Generation und die Generation unserer Eltern. Diese sind hochgradig gefährdet, sind alle schon bei facebook und fühlen sich angebunden, modern, sind aber nicht in der Lage, die dahinterliegenden Algorithmen und Mechanismen zu durchschauen. So entwickeln sich irgendwann Systemablösungen, Radikalisierung, Gewalt und im weitesten Sinne Diktaturen.

Wenn man in den Medien schaut, wer ist dabei bei den Protesten und Demos gegen Coronamaßnahmen? Das ist die mittlere und die ältere Generation. Ich sehe darin eine große Gefahr für unsere Gesellschaft. Wo ist eigentlich das Kollektiv der Medien, das um die Wahrhaftigkeit kämpft?

Der designierte deutsche Kanzler Scholz meinte, wer Führung bei ihm bestelle, bekomme sie auch. Vermissen Sie politische Führung? 

Die Politik ist immer mehr von der Marktforschung geprägt und folgt dem Motto: Ich muss das sagen, was das Volk will. Ich kann nicht eine Richtung vorgeben, die möglicherweise, und sei es nur temporär, die Mehrheit des Volkes nicht will. Im Unternehmen kennt man das in der Krise aber: Da muss man Entscheidungen treffen, A oder B, auch wenn diese erst einmal unpopulär sind. Ich vermisse diese Eindeutigkeit des Weges.

Sind Sie für die Impfpflicht?

Impfung hat absolute Relevanz für mich als Instrument der kontrollierten Durchseuchung. Die Impfung sorgt dafür, dass man sich infizieren kann, ohne auf der Intensivstation zu landen.So wurde das aber nicht erklärt. Ich hatte vier Monate nach der zweiten Impfung einen Impfdurchbruch. Der Verlauf war nicht besorgniserregend, aber durchaus signifikant. Ich war zwei Wochen ausgeknockt und muss sagen, Respekt – hätte ich keine Impfung gehabt, was wäre denn dann gewesen?

Magenta Telekom beschäftigt um die 2.400 MitarbeiterInnen und erwirtschaftete 2020 einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro. Durch Lockdowns und Homeoffice erlebte ultraschnelles Breitbandinternet über Glasfaserkabel einen Nachfrageboom. Magenta versorgt mehr Haushalte mit einem Hochgeschwindigkeits-Glasfasernetz als jeder andere Anbieter in Österreich.

Eine männliche Hand hält bunte Kabel mit Glasfaser