Exklusivinterview: ESA-Astronaut Alexander Gerst

War ins All zu fliegen schon immer Ihr Traum?

Ich habe mir damals sogar meinen Browser programmiert, damit ich eine Benachrichtigung bekomme, wenn bei der ESA wieder Astronauten gesucht werden (lacht). Der Zeitpunkt war zwar nicht ideal, weil ich gerade mit dem Abschluss meiner Dissertation (Geophysik) und Vorbereitung einer Vulkanexpedition beschäftigt war. Aber diese Chance musste ich ergreifen – und es hat geklappt.

Haben Sie Tipps für Bewerber?

Wichtig ist es, immer authentisch zu bleiben und die Bewerbung wirklich ernst zu nehmen. Ein Traum kann nur wahr werden, wenn man dranbleibt. Und die Motivation ist ganz wichtig: Man muss bereit sein, viel Neues zu lernen und viele Prüfungen zu absolvieren. Gleichzeitig muss man damit zurechtkommen, über Monate von Freunden und Familie getrennt zu sein. Außerdem muss man teamfähig sein. Gerade auf so engem Raum wie einer Raumstation ist Sozialkompetenz enorm wichtig. Die Ausbildung macht aber natürlich auch Spaß – man lernt sehr viel über sich selbst und wächst über sich hinaus.

Wie hart ist die Ausbildung tatsächlich?

Natürlich gibt es Momente, die zunächst hart sind – etwa wenn man sich bei minus 20 Grad ohne Schlafsack und Zelt drei Tage in Sibirien durchschlagen muss. Aber das sind die Momente, die einen weiterbringen. Die mentale Komponente ist einfach extrem wichtig. Durch die Überlebenstrainings lernen wir, mit Stress umzugehen – und ein Einsatz im Weltall bedeutet Stress.

Die ESA will heuer ein besonders diverses Team rekrutieren.

Je diverser ein Team ist, desto resilienter ist es – deshalb finde ich diesen Schritt gut. Wir brauchen eine ausgewogene Balance bei Geschlechtern und Erfahrung im Team. Aus diesem Grund möchten wir bei dieser Auswahl besonders auch Frauen ansprechen, die natürlich genauso gute Astronautinnen sind wie Männer, leider aber im Pool der Bewerber bisher unterrepräsentiert waren. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die Zusammenarbeit mit den neuen Kolleginnen und Kollegen.

Autor: Alexandra Nagiller, 23.02.2021