Michael Musalek über die Gefahren des Alltagsdoping

Suchtexperte Michael Musalek, Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU), über Alltagsdoping und wieso es dafür ein stärkeres Problembewusstsein braucht.
Autor: Cordula Meindl, 16.04.2021 um 10:00 Uhr

CHEFINFO: Was versteht man unter Alltagsdoping?

Michael Musalek: Alltagsdoping ist dann gegeben, wenn ich meine Leistung verbessere und dazu bestimmte Substanzen einnehme. Das ist wirklich genauso definiert wie im Sport. Jetzt gibt es zwei große Gruppen. Die eine Gruppe sind Mittel, die zumindest kurzfristig tatsächlich leistungssteigernd wirken, wie z.B. Amphetamine oder auch Kokain. Und dann gibt es eine Reihe von Substanzen, die eingesetzt werden, um mit Spannungszuständen besser fertig zu werden oder auch mit Ängsten - mit all den Reaktionen, die wir haben, wenn wir in schwierige Situationen kommen. Und da ist an erster Stelle der Alkohol zu nennen, der das am weitesten verbreitete Dopingmittel schlechthin ist. Dann natürlich so genannte Tranquilanzien, das sind Medikamente, die angstlösend und beruhigend wirken. Auch Schlafmittel oder Schmerzmittel sind weit verbreitet und natürlich Cannabis.

CHEFINFO: Bei Kokain ist die Antwort noch relativ leicht. Aber kann man sagen, ab wann der Einsatz anderer, legaler Substanzen kritisch wird?

Musalek: Natürlich ist ein gelegentlich eingenommenes Aspirin kein Problem, es ist auch kein großes Problem, wenn man ab und zu ein Glas Bier trinkt. Wenn ich allerdings das Glas Bier brauche, um überhaupt meine Leistung zu bringen und um überhaupt mit dem Alltag oder Familie fertig zu werden, dann ist es schon bedenklich. Denn was passiert: Ich werde nicht versuchen, etwas gegen die Überforderung zu machen, ich decke sie zu, aber die Überforderung bleibt. Und damit komme ich automatisch in einen chronischen Bereich hinein.

CHEFINFO: Warum ist das problematisch?

Musalek: Wenn ich in eine Überforderungssituation komme, gibt es zwei Strategiemöglichkeiten. Ich kann versuchen, mich dem Problem zu stellen und es zu lösen und so zu vermeiden, dass der Spannungszustand entsteht. Oder ich versuche, es quasi von außen lösen zu lassen und nehme etwas ein, damit es mir besser geht und der Spannungszustand weggeht. Diese passive Haltung, das Problem von außen zu lösen, verleitet natürlich dazu, Substanzen zu nehmen - und nicht nur mehr oder weniger harmlose, sondern auch höherwirksame Medikamente.

Zitat Michael Musalek

CHEFINFO: Braucht es in Österreich noch mehr Aufklärungsarbeit?

Musalek: Wir haben ein sehr genaues Bewusstsein und auch sehr enge Grenzen hinsichtlich Dopings im Leistungssport. Und wir haben quasi gar keine Richtlinien in Bezug auf den Alltag. Beim Sport gibt es einfach bestimmte Substanzen, die darf man nicht einnehmen, ob man sie braucht oder nicht. Sobald es aber um den Alltag und die Alltagsbewältigung gibt, haben wir dieses Bewusstsein nicht. Das beginnt oft schon bei Kindern, wo die Erwachsenen Medikamente weitergeben, die sie selbst verschrieben bekommen hat, damit das Kind vor der Schularbeit gut schläft. Es braucht also zwei Dinge: Erstens ein prinzipielles Problembewusstsein. Das ist der wichtigste Schritt. Das zweite ist, dass es gute Informationen darüber braucht, was gefährlich ist und ab wann ich mich selbst hinterfragen muss, ob mein Substanzgebrauch schon kritisch ist.

CHEFINFO: Glauben Sie, dass das in den letzten Jahren stärker geworden ist? Es heißt ja, dass der Druck durch die Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft besonders stark geworden ist.

Musalek: Ja, es ist auf alle Fälle stärker geworden. Aber durch etwas, das eine Nichtleistungsgesellschaft ist. Wir leben nicht in einer Leistungsgesellschaft, wir tun nur so als ob.  Auf Leistung kommt es gar nicht an. Wir leben in einer Erfolgsgesellschaft. Ob Sie viel oder wenig leisten, solange Sie erfolgreich sind, wird niemand nach Ihrer Leistung fragen. Und das ist auch das Problem. Eine Leistungsgemeinschaft ist automatisch eine Solidargesellschaft, weil wir wissen, dass wir unterschiedlich viel leisten können. Aber Erfolg zieht eine Grenzlinie für alle ein. Und damit sind die, die nicht so erfolgreich sind, massiv unter Druck, doch auch erfolgreich zu werden. Und dann versuchen sie es eben mit allen Mitteln, so wie im Leistungssport.

CHEFINFO: Das heißt aber auch, dass sich das in der aktuellen Situation noch weiter verstärken wird …

Musalek: Ohne Zweifel. Da braucht man keine empirische Studie dazu. Umso größer die Überforderung ist, umso größer der Erfolgsdruck trotzdem ist und je schwieriger es ist, auch wirklich Erfolg zu haben, desto größer ist hier die Belastung und desto größer auch die Chance, mit allen Mitteln zu versuchen, hier doch noch Erfolg zu haben.

CHEFINFO: Gibt es bestimmte Personen- oder Berufsgruppen, die besonders gefährdet sind?

Musalek: Dort wo der Erfolgsdruck besonders groß ist, dort ist auch die Chance für das Doping größer. Das trifft den Akkordarbeiter genauso wie jemanden, der im Management tätig ist. Das macht vor keiner Berufsgruppe Halt. Die ersten großen Cluster sind genau in Gruppen entstanden, wo Menschen trotz der Krankheit in die Arbeit gegangen sind, weil sie sonst ihren Job verloren hätten. Auch in der Vorpandemiezeit sind ja leider viele Menschen krank an den Arbeitsplatz gegangen. Nur sind die Auswirkungen bei diesem Virus jetzt viel fataler.