So funktioniert Dirty Talk in Gebärden!

Auch gehörlose Menschen haben sexuelle Bedürfnisse. Was es beim Flirten und im Schlafzimmer zu beachten gilt.
Autor: Cornelia Scheucher, 07.11.2022 um 10:47 Uhr

Wenn es um das Thema Sex geht, werfen die wenigsten Menschen einen Blick über den Tellerrand. Denn die Vielfalt der erotischen Welt kann nur bis zu dem Punkt gefasst werden, bis zu dem sie auch gelebt – oder zumindest erlebt – wird. Stichwort Repräsentation. Und es gibt nach wie vor Gruppen, bei denen das kaum der Fall ist. Wie beispielsweise bei Menschen mit Beeinträchtigungen.

Gehör-, aber nicht lustlos

Das weiß auch die Sexual Wellness Marke "We-Vibe" und hat deswegen eine Kampagne gestartet, um mit dem Stigma "Sex mit Behinderung" zu brechen. Konkreter geht es um gehörlose Menschen. Laut dem Österreichischen Gebärdensprach-DolmetscherInnen- und ÜbersetzerInnen-Verband leben hierzulande zwischen 8.000 und 10.000 Gehörlose. Und diese haben, wie fast jeder andere auch, ebenso sexuelle Bedürfnisse. "Nur, weil eine Person eine Behinderung hat, heißt das ja nicht, dass sie kein sexuelles Bedürfnis hat", erklärt Conny Tiedemann, Expertin für sexuelle Aufklärung bei gehörlosen Menschen. 

Richtig Flirten? So geht es!

Wer als Hörender also mit einer gehörlosen Person flirten möchte, muss alle Regeln der herkömmlichen Flirtkunst über Bord werfen. "Eine direkte Kommunikation ist äußerst wichtig! Es braucht klare Ansagen", so Tiedemann. Und ergänzt: "Für Gehörlose ist Augenkontakt ein wichtiger Teil der Kommunikation, der gar nicht so viel mit Flirten zu tun hat. Daher müssen wir durch Gesten und Gebärdensprache deutliches Interesse vermitteln. Bei tauben Menschen geht es oft schneller zur Sache, da die Gebärdensprache sehr visuell ist. Man kann beschreiben, wie man den anderen verführen möchte und das regt an." 

Zu diesem Zweck hat die Illustratorin Deborah Skorupka die vier Gebärden "Ich finde dich gut", "Ich mag dich", "Ich habe Lust auf dich" sowie "Möchtest du Sex mit mir?" visualisiert. 

Mit dieser Gebärde geht man direkt aufs Ganze: "Möchtest du Sex mit mir?" 

Foto: ©Deborah Skorupka

Mit allen Sinnen

Stöhnen, Dirty Talk und Co. – viele Dinge, die das Liebesspiel für Hörende anheizen, fallen bei Gehörlosen weg. Dafür erleben sie den Liebesakt verstärkter durch die restlichen Sinne wie Tasten und Sehen. "Gehörlose spüren viel mehr, wenn sie berührt werden. Kleine Berührungen reichen oft schon aus", meint die Expertin, die übrigens selbst gehörlos ist. Tiedemann: "Ich persönlich ziehe auch viel aus dem Geruchssinn." Studien haben außerdem bewiesen, dass der Sehsinn bei Gehörlosen weitaus besser ausgeprägt ist. "Wir können deshalb auch schneller wahrnehmen, ob eine Person erregt ist oder nicht", sagt Conny. Und obwohl sie es nicht hören können, turnt das Stöhnen des Sexualpartners Gehörlose dennoch an. "Man kann es ja am Gesicht ablesen", schmunzelt die Expertin. Übrigens: Nachdem sich Gehörlose meist am Visuellen orientieren, präferieren sie einen beleuchteten Raum. Durch Licht könne man mehr Augenkontakt aufbauen und sich so einander näher fühlen. 

Es braucht mehr Aufklärung!

Zukünftig wünscht sich Tiedemann, dass gehörlose Menschen sexuell besser aufgeklärt werden: "Sie kennen kaum Wege, den eigenen Körper zu erforschen oder zu verstehen und aus Angst vor Einsamkeit oder weil sie keinen Ausweg kennen, bleiben sie oft in Beziehungen, die ihnen nicht guttun." Eine gut fundierte Aufklärung, die bereits im Kindergarten oder der Schule beginnt, könnte Abhilfe schaffen. Österreich ist in dieser Hinsicht sogar Vorreiter und hat mit "Sex, baff" die erste umfassende Aufklärungsplattform in Gebärdensprache gelauncht. Denn jeder Mensch hat das Recht auf körperliche Nähe und Zuneigung.