Oscar-Special: Die Traumfabrik im Schatten der Corona-Krise

Die diesjährige Oscarverleihung steht massiv unter dem Einfluss der Corona-Pandemie. Nachdem die Veranstaltung zunächst um zwei Monate verschoben werden musste, wird sie nun aufgrund der aufrechten Reisebeschränkungen an mehreren Orten gleichzeitig im kleinen Rahmen über die Bühne gehen, und auf opulente Showeinlagen sowie das glamouröse Schaulaufen auf dem Red Carpet wird man wohl weitestgehend verzichten müssen. Hinzu kommt, dass auch viele der Nominierten, wie etwa Emerald Fennell, Steven Yeun oder Andra Day, relativ wenig Glanz ausstrahlen und oftmals nur passionierten Filmfreaks ein Begriff sind. Die 93. Auflage der prestigeträchtigen Zeremonie steht somit sinnbildlich für eine Krise Hollywoods und des Kinos, die eine jahrhundertealte Kunstform in ihrer Existenz bedroht.

Herbe Verluste

Denn da sich die Kinobranche seit März vergangenen Jahres gewissermaßen in einem Zustand des permanenten Lockdowns befindet, mussten viele Lichtspielhäuser ihre Pforten bereits für immer schließen oder stehen existenziell mit dem Rücken zur Wand. Wie ernst die Lage ist, verdeutlicht ein Blick auf die drastisch eingebrochenen Umsatzzahlen des abgelaufenen Kinojahres: So stürzten die Einnahmen allein in Nordamerika von 11,4 Milliarden Dollar (2019) auf mickrige 2,2 Milliarden Dollar ab, was einem Minus von über 80 Prozent entspricht. Vor diesem Hintergrund erscheint es beinahe wie ein unheilversprechendes Vorzeichen, dass 2020 der kommerziell erfolgreichste Film des Jahres erstmals in der Geschichte nicht aus der kalifornischen Traumschmiede stammte. Mit dem Titel durfte sich stattdessen das chinesische Historiendrama „The Eight Hundred“ schmücken. In Österreich fällt die Situation vergleichbar trist aus – hierzulande beklagen die Kinobetreiber ebenfalls einen Besucherrückgang von 72 Prozent.

Bitte warten

Die Folgen dieses epochalen Schlamassels äußern sich einerseits in einer gigantischen Verschiebewelle: So wurde der Kinostart vieler sündteurer und heiß ersehnter Blockbuster wie „Top Gun: Maverick“, „Black Widow“ oder „Keine Zeit zu sterben“ um teilweise mehr als eineinhalb Jahre nach hinten verlegt. Andererseits waren viele kleine Kunst- und Independentproduktionen, die üblicherweise auf Festivals und in speziellen Arthouse-Kinos ihr Publikum finden, dazu gezwungen, auf eine der boomenden Streamingplattformen auszuweichen. Und so landeten auch alle für den Oscar als bester Film nominierten Beiträge schlussendlich bei Netflix, Amazon und Co., die sich die renommierten Streifen jedoch exklusiv für ihre Abonnenten sicherten, was deren Verbreitung einschränkte.

Krisengewinner

Die Streaminggiganten gelten somit auch als die großen Profiteure der Corona-Krise. Alleine der Branchenprimus Netflix konnte im abgelaufenen Jahr 37 Millionen neue Abonnenten gewinnen und seinen Umsatz auf atemberaubende 25 Milliarden Dollar steigern. Zu allem Überfluss denken viele Produktionsfirmen darüber nach, ihre Filme in Zukunft zeitgleich im Kino sowie auf ihren hauseigenen Streamingkanälen zu veröffentlichen, wodurch Kinobetreiber und Filmverleihfirmen zusätzlich unter enormen wirtschaftlichen Zugzwang geraten. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn Streaminganbieter klassischen Produktionsfirmen zunehmend lukrative Deals abjagen, so wie Netflix, das kürzlich mit dem Erwerb der Rechte für zwei Fortsetzungen des Komödienhits „Knives Out“ mit Daniel Craig für schlappe 400 Millionen Dollar für Aufsehen sorgte.

Kulturverlust

Der rasante Aufstieg des Streamings ruft jedoch auch mitunter heftige Kritik hervor. So warnte etwa Oscarpreisträger Martin Scorsese („Taxi Driver“, „The Wolf of Wallstreet“) unlängst eindringlich davor, dass Streamingplattformen Filme ausschließlich als Content betrachten würden, den sie ihren Mitgliedern wie kulturlose Konsumgüter über uniformierte Algorithmen anböten, was die Kinokunst entwerte und auf das Niveau von Katzenvideos herabwürdige. Viele weitere Beobachter sehen insbesondere kleine, nicht mainstreamtaugliche oder aber auch lokale Produktionen in ihrer Überlebensfähigkeit gefährdet, da selbige sich unter Umständen an die Konventionen der Streamingplattformen anpassen müssten, was in einem filmischen Einheitsbrei resultieren würde.

Unvergleichbar

Es wird daher maßgeblich von allen Filmliebhabern abhängen, ob Hollywood und das Kino insgesamt einer hoffnungsvollen Zukunft, die an die schillernden Tage aus Vor-Corona-Zeiten erinnert, entgegenblicken können und die Vielfältigkeit der Filmlandschaft gewahrt bleibt. Dafür dürfen sie jedoch nie vergessen, was ihnen das Kino so Einzigartiges zu bieten hat: das gemeinsam geteilte emotionale Filmerlebnis, die magische Atmosphäre eines dunklen Kinosaals und die opulente Bildgewalt einer großen Leinwand.

Autor: Stefan Kohlmaier, 14.04.2021