Jahrhundertunternehmen

Ende Mai wäre Prinz Philip, der Duke of Edinburgh, 100 Jahre alt geworden. Im Jahr seiner Geburt 1921 hatte Europa noch mit den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs zu kämpfen, von den sogenannten „Goldenen Zwanzigern“ war man noch ein paar Jahre entfernt. Eine Hyperinfla­tion zerstörte sämtliche Ersparnisse und sonstige Geldvermögen und somit die wirtschaftliche Basis des Mittelstandes. Nach dem Zerfall der Monarchie musste die junge Republik erst eine neue Identität finden. Auch geografisch hatte das Land noch nicht seine endgültige Form gefunden – erst seit dem 26. Jänner 1921 hat Österreich neun Bundesländer. Entsprechend dem Vertrag von Saint-Germain wurde das Burgenland, das zum Königreich Ungarn gehörte, erst vor hundert Jahren in die Republik Österreich eingegliedert.

Alltagsrevolutionen

Nach dem Ende des Krieges entfaltete sich die Technik rasant, Erfindungen, die für militärische Zwecke eingesetzt werden sollten, wurden für die zivile und kommerzielle Nutzung weiterentwickelt. Maschinen veränderten Arbeitsabläufe grundlegend, in die Haushalte zog die Elektrizität ein, Großstädte wurden immer stärker motorisiert und Fortschritte in der Film- und Rundfunktechnik revolutionierten die Unterhaltungsindustrie. In dieser Zeit konnten sich auch Arbeiter und Angestellte mit ihrer lang bestehenden Forderung nach einer eigenen Interessenvertretung durchsetzen und die ersten Arbeiterkammern entstanden. Im März 1921 fand die erste Arbeiterkammerwahl in Oberösterreich statt. Die Aufbruchsstimmung nach dem Krieg schlug sich auch in der Mode nieder: Während des Krieges und in den ersten Jahren danach mussten meist die Frauen den Alltag stemmen und die Wirtschaft am Laufen halten, die opulente und einschnürende Kleidung aus der Zeit vor dem Krieg behinderte sie dabei. Bequeme Kleider aus günstigen Stoffen ließen ihnen mehr Bewegungsfreiheit, die die Frauen auch nach dem Krieg nicht mehr abgeben wollten.

Ein Jahr der Klassiker

Im Jahr 1921 schlägt auch die Geburtsstunde einiger unternehmerischer Erfolge, die bis heute andauern: Mit ihrem Parfum „Chanel No. 5“ revolutionierte Coco Chanel 1921 den Parfummarkt, der Jungunternehmer Hans Riegel, der erst im Dezember 1920 sein Unternehmen Haribo gegründet hat, stellt 1921 seine Frau Gertrud als erste Mitarbeiterin ein und brachte im Jahr darauf seinen „Tanzbären“, der seit 1960 „Goldbär“ heißt, auf den Markt. Der Haribo-Goldbär und Chanel No. 5 sind nur zwei Beispiele, die erfolgreich ihren Hunderter erreicht haben. Wir stellen Unternehmen und Marken vor, bei denen auch mit 100 von Altersschwäche noch keine Rede sein kann.

 

EurothermenResort Bad Schallerbach

 

Therme Bad Schallerbach: Warmes Wasser statt Erdöl

Offiziell hat das EurothermenResort Bad Schallerbach schon 2018 seinen Hunderter gefeiert, denn bereits 1918 stieß man bei der Suche nach Erdöl in Schallerbach auf eine schwefelhaltige Warmwasserquelle in 460 Metern Tiefe. Der Bohrtrupp zog enttäuscht ab, aber die Bevölkerung erkannte den wahren Wert der Quelle: Bald nach der Entdeckung berichteten viele Menschen von der wohltuenden Wirkung des Schwefelwassers. Nach Untersuchungen der Wirkung gründete das Land Oberösterreich im Jahr 1921 schließlich die „Schwefelbad Schallerbach GmbH“ und setzte damit einen Meilenstein in der Erfolgsgeschichte der Therme. Im Jahr darauf wurde das erste Badehaus errichtet. Das Land ist bis heute Haupteigentümer der OÖ Thermenholding, zu der das EurothermenResort Bad Schallerbach gehört.

