Briefmarken als Wertanlage

Schätze im Album: Briefmarken erzielten zuletzt
Höchstpreise – auch in Österreich. Lohnt sich ein Engagement?
Autor: Klaus Schobesberger, 15.12.2022 um 10:27 Uhr

Mit dem Tod von Queen Eliza­beth II. rückten auch ihre Schätze wie die Royal Philatelic Collection wieder ins mediale Scheinwerferlicht. Der Wert der (unverkäuflichen) Sammlung wird auf 100 Millionen Pfund (116 Millionen Euro) geschätzt. Von den teuersten Marken fehlt nur ein Objekt: die „British Guiana 1¢ magenta“. Sie kam 2014 bei Sotheby’s in New York für 9,5 Millionen Dollar unter den Hammer und gilt seither als die wertvollste Briefmarke weltweit. Katalogpreis heute: 10,8 Millionen Dollar. Ersteigert hat sie Schuhdesigner und Unternehmer Stuart Weitzman (81). Der US-Multimillionär ist seit Kindestagen ein leidenschaftlicher Briefmarkensammler.

Weniger Sammler, mehr Umsatz

Wie viele Sammler gibt es eigentlich noch in Österreich? Ein Indikator sind die Abonnenten der Post, die alle neu erscheinenden österreichischen Briefmarken erhalten. Zwischen 40.000 und 50.000 nutzen diesen Service. „Aus meiner Sicht sind das nicht alles automatisch ernsthafte Briefmarkensammler“, sagt Günther Stellwag, Obmann des 1880 gegründeten Philate­listenklubs Vindobona, des ältesten Briefmarkenvereins Österreichs. In Auktionshäusern, wo ausgesuchte, qualitativ hochwertige Objekte versteigert werden, geht man von 5.000 bis 6.000 ständigen Käufern in Österreich aus. „Demnach ist die Zahl der Sammler in den letzten Jahren zwar zurückgegangen, aber die verbleibenden sind ernsthafter und geben dafür immer mehr Geld aus“, sagt Stellwag. Genau für diese Gruppe sei das Thema ­Wertanlage interessant, weil zwei, drei Jahrzehnte Erfahrung für diese wissensintensive Materie nötig seien. Umgehen lässt sich dieser Weg mit zugekauftem Expertenwissen. Wer Briefmarken neben Aktien, Immobilien, Kunst, Uhren oder Antiquitäten als Teil des Anlage-Portfolios sieht, engagiert Fachleute, die am Markt die richtigen Objekte ersteigern. 

Briefmarken, die nie etwas gekostet haben, sind auch heute nichts wert.

Wer bestimmt den Preis?

Eine der wertvollsten Sammlungen mit Raritäten aus der Zeit der österreichischen Monarchie hält der Kunstsammler Herbert Liaunig. In seinem Museum in Neuhaus in Kärnten, stellte er einen Teil öffentlich aus, darunter einen „Zinnoberroten Merkur“, die auflagenmäßig seltenste Briefmarke Europas und teuerste Briefmarke Österreichs. Wer bestimmt eigentlich den Preis einer Briefmarke? „Ganz einfach, der Markt“, sagt Stellwag. Angebot und Nachfrage sind auch hier die entscheidenden Treiber. „Sie können bei Versteigerungen vorher nie sagen, wie viel ein Objekt einbringt. Bei Auktionen im August bei uns in Gmunden und am selben Tag in Wien wurden zwei Millio­nen Euro mit Briefmarken umgesetzt“, sagt Stellwag. 
 

„British Guiana  1¢ magenta“

Was tun mit geerbten Sammlungen?

Von Opas vererbter Briefmarkensammlung sollte man sich nicht allzu viel erwarten. Die entscheidende Frage für Stellwag ist: Hat der Großvater Geld investiert und gute, teure Sammlerstücke erworben oder hat er nur das Abo der Österreichischen Post gehabt? Dass die „Briefmarke die Aktie des kleinen Mannes“ sei, wie die Post vor 30 Jahren verlautbarte, kann Stellwag nicht nachvollziehen. „Briefmarken, die nie etwas gekostet haben, sind auch heute nichts wert.“ Von 100 Sammlungen, die auf den Markt kommen, ­seien 5 bis 10 Prozent brauchbar. Für Massenware ist eBay die richtige Plattform, je besser ein Stück ist, desto wichtiger ist der Weg zu den Auktionshäusern.

„Social Philatelie“ als Trend

Immer bedeutender für Sammler ist die Geschichte hinter der Briefmarke. „Bei Auktionen geht es heute großteils um gut erhaltene Briefe und eher selten um einzelne Marken“, sagt Stellwag. Berühmtestes Beispiel der Social Philatelie ist der Bordeaux-Brief, der bis 2014 das ­teuerste philatelistische Sammlerstück der Welt war. Auf dem Brief befinden sich je eine Blaue und Rote Mauritius sowie meh­rere Poststempel, die Auskunft über die verschiedenen Stationen der Route geben. Der Brief wurde am 4. Oktober 1847 vom Weinhändler Edward Francis von der Insel Mauritius im Indischen Ozean in die französische Stadt Bordeaux versandt. Nach einer Tour von 85 Tagen erreichte die Postsendung am 28. Dezember 1847 über England und Paris die Stadt Bordeaux. Empfänger war die Weinhandlung der Messieurs Ducan & Lurguie. Historische Raritäten dieser Art zu verkaufen fällt echten Sammler nicht leicht. Das gibt auch Stellwag zu: „Mir wurde für manche Objekte das Zehnfache vom Kaufpreis geboten, aber ich kann mich einfach nicht trennen.“