Hart im Nehmen: Der Mega-Bestseller "Shades of Grey" kommt in die Kinos

Der Hype um den Weltbest­seller hatte 2012 gerade so richtig Fahrt aufgenommen, da wurde bereits eine Verfilmung angekündigt. Nur: Mit welchen Stars würden die Protagonisten – Anastasia Steele, Studentin, Jungfrau, devot, und Christian Grey, Milliardär, Anwalt, ­dominant – besetzt werden? Die riesige Fangemeinde der Trilogie von US-Autorin E. L. James hatte dazu ihre eigene Meinung: ­Alexis Bledel (Rory aus „Gilmore Girls“) und Matt Bomer (u. a. Ken, „Magic Mike“), so forderten sie in einer „Petition“ an die Produzenten, seien die Idealbesetzung. Doch wenn die aufwendige Hollywood-Produktion nun endlich über die Leinwand flimmert, sollen Dakota Johnson, 25, und Jamie Dornan, 32, für das gewisse Prickeln sorgen. Ein Prickeln, das dem Buch eine weltweite Gefolgschaft von 100 Millionen beinah ausschließlich weiblichen Lesern bescherte und der 51-jährigen Schriftstellerin ein Vermögen von 145 Millionen Dollar.

Fessel mich.

Es gibt nur eine plausible Erklärung für den Megaerfolg von „Fifty Shades of Grey“. Frauen wollen, zumindest in ihrer Fantasie, von ihrem Partner dominiert werden. Anastasia unterschreibt im Buch einen Vertrag, der sie zur Untergebenen von Christian macht. Sie darf nur noch so viel schlafen, wie er es ihr vorschreibt, er bestimmt über ihre Kleidung, ihr Essen, ihre Erotik sowieso. Die Studentin wird im Bett und außerhalb zur ­willfährigen Gespielin des Machtmenschen Christian – und erlebt Höhepunkt auf Höhepunkt. BDSM, unter diesem Begriff fasst man heute die geschilderten Praktiken zusammen: Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism. Es geht also ums Fesseln und um Disziplin. Dominanz und Unterwerfung. Sado-Masochismus. Der Stoff, aus dem Sexfantasien heute maßgeblich gestrickt sind?

Willenlos.

Das wollte weekend.at genauer wissen und rief zur großen Erotik-Umfrage auf. Über 8.500 User klickten sich durch zehn Fragen. Und wirklich: Die Mehrheit der Befragten macht die Vorstellung an, vom Partner dominiert zu werden. Dezidiert „Nein“ zu Fesselspielchen und Co. sagte nur rund jeder Vierte. Das harte Nehmen und Genommen werden spukt also in vielen Köpfen und anderen Körperregionen herum. „Shades of Grey“ entließ die Lust wie ein Flaschengeist in die Schlafzimmer. Seither treibt er Umsätze von Sexshops in die Höhe (das Erotikunternehmen Orion verkaufte 2012 rund 25 % mehr Peitschen und Fesseln, Lederprodukte 2013 plus 50 %), regt Designer zu Latex-Outfits an und lässt einschlägige Blogs wie Pilze aus dem Boden schießen.

Die Zeit war also reif.

Wofür eigentlich? „Für einen Gegenentwurf zur modernen Beziehung“, schreibt Soziologin Eva Illouz in ihrem Essay „Die neue Liebesordnung“ (Edition Suhrkamp Digital). In unsere Partnerschaften ist Verwirrung eingezogen, sagt Illouz. Wir wollen heute dominant sein und uns hingeben, uns frei und dennoch sicher fühlen. Hinzu kommt das Störfeuer der weiblichen Emanzipation: Devote Szenarien passten lange nicht in die feministische Ideologie. Heute gibt es eine neue Sicht auf diese unter Frauen weit verbreiteten Unterwerfungsfantasien. So dreht etwa der deutsche Sexualtherapeut Prof. Ulrich Clement den Spieß einfach um. Vorgestellte (!) Vergewaltigungsszenarien seien eigentlich weib­liche Allmachtsfantasien: „Ich bin so unwiderstehlich, dass der andere gar nicht anders kann als über mich herzufallen.“ Begehren und begehrt werden – ganz schön kompliziert! Der Sadomaso-Vertrag ist dagegen laut Soziologin eine „höchst plausible Alternative zur (…) stets ergebnisof­fenen Beziehungsarbeit“. Ich Meister, Du Sklave. Und aus.

Spielerisch.

Auch Dr. Alexandra Meixner, Fachärztin für Gynäkologie und Autorin („Ätsch! Erster“, Weltbild) beobachtet ein gesteigertes In­teresse an „sadomasochistisch angehauchten sexuellen Experimenten.“ Für den Kick in der Beziehung sorgten vor allem „das gespielte Setting von Dominanz und Unterwerfung.“ Echte sexuelle Verhaltensweisen nach ihrem Namensgeber, Leopold Ritter von Sacher-Masoch, kämen eher selten vor. Die Bücher des österreichischen Schriftstellers (1836 bis 1895) handeln von „blutigster Wollust“ als Quelle sexueller Erregung. Deutlich krasserer Lesestoff als „Shades of Grey“ …

Finger weg?

Sich heimlich reizvolle Sex-Szenen auszudenken, ist eine Sache. Eine ganz andere jedoch, diese mit (s)einem Partner auszuleben. Denken wir etwa einmal an den vielzitierten Dreier, eine nicht nur unter weekend.at- Usern verbreitete Fantasie (rund 55 % träumen laut Weekend-Umfrage von „Sex mit mehreren Partnern“). Ausleben? Oder besser nicht? Bringt ein Dritter vielleicht Überforderung und Eifersucht mit ins Spiel? Dr. Meixner: „Dieses Problem besteht meist dann, wenn es nur die Fantasien eines der beiden ist, und der/die andere nur ihm/ihr zuliebe mitmacht. Wenn sich beide einig sind, werden vorher Abmachungen ausgehandelt. Egal, ob es sich um einen Dreier handelt, ­einen Besuch im Swingerclub oder sadomasochistisch angehauchte Fantasien.“

Rekordverdächtig.

Genau jene Fantasien, die nun Hollywood in unsere Kinos und Köpfe bringt. Regisseurin von „Shades of Grey“ ist die britische Filmemacherin Sam ­Taylor-Johnson, bisher hauptsächlich durch Kurzfilme und Musikvideos (unter anderem für R.E.M.) in Erscheinung getreten. „Ich drehe fast durch“, soll die 47-Jährige unlängst zu Protokoll gegeben haben. Nicht nur für sie geht es um viel. Durchaus denkbar, dass ihr Machwerk den bisher ­erfolgreichsten US-Filmstart aller Zeiten, „Marvel’s The Avengers“ mit einem Einspielergebnis von 207,4 Mio. US-Dollar auf Platz zwei verweisen wird. Oder stehen sogar die drei Milliarden Dollar, die „Avatar“ insgesamt eingespielt hat, zur Disposition? Eines ist sicher: Den Film sehen sich auch sehr viele Männer an, die das Buch noch ihren Frauen überlassen haben. Erstens ist Lesen Männern offenbar zu anstrengend – 77 Prozent aller Romanleser sind Romanleserinnen. Und zweitens: Was 100 Millionen Frauen auf der Welt anmacht, kann Männern nicht egal sein.

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Autor: Andrea Schröder, 04.02.2015