Schaltsekunde vor dem Aus: Warum sie abgeschafft werden soll
Sie dauert nur einen Augenblick und wird von den meisten Menschen überhaupt nicht bemerkt: die Schaltsekunde. Seit Jahrzehnten sorgt sie dafür, dass unsere hochpräzise Zeitmessung nicht zu stark von der tatsächlichen Erdrotation abweicht. Nun könnte diese kleine Zeitkorrektur jedoch bald Geschichte sein. Am 15. Oktober 2026 soll in Versailles die finale Entscheidung über ihre Abschaffung fallen.
Was ist eine Schaltsekunde?
Die internationale Zeitmessung basiert auf extrem präzisen Atomuhren. Die daraus abgeleitete Koordinierte Weltzeit UTC läuft sehr gleichmäßig. Die Drehung der Erde hingegen ist nicht vollkommen konstant.
Ihre Rotationsgeschwindigkeit verändert sich geringfügig. Dadurch können die von Atomuhren gemessene Zeit und die astronomische Zeit, die sich an der Erdrotation orientiert, langsam auseinanderdriften.
Um diese Unterschiede auszugleichen, wurden 1972 die Schaltsekunden eingeführt. Bei Bedarf wird dabei eine zusätzliche Sekunde in die Weltzeit eingeschoben. Insgesamt geschah das bislang 27 Mal. Die letzte Schaltsekunde wurde Ende 2016 eingefügt.
Warum braucht es die zusätzliche Sekunde?
Ohne Korrektur würden sich die beiden Zeitmaßstäbe langfristig voneinander entfernen. Die Schaltsekunde sorgt deshalb dafür, dass die technisch bestimmte Weltzeit und die von der Erdrotation abhängige astronomische Zeit eng miteinander verbunden bleiben.
Im Alltag bekommt davon praktisch niemand etwas mit. Eine Minute kann bei einer Schaltsekunde technisch betrachtet für einen kurzen Moment 61 Sekunden umfassen.
Für Wissenschaft und hochpräzise Messverfahren ist dieser Ausgleich deutlich wichtiger als für Armbanduhren oder Smartphones.
Warum soll sie abgeschafft werden?
Genau die technische Umsetzung sorgt allerdings zunehmend für Probleme. Computersysteme und digitale Netzwerke sind auf kontinuierliche und eindeutig berechenbare Zeitabläufe angewiesen.
Eine zusätzlich eingefügte oder sogar abgezogene Sekunde kann Software, Datenbanken und technische Infrastrukturen vor Herausforderungen stellen. Besonders heikel ist, dass sich die Erde zuletzt zeitweise schneller gedreht hat. Dadurch könnte theoretisch erstmals eine negative Schaltsekunde nötig werden, also das Überspringen einer Sekunde.
Eine solche Korrektur wurde bisher noch nie durchgeführt. Die zuständigen internationalen Gremien wollen deshalb für mehr Stabilität in der Zeitmessung sorgen und die bisherige Regelung beenden.
Was ändert sich künftig?
Die endgültige Bestätigung soll am 15. Oktober 2026 in Versailles erfolgen. Als möglicher Termin für die Umstellung wird der 20. Mai 2027 genannt.
Künftig dürfte die Koordinierte Weltzeit damit länger ohne einzelne Sekundenkorrekturen weiterlaufen. Eine größere Abweichung zwischen Weltzeit und Erdrotation würde zunächst akzeptiert und erst deutlich später ausgeglichen.
Für den Alltag hätte die Änderung vorerst kaum spürbare Folgen. Größere Bedeutung hat sie für Bereiche wie Astronomie, Geodäsie, Computersysteme und hochpräzise technische Anwendungen.