Schlechtes Gewissen: Wieso quälen wir uns so?

Jeder kennt es, jeder hat es hin und wieder: das schlechte Gewissen. Diese kleine Stimme im Kopf, dieses Stechen im Magen, das einem sagt, dass man etwas falsch gemacht hat. An sich ist ein schlechtes Gewissen eine gute Sache: Man stelle sich nur eine Gesellschaft vor, in der jeder handelt, wie er will, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Hat man also wirklich einen Fehler begangen, so lehrt einem das schlechte Gewissen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Einen Vorteil haben Schuldgefühle also dann, wenn rational und objektiv betrachtet ein Fehler begangen wurde und dieser Fehler dank des schlechten Gewissens in Zukunft vermieden wird. Nur wieso werden wir so oft bei Lappalien von einem schlechten Gewissen geplagt?

Das irrationale schlechte Gewissen

Die meiste Zeit haben wir ein schlechtes Gewissen, obwohl dies gar nicht nötig wäre. Studien konnten zeigen, dass Frauen öfters von Gewissensbissen geplagt werden als Männer. Welche Handlungen oder unterlassenen Handlungen im Einzelnen zu einem schlechten Gewissen führen, ist verschieden. Frauen, die sich eine Yogastunde gönnen, anstatt die Kinder von der Schule abzuholen, fühlen sich schnell als Rabenmütter. Wer hingegen die Yogastunde sausen ließ und dafür in einen Schokoriegel biss, fühlt sich anschließend zutiefst schuldig – dabei kann genau das eine Gewichtszunahme bewirken. Aber wieso eigentlich? Man hat doch gar nichts Schlimmes gemacht.

Ursachen

Ein schlechtes Gewissen zu haben, wo es gar keines bräuchte, hat verschiedene Ursachen. Allen gemeinsam ist, dass sie in uns selbst liegen. Nur wir sind dafür verantwortlich, dass wir uns unnötig quälen. Erkennen wir aber, woher diese unangenehmen Gefühle kommen, können wir besser damit umgehen und sie ziehen lassen.

1. Zu hohe Erwartungen an ich selbst

Wer an sich selbst hohe Ansprüche stellt, kann diese nicht immer erfüllen. Die Folge: Man fühlt sich schlecht und wertlos. Dabei würden wir bei anderen dasselbe Verhalten als absolut gerechtfertigt empfinden. Was ist schon so schlimm daran, einmal nicht frisch gekocht zu haben, sondern stattdessen eine Pizza bestellt hat? Was ist so schlimm daran, einmal fünf Minuten zu spät gekommen zu sein und den anderen warten zu lassen? All dies sind Dinge, die völlig normal sind und nun einmal passieren. Wer lernt, mit sich selbst nachsichtiger zu sein und nicht immer perfekt sein zu wollen, kann sich einige Grübeleien und schlechte Gefühle ersparen.

2. Unpassende Moralvorstellungen

Moralvorstellungen und Normen werden in der Kindheit erlernt und sind tief in uns verwurzelt. Manchmal sind sie aber nicht mehr wirklich zeitgemäß und schaden mehr, als sie nutzen. Muss man sich als Frau denn schlecht fühlen, wenn man ein abwechslungsreiches Liebesleben hat? Oder ist man ein fauler Mensch, wenn man bei schönstem Sonnenschein einfach auf der Couch bleibt? Eigentlich nicht, dennoch fühlen wir uns in solchen Momenten oft zu Unrecht schuldig.

3. Verantwortung übernehmen

Manchmal fühlen wir uns für das Wohl anderer Menschen verantwortlich, obwohl das nichts mit uns zu tun hat. Ein klassisches Beispiel: Man liegt aufgrund einer Grippe zu Hause im Bett und fühlt sich schuldig, weil die Kollegen im Büro nun mehr arbeiten müssen. Was bitte kann man dafür, wenn man krank wird? Objektiv betrachtet hat man sich in so einer Situation schon rein gar nichts zuschulden kommen lassen und sollte sich einfach entspannt auskurieren.

4. Geringes Selbstwertgefühl

Die beste Freundin möchte sich auf einen Kaffee treffen, man selbst würde aber eher das spannende Buch zu Ende lesen und sagt ab. Doch kaum beginnt man damit, den ersten Satz zu lesen, quält einen schon die Frage, ob man denn nun eine schlechte Freundin ist … Dabei hat jeder das Recht, seine Zeit so zu nutzen, wie er es in diesem Moment am liebsten möchte. Dann geht man eben ein andermal auf einen gemeinsamen Tratsch. Wer sich aber selbst nicht genügend respektiert und zugesteht auch einmal "Nein" sagen zu dürfen, wird immer versuchen nach den Bedürfnissen der anderen zu leben und nicht nach den seinen.

Autor: Isabel Folie, 19.03.2021