Verbund AG: Vom Versorger zum Technologiekonzern

Michael Strugl, Jahrgang 1963, Mühlviertler und nun auch begeisterter Wiener, war lange Landespolitiker. Seit 2021 ist der Jurist und Betriebswirt CEO der Verbund AG. Als solcher verantwortete er heute seine erste Bilanzpressekonferenz von Österreichs größten Stromkonzern, der zu 51 Prozent der Republik gehört. Die Verbund AG hat im Vorjahr trotz eines schwierigen energiewirtschaftlichen Umfelds mehr Gewinn eingefahren und will die Dividende anheben. Die gesunkene Energienachfrage währende der Coronakrise drückte die Strom- und Netzerlöse und damit auf den Gesamtumsatz. Der Nettogewinn beträgt 631 Millionen Euro (+14 %), der Umsatz sank im Jahr 2020 um 17 Prozent auf 3,235 Milliarden Euro. Der Verbund hat zudem bekanntgegeben, mehr als eine halbe Milliarde Euro in den Bau der Pumpspeicherprojekte in Salzburg und Kärnten zu investieren. Das Interview mit Michael Strugl wurde vor der Bilanzpressekonferenz geführt.

 

CHEFINFO: Inwiefern unterscheidet sich Führung in der Politik von Führung in einem Unternehmen?

Michael Strugl: Wirtschaft ist rational, messbar und zahlengetrieben. Politik ist von Stimmungen abhängig, funktioniert in Echtzeit und ist eine andere Gemengelage, als man sie in Unternehmen vorfindet. Führen muss man in beiden Bereichen. Viele Führungsgrundsätze gelten hüben wie drüben, etwa die Fähigkeit, Mitarbeiter zu motivieren. Darüber hinaus ist das Stromgeschäft von gesetzlichen, regulatorischen Bestimmungen abhängig. Das bedeutet automatisch politischer Einfluss – nicht auf das Management, sondern auf die Rahmenbedingungen des Geschäfts. Insofern ist es kein Nachteil, zu wissen, wie Politik funktioniert und politische Entscheider ticken.

CHEFINFO: Sie haben gute Kontakte in Politik und Wirtschaft. Wie wichtig ist es, politisch gut vernetzt zu sein?

Strugl: Viele Stakeholder kommen aus dem politischen Bereich. Ich habe selber als Energiereferent in Oberösterreich Energiegesetze und energiewirtschaftliche Rahmenbedingungen gestaltet, daher weiß ich, wie das funktioniert. Aber auch die Kontakte zu Unternehmen und zur Industrie, die ich in meiner früheren Tätigkeit aufgebaut habe, kommen mir jetzt zugute. Wir haben auf der Kundenseite eine Vielzahl an Betrieben, die ich auch von früher kenne. Das hilft, wenn man als Energieversorger auch ein Geschäftspartner ist.

CHEFINFO: Ein Fast-Blackout hat Europa aufgeschreckt. Sind wir vorbereitet, wenn Deutschland seine Kohlekraftwerke und Atommeiler vom Netz nimmt?

Strugl: Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Dieser Umbau in Richtung nachhaltiger ­Stromversorgung gleicht einer Operation am offenen ­Herzen. Ereignisse wie der 8. ­Januar, an dem Europa knapp am Blackout vorbeischrammte, zeigen, wie ­sensibel dieses Gesamtsystem ist. Windkraft- und Photovoltaikanlagen verursachen Erzeugungsschwankungen. Zur Stabilisierung müssen die Netze ausgebaut werden, um den Strom dorthin zu transportieren, wo er fehlt. In Deutschland geht man davon aus dass nach dem Ausstieg aus Atom- und Kohlekraft zusätzliche gesicherte Kapazitäten vor allem durch neue Gaskraftwerke benötigt werden, um die Residuallast, also die fehlende Strommenge abzudecken.

Zitat Michael Strugl

CHEFINFO: Laut Plan der Bundesregierung sind in Österreich 100 Prozent Öko-Strom bis 2030 geplant. Geht sich das aus?

Strugl: Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es 27 TWh an ­Erneuerbaren, was schwer genug umzusetzen sein wird. Davon müssen geschätzte 10 TWh Strommenge wegen ­saisonaler Schwankungen jährlich verschoben werden. Daher muss auch in Österreich in das Stromnetz investiert ­werden, sonst wird der Plan nicht funktionieren. Auch innovative Speichertechnologien, etwa ­Power-to-Gas werden benötigt – das sind Gass­peicher mit grünen Gasen wie zum Beispiel grünem Wasserstoff. Diesen kann man aus Überschussstrom durch ­Elektrolyse erzeugen.

CHEFINFO: Apropos Stromnetz: Die UVP-Verfahren der Hochspannungsleitung in Salzburg dauerten Jahre …

Strugl: Stimmt, wir brauchen schnellere Verfahren. Das setzt voraus, dass die Behörden entsprechend personell gut ausgestattet sind. Wir müssen auch überlegen, wie wir die Akzeptanz bei Bürgern erhöhen und die Betroffenen zu Beteiligten machen, etwa durch Maßnahmen bei Transparenz, Information und Kommunikation. Aber eines ist klar: Wenn diese Verfahren keine Planungs- und Rechtssicherheit gewährleisten, dann werden Investoren kein Geld in die Hand nehmen, weil das Risiko zu hoch ist.

CHEFINFO: Wie sieht Ihre Strategie als Verbund-Boss für die nächsten Jahre aus?

Strugl: Wir entwickeln uns von einer Versorger-Rolle weiter zu einem Leit- und Technologieunternehmen. Schon jetzt sind 95 Prozent unserer Stromerzeugung erneuerbar, hauptsächlich durch Wasserkraft. 2030 wird etwa ein Viertel unserer Erzeugung aus den erneuerbaren Technologien ­Photovoltaik und Windkraft bestehen. Zudem werden wir ein wichtiger Wasserstoff-Player werden. In Europa und global wird eine Wasser­stoffwirtschaft entstehen. In diesem Bereich wollen wir eine führende Rolle spielen und ein bevorzugter Partner für die Industrie sein.

Autor: Klaus Schobesberger, 17.03.2021