 

 

Gucci: Mode, Glamour und Skandale

Mit der Geschichte der italienischen Luxusmodemarke Gucci könnte man mindestens ein Buch füllen – oder einen Film daraus machen: Pünktlich zum 100. Geburtstag wird in „House of Gucci“ unter der Regie von ­Ridley Scott der Mord an Maurizio Gucci thematisiert, dem Enkel des Firmengründers Guccio Gucci. Dieser hatte 1921 ein kleines Lederwarengeschäft in Florenz gegründet. Guccio Gucci hatte als Aufzugführer im Hotel Savoy in London gearbeitet und wollte den erlebten englischen Stil mit italienischer Handwerkskunst verbinden. Den Anfang nahm sein Geschäft mit Sätteln und Reitzubehör, später kamen Koffer, Schuhe und Taschen dazu. Unter der Führung von Guccis Söhnen Aldo, Vasco und Rodolfo begann die internationale Expansion und der Aufstieg des „House of Gucci“ – Berühmtheiten wie Elizabeth Taylor, Jackie Kennedy, Peter Sellers und Grace Kelly trugen die Kreationen des Kultlabels. In den 70er-Jahren wurde das Geschäft durch Besitzstreitigkeiten der Brüder in Mitleidenschaft gezogen, Rodolfos Sohn Aritzio trieb das Unternehmen fast in den Ruin, bevor 1989 Dawn Mello als erstes Nichtfamilienmitglied in die Firma geholt wurde und die Creative Direction übernahm. Die ehemalige Bergdorf-Goodman-Präsidentin brachte schließlich auch Tom Ford als Designer ins Unternehmen, der später ihren Posten übernahm und der Marke einen neuen Hype verschaffte, der sie letztendlich vor dem Untergang rettete. Trotzdem ist Gucci heute nicht mehr eigenständig, 2004 wurde die Marke von ­Pinault Printemps Redoute (PPR), heute Kering, erworben und gehört jetzt zum zweitgrößten Luxuskonzern der Welt – und liefert mehr als die Hälfte der Kering-Erlöse.

 

Johannes Kapsamer und Anna Kapsamer-Fellner

 

Joka: Besser liegen seit 1921

Weil er mit seinem Bett unzufrieden war und besser liegen wollte, gründete Johann Kapsamer 1921 ohne wesentliches Kapital und ohne nennenswerte Vorkenntnisse das Unternehmen Joka in seinem Elternhaus in Schwanenstadt. Kapsamer hatte davor in Salzburg die Vorteile eines gefederten Betteinsatzes kennen- und schätzen gelernt und wollte auf diesen Komfort auch zu Hause nicht verzichten. Der Firmenname leitet sich von den Anfangsbuchstaben seines Namens ab: JOhann KApsamer. Im Laufe der Jahre verwandelte er den Zweimannbetrieb in ein erfolgreiches Unternehmen, das bis heute Möbel mit hohem Qualitätsanspruch produziert – und zwar nicht nur bequeme Matratzen, sondern auch Betten und Polstermöbel. Joka befindet sich bis heute in Familienhand – die Geschwister Johannes Kapsamer und Anna Kapsamer-Fellner, die Urenkel des Gründers, führen die Geschäfte gemeinsam.

 

Moto Guzzi

 

Moto Guzzi: Die Motorrad-Legende aus Italien

Nur eine Handvoll Motorradhersteller hat seit hundert oder mehr Jahren durchgängig Motorräder gebaut, und so befindet sich Moto Guzzi in einem recht elitären Kreis zusammen mit Harley-Davidson, Husqvarna, Indian, Royal Enfield und Triumph. Gegründet wurde „Moto Guzzi S.p.A.“ am 15. März 1921 vom Heeresflieger Giorgio Parodi und seinem Freund, dem Flugzeugtechniker Carlo Guzzi, mit der finanziellen Unterstützung von Giorgos Vater Emanuele Vittorio Parodi. Die erste Maschine, die G.P. (Guzzi.Parodi), wurde als Prototyp unter Mithilfe des Schmieds von Mandello im Keller des Hauses Guzzi gebaut. Nur 13 Jahre später war Moto Guzzi der größte Motorradhersteller in ­Italien. Im Jahr 2000 geriet das Unternehmen jedoch in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wurde von Aprilia übernommen und umfassend saniert. 2004 entstand durch die Übernahme der Aprilia-Gruppe durch die Piaggio-­Gruppe schließlich ein italienischer Motorradpool, der Gesamtumsatz der Gruppe lag 2018 bei über 1,5 Milliarden Euro. Der Jahrhundertgeburtstag von Moto Guzzi wird mit einer eigenen Sonderedition gefeiert.

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Autor: Cordula Meindl, 08.09.2021