Die vegane Revolution

Gusto auf Essen ohne tierische Produkte?  Immer mehr Menschen ziehen ­vegane oder vegetarische Kost dem Fleisch vor und essen Ersatzprodukte auf Pflanzenbasis. Es ist eine Revolution, die leise passiert. Ein Branchenbericht der Boston Consulting Group (BCG) prognostiziert ein globales Wachstum von derzeit 40 Milliarden auf 290 Milliarden US-Dollar im Jahr 2035, was mehr als dem Sieben­fachen des heutigen Umfangs entspräche. Umgelegt auf den einzelnen Verbraucher hieße das, dass jede zehnte Mahlzeit tierischen Ursprungs in 15 Jahren durch ein alternatives Produkt ersetzt wird. Völlig undenkbar schien noch vor kurzer Zeit, dass ein Wurstproduzent in die pflanz­liche Ersatzproduktion einsteigt und damit auch noch Erfolg hat. Neuburger aus Ulrichsberg hat das geschafft. Mit seiner Marke „Hermann“ ist das Unternehmen österreichweit in Handelsketten gelistet. Der Rohstoff für die Rostbratwürste und Co. sind Kräuterseitlinge, die Neuburger seit dem Vorjahr selbst züchtet. Damit ist „Hermann“ der größte Pilzverarbeiter des Landes. In 36 baugleichen Hallen werden die Pilze bei simuliertem Sommer- und Herbst-Klima bei teilweise 100 Prozent Luftfeuchtigkeit ganzjährig gezüchtet. Geerntet wird alle sechs Wochen. Strom kommt inzwischen aus 1.014 Photovoltaik-Modulen.

5.000 Rezepte ausprobiert

Der Weg dahin war mühsam, weil es kein Lehrbuch und kaum Erfahrungswerte damals gab, erklärte Hermann Neuburger in einem Video-Call der Onlineplattform „Movement 21“ vor Unternehmern und Branchenkollegen. Außerdem hat Europa abseits der Champignonzucht keine große Pilztradition. 2012, als der findige Unternehmer frühzeitig den fleischlosen Trend erkannte, hatte er allerdings noch keine Ahnung, in welche Richtung es überhaupt gehen sollte, um eine Produktion auf Pflanzenbasis aufzuziehen. Er wusste nur: Es muss wie seine Erfolgsmarke „Neuburger“ etwas Besonderes sein. Ein Produkt mit einem Alleinstellungsmerkmal.

Zitat Hermann Neuburger

Mit seinem jüngsten Sohn Thomas arbeitet er intensiv an dem Projekt seit 2015. Ein zehnköpfiges Team ­experimentierte mit drei Köchen mehr als fünf Jahre lang. „Wir haben 5.000 Rezepte ausprobiert und 6.000 Produkte entwickelt, bis wir bei einem Produkt angelangt waren, mit dem wir zufrieden waren“, sagt Neuburger. Dieser Innovationstrieb erinnert mehr an den Erfinder und Unternehmer James Dyson als an eine Traditionsfleischhauerei, in die Hermann Neuburger hineingeboren wurde.

Wachstum auf Kosten der Tiere

Warum hat er diesen dornigen Weg überhaupt eingeschlagen? Um diese Frage zu beantworten, geht Neuburger ins Jahr 1970 zurück, als er bei seinem Vater Fleischhauer zu lernen begann: „Damals war die Welt noch in Ordnung. Die Tiere wurden am Bauernhof geschlachtet. Wir haben gewusst, wo sie hergekommen sind, was sie gefressen haben – und wir haben zweimal wöchentlich Fleisch am Teller gehabt. Heute ist es ganz anders. Die Kühe drehen sich am Melkkarussell, die Schweine stehen auf den Spaltenböden und wir essen Fleisch, viel Fleisch.“ Die Statistik sagt, dass der ­durchschnittliche Deutsche vier Rinder, 46 Schweine und fast 1.000 Hühner isst. Der weltweite Fleischkonsum hat sich seit 1960 fast verfünffacht. Vor 35 Jahren hat Neuburger das Geschäft seines Vaters übernommen. Seit damals produziert er nur noch den „Neuburger“. 15 Tonnen davon erzeugte das Unternehmen im ersten Jahr. Heute sind es 15 Tonnen pro Tag. „Wir könnten noch weiter wachsen, aber mir gefällt die Entwicklung der Massentierhaltung schon lange nicht mehr. Ich habe mir immer mehr die Frage gestellt, ob das noch in Ordnung ist, was ich mache? Ich habe lange überlegt und viele Versuche gestartet. Biofleisch ist an der Menge gescheitert. Immer mehr ist der Entschluss gereift, vegetarische Nahrungsmittel erzeugen zu wollen. Ebenfalls hochwertig, aber nicht aus Fleisch“, resümiert Neuburger. Das Know-how holte er sich auf ausgedehnten Reisen in Taiwan, China und Japan. Hermann und Thomas Neuburger aßen dabei über Wochen zweimal täglich in verschiedenen Restaurants. Der Aufwand der Pioniere hat sich gelohnt. 40 Millionen Euro wurden investiert, knapp 25 allein in die Pilzzucht. 40 neue Arbeitsplätze wurden in der Region neu geschaffen.

Autor: Klaus Schobesberger, 29.04.2021