„Es gibt eine Spaltung der Gesellschaft entlang der Ressourcen“

CHEFINFO: Im März jährt sich der erste, harte Lockdown – wie geht es dem BFI nach einem Jahr im Ausnahmezustand?

Christoph Jungwirth: Im März und April 2020 war das BFI komplett geschlossen. Seit Mai 2020 gilt die Regelung, dass beruflich unbedingt notwendige Aus- und Weiterbildungen dann stattfinden können, wenn Online-Unterricht nicht möglich ist. Das setzen wir sehr konsequent um. Wir konnten alle Mitarbeiter mit Laptops ausstatten und arbeiten mit MS Teams als Kommunikationsplattform für alle Trainer und alle Teilnehmer und mit Moodle als Lernmanagement-System. Das hat die letzten Monate einen irren Entwicklungsschub gebracht.

CHEFINFO: Und wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen bzw. Beschränkungen des „Fernunterrichts“?

Jungwirth: Wir haben Trainer und Teilnehmer im letzten Jahr zwei Mal befragt, wie es ihnen geht, wie die Ausbildung läuft und was man verbessern kann. Das Feedback war sehr gut, ich bin fast überrascht, wie gut es funktioniert hat. Aber ich bin weit von der Euphorie entfernt, dass digitaler Unterricht in Zukunft die Lösung aller Probleme ist. Es gibt meiner Meinung nach drei limitierende Faktoren. Der erste sind die Endgeräte der Menschen. Bei manchen Kursen muss man damit leben, dass das Endgerät der meisten Österreicher ein mehr oder weniger gutes Smartphone ist. Da stößt E- Learning schnell an seine Grenzen. Hier gibt es wirklich eine Spaltung der Gesellschaft entlang der Ressourcen, denn das Problem betrifft vor allem sozial Schwächere. Der zweite Faktor ist die Internetverbindung. Es gibt in Oberösterreich noch viele Orte, wo die Verbindung einfach nicht ausreichend ist.

CHEFINFO: Und der dritte Faktor?

Jungwirth: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Lernen letztlich ein sozialer Prozess ist. Man kann gewisse Dinge sehr wohl online machen und vermitteln – aber eine dreijährige Pflegeausbildung oder eine Maturavorbereitung, da ist es eine Illusion, dass man das ausschließlich online machen kann, über Wochen und Monate hinweg geht da einfach zu viel verloren. Menschen lernen, indem sie mit dem Trainer in direktem Kontakt stehen und sich mit anderen Teilnehmern austauschen.

CHEFINFO: Das heißt, man wird nach Corona wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren?

Jungwirth: Generell gehe ich davon aus, dass Präsenzunterricht wieder zunehmen wird. Ein kleiner Teil unseres Angebots wird in Zukunft ausschließlich online sein, da wo es wirklich um reine, enge Wissensvermittlung geht – also z.B. das Update für den Personalverrechner. Alle anderen Kurse werden einen hohen Anteil an Präsenzunterricht haben. Je nach Ausgangssituation wird das Online-Angebot den Präsenzunterricht aber mehr oder weniger stark ergänzen – so wird z.B. jeder Teilnehmer, der bei uns einen Kurs bucht, auch einen Online-Zugang zu Teams und zur Lernplattform erhalten. Ich gehe davon aus, dass solche Hybridformen in Zukunft in der Erwachsenenrolle eine zentrale Rolle spielen.

Zitat Christoph Jungwirth

CHEFINFO: Sie sind auch Geschäftsführer der Volkshochschulen Oberösterreich. Wie ist hier die Situation?

Jungwirth: Die VHS ist die andere Seite des Lebens. Da geht es um Freizeit, Erholung, Fitness, Sprachen für den Urlaub - das ist ein wesentlicher Teil der Lebensqualität. Wir haben bei den Volkshochschulen Oberösterreich im Jahr 45.000 Kursteilnehmer. Das ruht zurzeit fast zur Gänze. Es gibt ein kleines, aber feines Online-Kursangebot. Das hat natürlich auch seine Grenzen, hält aber die Idee am Laufen. Letztendlich sind wir gerade in der Vorbereitung für danach - und sehr viel mehr ist auch nicht möglich. Die Nachfrage nach den Kursen ist da - es gibt ein Bedürfnis, dass man nach der Arbeit wieder in den Yoga- oder Spanischkurs geht.

CHEFINFO: Wenn Sie aktuell einen Wunsch an die Politik richten könnten, welcher wäre das?

Jungwirth: Ich würde mir wünschen, dass das Investieren in Weiterbildung nicht immer nur in Krisenzeiten passiert. Mir wäre es fast lieber, man gäbe jetzt in der Corona-Job-Offensive des AMS etwas weniger Geld aus, aber dafür nicht nur befristet auf zwei Jahre, sondern kontinuierlich. Eine sinnvolle und großzügige Unterstützung der Ausbildungskosten in Form von z.B. Fachkräftestipendien darf kein Strohfeuer sein. Der Anspruch, dass Menschen lebenslang lernen sollen, wird uns in Zukunft noch stärker begleiten. Wenn man will, dass Arbeitnehmer neue Berufe lernen, dann kann man das nicht verlangen, dass das alles Unternehmen oder die Kursteilnehmer selbst bezahlen. Hier geht es nicht nur um Corona, sondern um die Frage, wie wir unseren Standort insgesamt weiter entwickeln können.

CHEFINFO: Und in Bezug auf die Digitalisierung?

Jungwirth: Wenn man die ganzen Ankündigungen zum Thema Digitalisierung ernst nimmt, dann geht es wirklich darum, möglichst viele Haushalte und Unternehmen mit ordentlichen Anbindungen zu versorgen. Und man muss auch die Frage stellen, was man mit den vielen Leuten macht, die bestenfalls ein altes Smartphone besitzen. Hier muss man aufpassen, dass sich unsere Gesellschaft nicht an der Frage der Zugänglichkeit zu Digitalisierung spaltet. Diese alltägliche Zugänglichkeit macht jetzt schon einen Unterschied und in der aktuellen Krise wird das noch deutlicher.

Autor: Cordula Meindl, 12.04.2021