Generation Ego: Jugend ohne Tugend?

Medien berichten über korrupte Politiker, pädophile Kleriker, gestresste Eltern und überforderte Lehrer - jene Instanzen, die traditionell die gesellschaftlichen Werte an die nächste Generation weitergeben und vorleben sollen, geraten teils selbst in Verruf. An wem oder was soll sich die Jugend orientieren? "Wir sehen heute, dass amoralisches, nicht an Werten orientiertes Verhalten belohnt - oder zumindest nicht bestraft wird. Grasser, Strasser, Scheuch und wie sie alle heißen, laufen noch immer frei herum, während jemand, der im Supermarkt eine Zahncreme klaut, unter dem Applaus der Rechtspopulisten in U-Haft kommt. Wer wundert sich da noch darüber, dass Werte der Jugend nichts bedeuten?", sagt Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung. Wenn eine Regierungspartei "Ethik-Seminare" für ihre Funktionäre erwägt, Abgeordnete per Gesetz angewiesen werden, ihre Funktionen nicht gegen Geld eines privaten Auftraggebers auszunützen und für eine steigende Zahl der Politiker die "Unschuldsvermutung" gilt, muss die Frage gestellt werden, wie es hierzulande um den "Anstand" bestellt ist.

Wertewandel

Soziologen orten einen generellen moralischen Verfall und einen Wertewandel bei der Jugend. Doch was darf man sich darunter vorstellen? Sind Werte wie Hilfsbereitschaft, Toleranz, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Respekt und Verantwortung heute noch von Wert? Werden die Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnungsliebe und Sparsamkeit noch als erstrebenswert erachtet? Die aktuelle und heiß diskutierte Jugend-Wertestudie gibt interessante - und teils überraschende - Einblicke in die Lebenswelt der 14- bis 29-jährigen Österreicher. "Pragmatischer Individualismus" nennt Studienleiter Heinzlmaier die Grundhaltung dieser Generation. Der typisch jugendliche Wunsch die Welt zu verändern oder zu verbessern hat an Wert verloren. Ebenso wie die Bereiche Politik, Religion sowie Tradition und Brauchtum. Soziales Engagement ist gar nur für ein Viertel der jungen Österreicher von Bedeutung. Den Jungen geht es darum, sich bestmöglich mit dem System zu arrangieren und sich zum eigenen Vorteil anzupassen. Mit Ausnahme der Menschenrechte, die 38 Prozent der Befragten als Orientierung angeben, finden sich traditionelle Wertevermittler auf den hinteren Plätzen. Die "Werte des Landes Österreich" sind für 9 Prozent relevant, jene der Religionsgemeinschaften für 8 Prozent und die Werte der politischen Parteien gar nur für 5 Prozent. Woher beziehen die Jugendlichen ihre Wertvorstellungen?

Sinnloser Ethikunterricht

Werte, Anstand und Moral können nicht in Seminaren "erlernt" oder in einer virtuellen Parallelwelt "downgeloadet" werden. Da hilft auch keine App. Werte müssen von Beispielgebern aktiv vorgelebt werden. Vom viel diskutierten Ethikunterricht hält Heinzlmaier wenig. "Im Ethikunterricht kann über Werte gesprochen werden. Sie können aber - Gott sei Dank - dort nicht vermittelt werden. Warum ist das gut so? Weil die herrschenden Gedanken in der Regel die Gedanken der Herrschenden sind. Und weil das so ist, würde im Ethikunterricht dann eine verlogene christlich-katholische Moral in Verbindung mit einer ethischen Legitimation der Neoliberalismus gelehrt werden." Neoliberale Gruppierungen, wie die ´Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft´ würden dafür sorgen, dass es so kommt, fürchtet Heinzlmaier. "Der Philosoph Aristoteles hat darauf hingewiesen, dass man das Musikinstrument Lyra nur lernen kann, wenn man sie spielt. Dies bedeutet, dass Werte wie Gerechtigkeit, Toleranz oder Mildtätigkeit praktisch gelebt und erlebt werden müssen."

Hinderliche Moral

Die Jugend muss sich also mangels Vorbildern selbst helfen. Analog zum gängigen Modell der Patchwork-Familie werden scheinbar auch individuell passende Modelle zusammengebastelt. Religion weicht "Spiritualität" - quasi ein Best-of-Mix aus verschiedenen Konfessionen und esoterischen Strömungen. Knapp die Hälfte der Befragten glaubt zwar an "eine höhere Macht", deren Hauptaufgabe besteht jedoch darin, Trost und Geborgenheit zu spenden. Mit Forderungen nach einer tugendhaften Lebensführung soll diese Macht der Jugend im Wege stehen. "Deswegen leiten die jungen Menschen aus ihrem Glauben auch keine Anleitung für eine moralische Lebensführung an. Moralische Gebote werden sogar als hinderlich erachtet", lautet die Analyse. Ähnlich diffus sehen die Jugendlichen auch den Wertebegriff. Werte seien eine Art unverbindlicher, sich verändernder Leitfaden, den man - wenn es zum eigenen Vorteil ist - gelegentlich verlassen muss.

Generation der Egomanen?

Doch wohin führt die Tendenz zum Individualismus? Wächst hier eine Generation der "Egomanen" heran? "Egomanen sind wir alle. Man kann das Problem nicht auf die Jugend reduzieren", ist Heinzlmaier überzeugt. "Das ist so im System. Wer nicht egomanisch ist, der kann doch heute gleich einpacken. Wenn man nicht die Anlage zum spätchristlichen Märtyrer hat und ein kleiner Masochist ist, dann macht man mit. Alle machen mit - und viele sind unglücklich dabei. "Doch diese unglücklichen Mitmacher seien zugleich die Zukunftshoffnung. "Man kann hoffen, dass denen einmal der Kragen platzt und sie das ganze verlogene neoliberale System hinwegfegen", so Heinzlmaier.

Biedermeier-Werte

Bei aller Besorgnis um eine mut- und orientierungslose Jugend zeigen die Ergebnisse der Jugendkulturstudie aber auch, dass die alten Biedermeier-Werte Familie und trautes Heim sowie "gutes Benehmen" wieder hoch im Kurs stehen. Ob die junge Generation nun alte oder neue Werte prägen wird - letztlich bleibt die Erkenntnis des berühmten Sozialwissenschaftlers Niklas Luhmann, dass Werte alles Mögliche sein können - nur nicht ewig.

Autor: Laura Engelmann, 18.06.2017